Krisenstab tritt zusammen

Magen-Darm-Viren: 6000 Kinder erkrankt

Berlin - In Ostdeutschland haben sich mehr als 6000 Kinder und Jugendliche mit einem Magen-Darm-Erreger infiziert. Noch ist unklar, was genau die Krankheitswelle ausgelöst hat.

Wegen des dramatischen Anstiegs der Magen-Darm-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hat das Bundesernährungsministerium einen internen Krisenstab eingerichtet. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur dpa leiden in fünf Ost-Bundesländern fast 7000 Schüler, Kindergartenkinder und auch einige Lehrer an Durchfall und Erbrechen. Alle Betroffenen haben Kantinenessen vom gleichen Anbieter gegessen. Unter Leitung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) wurde eine Bund-Länder-„Task-Force“ eingerichtet, die mit den Gesundheitsbehörden die Aufklärung vorantreiben will.

Die Krankheitswelle hat Sachsen, Thüringen, Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt erfasst. Zu den ersten Beschwerden war es am Dienstag gekommen. Mecklenburg-Vorpommern blieb nach bisherigen Erkenntnissen verschont. Unklar war, ob Noroviren, Salmonellen (Bakterien) oder gar natürliche Gifte Auslöser für eine der bundesweit größten Magen-Darm-Erkrankungswellen der vergangenen Jahre waren.

Norovirus: Das sind die schlimmsten Fälle

Kantinenessen
Schmerzen, Übelkeit und Fieber - Salmonellen und auch das Norovirus führen zu Durchfall und Erbrechen. Oft sind Schulen und Kindergärten betroffen. Einige Fälle: © dpa
September 2012: Mindestens 4000 Kinder und Jugendliche und vereinzelt auch Lehrer in Sachsen, Thüringen, Berlin und Brandenburg sind, laut Angaben des Robert-Koch-Institut (28. September 2012) an Durchfall erkrankt und müssen sich übergeben. Die Ursache ist noch immer unklar. Noch tappen die Behörden im Dunkeln. © dapd
Juni 2011: In einem Zeltlager in Bad Segeberg infizieren sich 300 Teilnehmer an dem Norovirus. 143 mussten in Kliniken eingeliefert werden.  © dpa
Januar 2011: Ein Fahrgastschiff mit rund 140 Passagieren an Bord steht in Koblenz auch an Neujahr unter Quarantäne. An Silvester waren dutzende Fahrgäste an Brechdurchfall erkrankt. © dpa
September 2010: Bei einer Klassenfahrt in die Lüneburger Heide infizieren sich rund 50 Schüler und mehrere Lehrer einer Gesamtschule aus Bovenden bei Göttingen mit einem Virus. Mehrere Kinder müssen mit Magen-Darm-Beschwerden ins Krankenhaus. © dpa
September 2010: Eine Grundschule bei Delmenhorst (Niedersachsen) muss mehrere Tage schließen und gründlich gereinigt werden. Viele Kinder leiden unter Erbrechen und Durchfall. Ursache ist vermutlich das Norovirus. © dapd
April 2008: In zwei hessischen Kindergärten und einer Grundschule erkranken 40 Kinder an Salmonellen. Sie klagen über Fieber und Kopfschmerzen sowie starken Durchfall. Woher die Bakterien stammten, bleibt ungeklärt. © dapd
April 2008: Nach einer Salmonelleninfektion müssen 60 Kinder und sechs Erwachsene im Raum Görlitz (Sachsen) ärztlich versorgt werden. Die drei betroffenen Kindertagesstätten waren aus derselben Küche beliefert worden. © dapd
Dezember 2007: Rund 100 Kinder und einige Lehrer einer Münchner Grundschule erkranken am Norovirus. Um die Räume zu desinfizieren und um weitere Infektionen zu vermeiden, bleibt die Schule tagelang geschlossen. © dpa
August 2007: Dutzende Kinder und zwei Erzieher erkranken in Hagen, Herdecke und Wetter (Nordrhein-Westfalen) an Salmonellen. Grund ist ein defektes Temperaturmessgerät in einer Großküche. © dpa
Mai 2007: Über 170 Kinder und ein Erwachsener erkranken an mehreren Schulen und Kindertagesstätten in Sachsen-Anhalt an Salmonellen. Ins Visier der Lebensmittelüberwachung gerät ein Essensanbieter. © dapd

Fest stand bis Freitag nur, dass die Betroffenen in allen fünf Ländern Essen des Unternehmens Sodexo mit Sitz in Rüsselsheim zu sich nahmen. Allerdings sieht sich der Zulieferer nicht verantwortlich: Nach vergleichbaren Untersuchungen gebe es keine Hinweise darauf, dass die Fälle mit Sodexo-Produkten zusammenhängen, teilte das Unternehmen mit.

Zur Ursache machte das Robert Koch-Institut (RKI) am Freitagnachmittag keine Angaben. „Wir äußern uns nicht zum Erreger“, sagte Sprecherin Susanne Glasmacher. In Berlin haben die Behörden Noroviren und natürliche Gifte (Toxine) als mögliche Erreger im Verdacht. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene könnten Salmonellen oder Noroviren Auslöser der Erkrankungen sein. „Auf jeden Fall muss es Hygienefehler bei der Produktion gegeben haben“, sagte Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Zastrow am Freitag der dpa mit Blick auf das Essen.

Nach RKI-Angaben wurden seit Dienstag mindestens 4600 Krankheitsfälle bekannt. Sie seien überwiegend unkompliziert verlaufen. Nach dpa-Recherchen in den Bundesländern sind hingegen bereits mehr als 6000 Erkrankungen gemeldet worden: 2176 in Berlin, rund 2000 in Sachsen, 1750 in Brandenburg, 764 in Thüringen und 90 in Sachsen-Anhalt. In den meisten Ländern waren die Zahlen im Verlauf des Tages deutlich in die Höhe gegangen.

Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) erklärte am Rande der Herbstkonferenz der Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern in Schöntal (Baden-Württemberg), dass die Ursache schnellstmöglich gefunden werden müsse.

Die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Nicole Maisch, kritisierte unterdessen, dass noch immer ein nationaler Krisenstab mit Durchgriffsbefugnissen fehle. Die aktuellen Erkrankungen zeigten, dass Krisen nicht an Bundesländergrenzen halt machten. Dass die Behörden in den einzelnen Ländern nach eigenem Ermessen handeln, funktioniere in Krisensituationen nicht.

Von der SPD kam die Forderung nach verpflichtenden Qualitätsstandards für das Schulessen. Die Qualität des Essens müsse das erste Wahlkriterium sein und nicht der günstigste Preis. „Eine gesunde Schulverpflegung ist für Kinder und Jugendliche so wichtig wie Mathe oder Deutsch. Sie darf auf keinen Fall krank machen“, sagte die Abgeordnete Petra Crone.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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