Sie arbeitete freiwillig als Hure

Warum ich mit 14 meinen Körper verkaufte

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Lisa (20) will jetzt ihr Abitur nachholen und studieren.

München - Lisa Müller erzählt in der tz ihre unglaubliche Geschichte. Die heute 20-Jährige arbeitete freiwillig als minderjährige Hure und zerbrach beinahe daran.

Lisa Müller ist eine hübsche junge Frau – vielleicht ist der Lippenstift ein wenig grell, das Make-up ein bisschen dick. Die honigblonden Haare trägt die 20-Jährige lang und glatt mit Pony. Sympathisch selbstbewusst ist ihre Ausstrahlung, die sie mit schwarzen Hotpants über blickdichter schwarzer Strumpfhose und einem Oberteil in schwarz-weißem Animalprint unterstreicht. Sie spricht mit schwäbischem Akzent, lacht gern. Lisa hat ein Buch geschrieben: Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich. Es ist die autobiografische Geschichte eines Teenagers aus dem 7200-Seelen-Ort Illingen im Schwäbischen, die Geschichte eines Mädchens, das sich mit 14 Jahren freiwillig für die Prostitution entscheidet und mit 18 beschließt, wieder auszusteigen.

Der erste Freier war 43 Jahre alt

„Mit zehn Jahren sah ich den Film Natalie – Endstation Babystrich. Das hat mich trotz aller Brutalität seltsam fasziniert. Ich dachte mir: Das will ich auch eines Tages machen.“ Die erste konkrete Möglichkeit ergibt sich mit 14. „Der Typ war 43, ich lernte ihn auf einer Party kennen und es war klar, das er Sex wollte. Ich habe dafür Geld gefordert. Er ist sofort darauf eingegangen.“ Für 100 Euro schläft Lisa mit dem Mann. Ihr erster Freier. „Ich fand mich so cool. Ich hatte ein Geheimnis, von dem niemand wusste. Am nächsten Tag habe ich das Geld vershoppt.“

Lisa Müller: „Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich“ ist im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen und kostet 9,95 Euro

Sie findet ihre Freier über Chat­rooms im Internet. Dabei hat sie zunächst nur ein harmloses Profil mit Altersangabe und einem Portraitfoto hochgeladen, doch die eindeutigen Angebote kommen prompt. Als sie 16 ist, wechselt Lisa in ein Erotikportal, schaltet Anzeigen. „Die meisten Zuschriften erhielt ich, als ich schrieb: ,Soll ich deine Tochter spielen?’ Mein Postfach ist fast übergelaufen. Manche Männer haben sogar mehr gezahlt, wenn ich ihnen mit meinem Ausweis mein Alter bewiesen habe.“ Viele erzählen ihr von ihren Familien und Töchtern, die etwa so alt sind wie Lisa. „Abstoßend, oder?“, fragt die junge Frau. „Es gab ganz nette, es gab auch Arschlöcher – irgendwann war es egal, da zählte nur noch die Kohle.“ Sie trifft die Männer im Auto, im Hotel, in Büros. Wenn sie nicht verheiratet sind, auch zu Hause. Es sind Anwälte, Ärzte, Firmeninhaber, Unternehmensberater – alles zwischen 26 und 60 Jahren.

Mit der Zeit wird es Lisa „scheißegal“, mit wem sie ins Bett geht. „Da ging es nicht um meine Lust, sondern nur noch ums Geld.“ Durchschnittlich verdient sie 200 Euro pro Treffen – mal mehr, mal weniger, „dem Geldbeutel des Mannes angepasst.“ Einer gab ihr 5000 Euro für sechs Treffen binnen eines Monats.

Lisa träumt von Psychologiestudium

Als sie vergewaltigt wird, schweigt Lisa. Zu groß ist die Angst, als minderjährige Prostituierte aufzufliegen. Lange hört das Mädchen nicht auf die Alarmsignale, die ihre Seele von sich gibt. „Klar, habe ich manchmal überlegt, was ich da tue. Klar, war da manchmal Ekel. Und ich hatte psychische Hänger. Ich habe das ignoriert, beiseite gewischt. Aber irgendwann kam alles so geballt, dass ich nicht mehr in der Lage war, irgendetwas zu tun. Ich habe nur noch geheult, wollte niemanden sehen. Schon der Gedanke an Sex ließ mich würgen. Ich konnte nicht mehr.“

Hilfe für ihren Ausstieg nimmt sie nicht in Anspruch: Ihr Buch wird zur Selbsttherapie. Nach Wochen der Lähmung, nur unterbrochen vom Schreiben einzelner Kapitel, fängt sie wieder an zu arbeiten – in einer Bäckerei. Heute ist sie in einem Büro angestellt. Im Sommer möchte sie auf der Abendschule ihren Realschulabschluss und das Abitur nachholen. Ihr Traum: ein Psychologiestudium. Einen Freund hat sie auch: „Er ist 47 und kennt meine Geschichte. Durch ihn normalisiert sich mein Verhältnis zum Sex langsam. Er sieht mich als Mensch, nicht als Objekt. Das macht es für mich überhaupt erst möglich, dass ich wieder eine Beziehung führen kann.“

"Ich brauchte die Bestätigung"

Anzunehmen, sie sei ein Einzelfall, sei fatal: „Ich habe auf Bitten eines Freiers mal im Chatroom nach einem zweiten Mädchen gesucht. Man glaubt nicht, wie viele sich daraufhin gemeldet haben. Das Geld reizt viele.“ Daher möchte sie junge Mädchen warnen: „Lasst es sein! Ich habe Glück gehabt – ich lebe, mir geht’s gut, ich bin gesund. Aber das kann auch anders laufen. Und ich möchte an alle Mitmenschen appellieren: Macht die Augen auf!“ Natürlich habe es im Dorf Gerede gegeben, auch die Mutter hat davon gehört. Aber es genügte allen, wenn Lisa es einfach bestritt. „Guckt genauer hin“, ist deshalb ihre Botschaft.

Bleibt die Frage nach dem Warum. „Ich brauchte anfangs die Bestätigung.“ Ein kleines dickes Kind sei sie gewesen, erzählt Lisa, und kramt nach Beweisfotos in ihrer Handtasche. Die Bilder zeigen einen lustigen, pausbäckigen Lockenkopf. „Das dicke kleine Mädchen steckt ganz tief in mir drin. Der Gedanke, dass Männer bereit sind, für Sex mit mir Geld zu bezahlen, gab mir ungeahnte Selbstbestätigung.“ Geld war und ist Lisa bis heute wichtig: „Nicht, dass meine Familie arm gewesen wäre. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass nichts da ist. Ich brauchte Sicherheit.“ Sich an das Geld gewöhnt zu haben und nun mit deutlich weniger auskommen zu müssen, sei schon krass. Lisa: „Die Versuchung, wieder einzusteigen, ist immer da. Vor allem in Zeiten, wenn das Geld knapp ist.“

Hat sich ihr Männerbild durch die vier Jahre Prostitution verändert?„ Oh ja. Sobald ich dieses lüsterne Glitzern in ihren Augen sehe, könnte ich sie ihnen auskratzen.“

Katrin Basaran

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