Krawalle in England: "War geschockt und überrascht"

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Tony Myers, Produktionsredakteur für eine iPad-Version des "Guardian"

London - Die Bilder aus England sorgen für Fassungslosigkeit. Tony Myers, Produktionsredakteur für eine iPad-Version des „Guardian“, spricht über die Ereignisse, die die britische Hauptstadt in diesen Tagen in Atem halten.

Der Journalist legt im Interview mit der Kreiszeitung großen Wert auf die Feststellung, dass er seine persönliche Sichtweise beschreibt – nicht die des „Guardian“

Mr. Myers, Sie leben und arbeiten in London. Wie haben Sie persönlich den Ausbruch der Gewalt in den vergangenen Nächten erlebt?

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Tony Myers: Ich war geschockt und überrascht, wie schnell sich die Gewalt vom anfänglichen Ausbruch in Tottenham infolge der Proteste um den von der Polizei erschossenen Mann auf andere Bereiche von London und andere große englische Städten ausgebreitet hat. Ich selbst habe keine Gewalt miterlebt. Ich habe am Sonntag bis 2 Uhr morgens beim Guardian gearbeitet, und in Greenwich, wo ich lebe, gab es keine Unruhen. Aber ich habe eine Menge Polizei auf der Straße gesehen.

Die "Schlacht um London": Bilder von den Krawallen

Die "Schlacht um London": Bilder von den Krawallen 

Können Sie sich erklären, wie es zu solchen Gewalt-Exzessen vor allem junger Menschen kommen konnte?

Myers: Die Gewalt hat ihren Ursprung in einem ausgesprochenen Groll gegen die Polizei in vielen benachteiligten Vierteln. Die Polizei hat es versäumt, am ersten Krisenherd in Tottenham für Ruhe zu sorgen, indem sie mit den Kommunalpolitikern spricht. Das hat zu dem Ärger geführt. Menschen aus solchen Vierteln fühlen sich leicht vernachlässigt und schikaniert.

Wie geht aus Ihrer Sicht die Bevölkerung mit dieser Situation um?

Myers: Es besteht kein Zweifel daran, dass kriminelle Banden die Gelegenheit genutzt haben, Firmen und Geschäfte zu plündern und zu zerstören. Die Leute haben entsetzt darauf reagiert, dass die bei der Zerstörung ihrer Viertel zuschauen müssen, aber viele fühlen sich hilflos, nachdem die Polizei in den ersten Tagen nur langsam damit begonnen hat, auf die Unruhen zu reagieren sowie die Menschen und ihren Besitz zu schützen.

Die britischen Tageszeitungen haben das Thema natürlich auf ihren Titelseiten. Wie geht der Guardian an das Thema heran?

Myers: Der Guardian hatte ein Team von Reportern vor Ort und nutzt soziale Netzwerke wie Twitter, um die Ereignisse zu verfolgen und Live-Updates aus der Bevölkerung zu bekommen, die Nachrichten twittern, Videos, Bilder und so weiter posten.

Sie sind als Journalist ein genauer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen. Hätten Sie einen solchen Ausbruch mit Bränden, hemmungslosen Plünderungen und Straßenkämpfen in einer Stadt wie London jemals für möglich gehalten?

Myers: Ja, hätte ich. Und es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Die Studenten-Unruhen Ende vergangenen Jahres waren Ausdruck einer neuen Stimmung, als in England Sparmaßnahmen und Einschnitte im öffentlichen Dienst angefangen haben zu greifen. Ich befürchte, dass es noch mehr Gewaltausbrüche in ganz Großbritannien geben wird, wenn die Wirtschaft in Zukunft aufgrund der Finanzturbulenzen an den Märkten weiter leidet.

Angeblich war der Tod eines 29-jährigen Familienvaters Auslöser der Gewalt. Da werden Erinnerungen an einen vergleichbaren Fall in Los Angeles in den 90er Jahren wach. Halten Sie einen solchen Vergleich für gerechtfertigt?

Myers: Ich weiß nicht, auf welchen Fall in Los Angeles Sie sich beziehen, aber eine große Sorge ist die Wahrnehmung der Polizeibrutalität oder das strengen Vorgehen in jedweder Situation – gewöhnlich in benachteiligten Vierteln. Darauf reagieren die Leute. Ich bin mir sicher, dass der Sommer und das warme Wetter die Situation zusätzlich anheizen.

London ist im kommenden Jahr Gastgeber der Olympischen Spiele. Solche Nächte, wie wir sie jetzt erleben, sind keine gute Werbung. Wie muss London, wie müssen die Menschen in England mit dieser Situation umgehen, um das Image der Hauptstadt wieder aufzupolieren?

Myers: Das Timing ist unglücklich. Gerade sollen Mitglieder des IOC in der Stadt sein, um die Fortschritte für die Spiele zu inspizieren. Die Londoner sind sehr stolz auf ihre Stadt. Das Image ist zwar in Mitleidenschaft gezogen worden, allerdings finden die Spiele erst in einem Jahr statt, und das wird bis dahin vergessen sein. Generell ist es in London sicher. Ich lebe hier seit fast sieben Jahren und habe nie irgendeine Art von Gewalt erlebt oder musste irgendwo Angst haben – und ich habe in verschiedenen Gebieten gelebt, inklusive Lewisham, einer der sozial schwächsten Bezirke.

Von Guido Menker/Kreiszeitung

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