tz-Interview mit Gesche Jürgens von Greenpeace

Abgeholzter Regenwald, bedrohte Tierarten: Der Palmöl-Wahnsinn

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Regenwälder werden für Palmölplantagen abgeholzt.

In fast jedem zweiten Lebensmittel sowie in vielerlei Kosmetika ist einer der wichtigsten nachwachsenden Rohstoffe enthalten: Palmöl! Doch warum werden für das Öl Regenwälder abgeholzt und Lebensräume vernichtet?

Die tz sprach mit Gesche Jürgens von Greenpeace:

Was hat es mit dem Palmöl-Wahnsinn auf sich?

Gesche Jürgens, Greenpeace: Die Ölpalme ist die ertragreichste Ölpflanze, die es gibt, kann aber eben nur in den Tropen angebaut werden. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte ging dahin, dass die Anlage von Palmölplantagen immer mit massiven Einschnitten in Flora und Fauna einherging. Die verheerenden Waldbrände in Indonesien sind nur ein Ergebnis dieser Entwicklung. Weite Teile Indonesiens haben sich, auch aufgrund der Zerstörung durch die Plantagenindustrie, bis heute schlicht und einfach in eine riesige Streichholzschachtel verwandelt.

Was genau sind Ihre Kritikpunkte?

Jürgens: Dass die Produktion von Palmöl nach wie vor in Verbindung steht mit der Zerstörung von Regenwäldern und Torfmooren, mit der Verletzung von Menschenrechten, sehr zweifelhaften Arbeitsbedingungen, Pestizideinsatz, um nur einige zu nennen.

Wie viel Palmöl verbraucht Deutschland?

Jürgens: Deutschland verbraucht im Jahr ca. 1,4 Millionen Tonnen. Das ist eine Zahl aus dem Jahr 2013. Über die Hälfte davon wurde in unseren Dieseltanks verbrannt. Und in jedem zweiten Produkt, das wir in Supermärkten kaufen können, ist Palmöl enthalten!

Also ist das im Alltag eigentlich gar nicht zu vermeiden?

Jürgens: Richtig. Aber es muss schon gesagt werden, dass es für den Verbraucher transparenter geworden ist, in welchen Produkten Palmöl enthalten ist. Seit Ende 2014 muss auf Lebensmitteln gekennzeichnet werden, welche Pflanzenöle verarbeitet wurden.

Ist es unmöglich, darauf zu verzichten?

Jürgens: Nein, es ist nicht unmöglich. Obwohl, wenn man ein Dieselfahrzeug fährt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, da in der vorgeschriebenen Beimischung von Pflanzenöl meist auch Palmöl enthalten ist. Im Alltag kann man schon palmölfrei leben, aber durch die Vorteile, die die Verwendung von Palmöl hat, würden wir als Greenpeace die Verwendung davon auch gar nicht infrage stellen!

Sondern?

Um diese kleinen Früchte geht es: Die Frucht der Ölpalme ist ein begehrtes Gut.

Jürgens: Es geht nicht um das reine Produzieren, sondern um die Umstände und Bedingungen. Das Wie und Wo ist entscheidend! Wir wollen, dass die Produktion nicht mehr die Zerstörung von Regenwäldern und Torfmooren zur Folge hat. Diese Umwandlung muss aufhören! Dazu kommt ein Verbot des Einsatzes von Pestiziden auf den Plantagen und ein Schwerpunkt bei sozialen Aspekten – eine bessere Einbindung der Menschen vor Ort und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sowie faire Löhne, sind wichtig!

Und was hat es mit dem „Forum nachhaltiges Palmöl“ auf sich?

Jürgens: Das ist ein Zusammenschluss von Unternehmen, mit Unterstützung der Bundesregierung, um die Nachfrage an Palmöl in Deutschland auf zertifiziertes Palmöl zu richten. Dort wird zusätzlich angestrebt, die angesprochenen strengen Kriterien einzufordern und umzusetzen.

Ist die EU auch mit Schuld an der Situation? Blicken wir zum Beispiel auf die Idee des Einsatzes von Palmöl als Kraftstoff!

Jürgens: Ja natürlich und wir setzen auch ein komplett falsches Beispiel! Indonesien folgt dem Beimischungsbeispiel und will den Anteil an Palmöl im Verkehr in den kommenden Jahren noch erhöhen. Sie wollen dadurch Emissionen sparen, obwohl sie in den vergangenen Wochen, aufgrund der Waldbrände, zu einem der größten Treibhausgasemittenten geworden sind. Das ist absurd!

Darunter leidet natürlich auch die Tierwelt – Sumatra-Tiger, Orang Utans! 

Jürgens: Die Population, sowohl von Sumatra-Tigern als auch von Orang Utans auf Borneo ist drastisch zurückgegangen, beide Arten sind stark bedroht. Auf Sumatra wird geschätzt, dass nur noch ungefähr 400 Tiger in freier Wildbahn verbleiben – sie sind massiv vom Aussterben bedroht. Das sind zwar alles Schätzungen, da man die genauen Zahlen nicht kennt, aber große Teile der Populationen sind vor allem jetzt durch die Brände einfach bedroht. Das Feuer greift ja auch auf Schutzgebiete über – da gibt es auch schon die nächste Absurdität!

Erzählen Sie bitte!

Jürgens: Wie ich vor Kurzem auf einer Veranstaltung der indonesischen Regierung gehört habe, darf, wenn es sich um geschützte Gebiete handelt, niemand hinein – auch nicht bei Bränden! Somit können in diesen Schutzgebieten, wo unter anderen diese Tiere eben ihren Lebensraum haben, die Feuer nicht gelöscht werden. Auch wenn es Schutzgebiete sind, das heißt ja nicht, dass Menschen ausgeschlossen werden sollen, sondern nur die generelle industrielle Nutzung dieser Fläche untersagt ist. Das ist einfach traurig zu sehen, wenn solche Wälder dann in Flammen stehen und nichts dagegen unternommen werden kann, aufgrund einer solch absurden Regelung.

Interview: Dominik Laska

Supermärkte sind voll mit Palmölprodukten

Fertigpizza, Waschmittel, Duschgel, Frühstücksaufstriche, Schokoladenkekse- und Riegel, Fertig­suppen, Lippenstift, Eyeliner, Mascara, Speiseeis … Palmöl steckt in Tausenden von Produkten. Schätzungen zufolge ist in fast jedem zweiten Lebensmittel Palmöl enthalten – auch in vielen Bioprodukten oder im Biodiesel.

Der Grund ist ganz einfach: Es ist mit Abstand das billigste Pflanzenöl, außerdem ist es aufgrund seiner chemischen Eigenschaften vielseitig einsetzbar. Es hat einen hohen Schmelzpunkt, ist deshalb streichfähig und geschmeidig. Immerhin: Seit 13. Dezember 2014 gilt innerhalb der EU eine Kennzeichnungspflicht, das heißt: Wenn Palmöl verwendet wurde, muss es auf Verpackungen ausgewiesen werden.

Einige Unternehmen haben darauf reagiert, nutzen jetzt Raps- oder Olivenöl. Andere, wie Unilever, nutzen zwar weiter Palmöl, aber nur noch solches, das aus nachhaltigem Anbau entstammt. Das soll die Zukunft sein, wie Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) am Mittwoch anlässlich der Gründungsversammlung des Vereins Forum Nachhaltiges Palmöl (Fonap) in Berlin betonte.

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