Ökonomen: Atomkatastrophe kann Wachstum weltweit bremsen

Berlin - Immer mehr Volkswirte warnen vor den Folgen eines möglichen Super-GAUs in Japan für die Weltwirtschaft. Die Konjunktur im Land der Mitte ächzt auch ohne Atomunglück unter den Folgen des Erdbebens.

Angesichts der drohenden Atomkatastrophe in Japan warnen Volkswirte vor Ansteckungsgefahren für die Weltwirtschaft. Falls die Lage am Atomkraftwerk Fukushima Eins außer Kontrolle gerate, drohten massive Folgen für die globale Konjunktur, warnte der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz in der "Rheinischen Post" (Samstag): "Die Folgen könnten im Extremfall für Japan desaströs sein und erhebliche weltwirtschaftliche Bremsspuren hinterlassen." Deutsche Bank-Chefökonom Thomas Mayer sagte: "Eine Atomkatastrophe könnte zu einem Vertrauensschock auf der ganzen Welt führen, der sich über die Finanzmärkte in die reale Wirtschaft übertragen könnte."

Auch die Dekabak befürchtet, dass ein Super-GAU in Fukushima die Weltwirtschaft schwächen würde. Denn eine Verstrahlung in einem Umkreis von 300 Kilometern würde neun japanische Präfekturen betreffen, die rund 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen, zitiert die "Welt am Sonntag" aus einer Analyse der Bank. In diesem Fall rechne die Dekabank damit, dass sich das globale Wachstum um einen Prozentpunkt abschwächt.

Japan-Katastrophe: Bilder vom Samstag

Japan-Katastrophe: Bilder vom Wochenende

Durch die Erdbebenkatastrophe seien Kosten für die japanische Volkswirtschaft von 137 Milliarden Euro entstanden. Diese Summe entspreche 3,2 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Die Volkswirte setzten ihre Wachstumsprognose für Japan für dieses Jahr von 1,5 auf 1,0 Prozent herab, berichtet das Blatt.

Die Erdbebenfolgen allein würden sich auf die globale Konjunktur aber nicht auswirken. "Für die Entwicklung der Weltwirtschaft ist es letztlich von nachrangiger Bedeutung, ob Japan in einer Rezession steckt", sagte Dekabank-Volkswirt Rudolf Besch der Zeitung. Dafür sei das Land zu isoliert und exportiere und importiere zu wenige Güter: "Da auch Japans Immobilien- und Finanzmärkte zu wenig mit dem Rest der Welt vernetzt sind, wird es auch zu keinem Unsicherheitsschock kommen, der den Aufschwung der Weltwirtschaft gefährdet."

Franz ist überzeugt, dass direkte Effekte auf die deutsche Wirtschaft begrenzt wären. "Es gibt aber auch Drittlandeffekte: Länder wie etwa China, die stärker mit Japan verflochten sind, werden Einbußen haben und deshalb unsere Exportprodukte dann möglicherweise weniger nachfragen", sagte der Vorsitzende des Wirtschafts-Sachverständigenrats der Bundesregierung.

Hingegen sieht der Ökonom Thomas Straubhaar den Aufschwung der Weltwirtschaft auch ohne Super-Gau in Gefahr. "Erst die Krise in Arabien, dann der Ölpreis, jetzt Japan: Jede dieser Krisen einzeln wäre zu bewältigen, aber in dieser Konzentration könnte eine explosive Mischung entstehen, die den Aufschwung der Weltwirtschaft gefährdet", sagte der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) der "Welt am Sonntag": "Mir macht große Sorgen, dass die kritische Marke erreicht sein könnte."

Straubhaaar fürchtet einen Dominoeffekt: "Kommt es in Japan zu einem Wirtschaftseinbruch, ist die Ansteckungsgefahr hoch. Die Krise könnte mittelfristig auf die Energiemärkte, den Bankensektor und dann auf die Staatsschuldenkrise in Europa übergreifen", warnte der Ökonom.

Andere Experten sind optimistischer. Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, sagte dem Blatt: "Die Risiken für den Aufschwung haben sicherlich zugenommen. Unser Basis-Szenario für 2011 ist aber weiterhin ein Wachstum der Weltwirtschaft von rund fünf Prozent."

dpa

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