Beunruhigende Entwicklung in Deutschland

Schon Kinder haben Angst vor Armut

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Zu viele Kinder kennen Armut schon aus eigener Erfahrung

München - Armut, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit sind die Zukunftsängste, die schon Kinder am meisten bedrücken. Jedes dritte Kind fürchtet sich davor mehr als vor dem Verlust von Familien­angehörigen oder vor dem eigenen Tod.

 So lautet das Ergebnis des LBS-Kinderbarometers, für das 10 000 Neun- bis 14-Jährige befragt wurden. Die Armutsquote liege stabil zwischen 14 und 16 Prozent, monierte gestern die Nationale Armutskonferenz (NAK). Der Zusammenschluss von Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden wirft der Bundesregierung vor, das Verarmungsrisiko kleinzureden. Der Beirat des Wirtschaftsministeriums hingegen gibt zumindest hinsichtlich der Altersarmut Entwarnung: Die sei „derzeit kein allgemeines gesellschaftliches Problem“.

Wer ist eigentlich arm?

Das Statistische Bundesamt zählt diejenigen als armutsgefährdet, die weniger als 60 Prozent des nationalen Durchschnitts (Median) verdienen. In Deutschland liegt die Grenze für Singles damit bei netto 952 Euro im Monat. Auch die EU-Statistiker von Eurostat und die OECD ziehen die 60-Prozent-Schwelle heran.

Wann kommt der Armutsbericht in den Bundestag?

Erst im nächsten Jahr. Ende Januar soll der Entwurf dem Kabinett vorgelegt worden. Scharf kritisiert wurde Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), weil er die Ursprungsfassung von Ministerin Ursula von der Leyen hatte „schönen“ lassen. Auftraggeber für den Bericht ist das Parlament.

Was besagt der Bericht?

Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf, diese Entwicklung hat sich fortgesetzt. Michaela Hoffmann, Vizevorsitzende der Nationalen Armutskonferenz warf der Bundesregierung deshalb Versagen in der Sozialpolitik vor. Armut habe sich in Deutschland verfestigt. Ihr bitterer Schluss: „Armut ist politisch gewollt.“

Was trägt zur Verbreitung der Armut bei?

Die unzureichenden Hartz-IV-Sätzen sowie der immer stärker ausufernde Niedriglohn-Sektor. Die Weichen dazu habe der Gesetzgeber gestellt, so die NAK. Inzwischen arbeite fast jeder Vierte zu einem Niedriglohn. Die Grenze dafür liegt im Westen nach Feststellung des Instituts für Arbeit und Qualifikation bei 9,54 Euro, im Osten bei 7,04 Euro. Etwa 1,4 Millionen arbeiten danach sogar für weniger als fünf Euro in der Stunde. Damit sind die arbeitenden Armen („working poor“) nach den Worten des Wissenschaftlers Walter Hanesch zu einer wachsenden sozialpolitischen Größe geworden. Die NAK fordert den gesetzlichen Mindestlohn.

Wie sind Kinder betroffen?

Insgesamt erhalten laut dem Schattenbericht der NAK etwa 7,6 Millionen Menschen (9,3 Prozent der Bevölkerung) staatliche Leistungen zur Sicherung ihres Existenzminimums. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass 20,2 Prozent – ein Fünftel der Kinder in Deutschland arm sind. Kindern von Hartz-IV-Beziehern ermögliche auch das in der Reform beschlossene Bildungs- und Teilhabepaket keine Chance, aus dem Armutskreislauf herauszukommen, so Hofmann.

Was schlägt die Nationale Armutskonferenz vor?

Den Ausbau der sozialen Infrastruktur: schulische Ganztagsbetreuung, kostenloses Schulmittagessen, unentgeltliche Lernförderung oder freier Eintritt in Museen. Zumindest aber fordert die NAK fordert höhere Regelsätze, Förderprogramme gegen Wohnungsnot sowie eine umfassende Strategie der Armutsbekämpfung.

Wodurch soll Altersarmut verhindert werden?

Die NAK will statt der Zuschussrente (oder Lebensleistungsrente) eime Mindestrente auch für Menschen mit „gebrochenen Erwerbsbiografien“ sowie Geringverdienende.

Wie steht der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums zu diesem Thema?

Modelle wie die „Lebensleistungsrente“ der Koalition findet auch dieses Gremium nicht zielführend. Sie belasteten Beitrags- und Steuerzahler und schwächten Arbeitsanreiz, sagte Gutachter Axel Börsch-Supan. Junge Leute seien stärker als Ältere von Armut bedroht. Falls Altersarmut in Zukunft zu einem Problem werden sollte, sei das die Folge von negativen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Besonders bedroht: Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund. Förderungsmaßnahmen in diesen Bereichen könnten die Altersarmut am ehesten verhindern.

BW

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