Nach dem Fund der Rosenberg-Tagebücher

Muss Nazi-Geschichte neu aufgerollt werden?

+
Die Angeklagten vor dem internationalen Militärgericht hören die Verlesung der Anklageschrift bei der Eröffnung des Nürnberger Kriegsverbrecher-Hauptprozesses am 20. November 1945 im Gerichtssaal des Justizpalastes in Nürnberg (Archivfoto von November 1945). In der zweiten Reihe sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Hans Frank. In der hinteren Reihe sind (von links) die Angeklagten Karl Dönitz, Erich Räder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel und Alfred Jodl zu sehen. Die Verteidiger sitzen vor den Angeklagten.

München - Nach dem spektakulären Fund der Rosenberg-Tagebücher spricht Historiker Prof. Götz Aly im tz-Interview über die Bedeutung der Dokumente. Muss die Geschichte nun neu aufgerollt werden?

Prof. Götz Aly

In den USA sind die Tagebücher des Hitler-Vertrauten Alfred Rosenberg aufgetaucht. Prof. Götz Aly ist Historiker, Journalist sowie Autor u. a. der Sachbücher „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ und „Die Belasteten“ spricht im tz-Interview über die Bedeutung des Fundes.

Wenn eine Zeit ausführlich erforscht wurde, dann ist es doch die Zeit des Nationalsozialismus. Kann dieser Fund überhaupt noch neue Erkenntnisse liefern?

Prof. Götz Aly: Den politischen Tagebüchern Rosenbergs kommt erhebliche Bedeutung zu – vor allem für die Zeit von 1938 bis 1945. Aus dem Zentrum der Macht Hitlers existieren nur wenige Primärquellen. Es gibt die Hitler’schen Tischgespräche, die Monologe, die politischen Tagebücher von Hans Frank und Joseph Goebbels. Da können Rosenbergs Tagebuchnotizen wichtige Einblicke und Zusatzinformationen enthalten.

Ein paar Auszüge sind bereits durch die Nürnberger Dokumente bekannt.

Prof. Götz Aly: Ja, und sie werden seither als wichtige Quelle benutzt. Interessant an dem wiederentdeckten Dokument werden bestimmte Einzelheiten sein. Rosenberg hatte seit 1941 eine hervorragende Stellung als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete inne und war deshalb in die gesamte Verbrechenspolitik der damaligen deutschen Regierung involviert. Wichtig ist jetzt, dass insbesondere dieser Teil der Tagebücher bald veröffentlicht wird, damit man vernünftig darüber reden kann. Der Quellenrang erscheint mir in jedem Fall bedeutsam.

Der Archivar des Holocaust Museum glaubt, das Teile des Materials die geschriebene Geschichte widerlegen.

Prof. Götz Aly: Ach nein. Es gibt nicht „die geschriebene Geschichte“, sondern unterschiedliche Sichtweisen, konkurrierende Erklärungen dafür, wann, wie und von wem mit welchen Argumenten und Interessen über die Kriegsführung in der Sowjetunion und über den Mord an den europäischen Juden entschieden wurde. Möglicherweise stärkt der Inhalt der Tagebücher die eine oder andere Sicht, aber dass die Geschichte des Holocaust in wesentlichen Punkten neu geschrieben werden müsste, ist nicht entfernt zu erwarten. Das ist übrigens auch nicht infolge der sehr viel umfassenderen Goebbels-Tagebücher geschehen, die in den vergangenen 20 Jahren veröffentlicht wurden.

So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Damals hat man offensichtlich viel Tagebuch geschrieben.

Prof. Götz Aly: Mehr als heute. Die Politiker, die das gemacht haben – Rosenberg, Goebbels oder Frank –, wollten so für die Nachwelt ihre Wichtigkeit darstellen, was sie Großes geleistet haben. Deshalb erfordert die Herangehensweise auch immer ein gehöriges Maß an Quellenkritik und Vorsicht im Umgang mit den Inhalten.

Noch kurz zur Person von Rosenberg selbst. Wie muss man ihn einordnen?

Prof. Götz Aly: Er hatte Erfahrungen mit der bolschewistischen Revolution und mit der deutschen Minderheit im Baltikum. Er galt als intellektuelles parteiideologisches Gehirn. Politisch-praktisch hatte er zunächst wenig zu sagen. Dann aber kam 1941 seine Stunde: Als Russlandkenner und Ostminister war er maßgeblich an der Planung und praktischen Durchführung des Krieges gegen die Sowjetunion beteiligt – eines Krieges, den die deutsche Führung von Anfang an als beispiellosen Eroberungs-, Raub- und Vernichtungskrieg anlegte. Ich werde das Tagebuch Rosenbergs Seite für Seite lesen und bewerten, sobald es – am besten im Internet – allgemein zugänglich gemacht wird.

Katrin Basaran

tz-Stichwort: Alfred Rosenberg

Der Baltendeutsche Alfred Rosenberg, am 12. Januar 1893 im heutigen Tallinn als Kaufmannssohn geboren, flüchtete 1918 ein Jahr nach der Oktoberrevolution nach München. Dort lernte der Ingenieur Adolf Hitler kennen und gehörte schon bald zu dessen engsten Vertrauten. 1920 wurde er Mitglied der NSDAP und begann antisemitische Hetzschriften zu veröffentlichen, die erheblich zur Verschärfung des Judenhasses in Deutschland führten. Im Zweiten Weltkrieg unternahm er mit seinem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg Beutezüge in ganz Europa – vor allem zum Raub von Kulturgütern. Später zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannt, ist er für die Ermordung und systematische Vernichtung der Juden verantwortlich. Am 16. Oktober 1946 wurde er vom Nürnberger Kriebsverbrechertribunal zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Bis heute ist nicht sicher, ob Rosenberg nicht selbst jüdische Vorfahren hatte. Sämtliche Dokumente, die Aufschluss darüber geben könnten, sind vernichtet.

auch interessant

Meistgelesen

Bus wird bei Verona zur Todesfalle: Heldenhafter Sportlehrer
Bus wird bei Verona zur Todesfalle: Heldenhafter Sportlehrer
Bomben-Alarm: Eurowings-Flieger nach Köln evakuiert
Bomben-Alarm: Eurowings-Flieger nach Köln evakuiert
Pilotenfehler soll zu Absturz geführt haben
Pilotenfehler soll zu Absturz geführt haben
Zwei Tote nach Geisterfahrer-Unfall
Zwei Tote nach Geisterfahrer-Unfall

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion