Seine Symbole der Bescheidenheit

Der Papst der Armen: Franziskus in Brasilien

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Papst Franziskus in Rio de Janeiro

München/Rio de Janeiro - Das tz-Wochenendthema: Der Papst der Armen und Ausgegrenzten ist bei seiner ersten Auslandsreise nach Brasilien ganz in seinem Element.

Beim Weltjugendtag in Brasilien zeigt Franziskus, dass es ihm wirklich ernst ist mit der Kehrtwende der Katholischen Kirche weg vom Pomp hin zur Bescheidenheit! Er besuchte trotz massiver Sicherheitsbedenken eine als gefährlich geltende Armensiedlung in Rio de Janeiro und traf sich mit jugendlichen Strafgefangenen. Gesten, die die Brasilianer, aber auch Gläubige und Nichtgläubige weltweit begeistern. Das tz-Wochenendthema stellt den Papst der Armen vor – und beleuchtet, wie sehr Franziskus die Kirche revolutioniert.

Eine Revolution für die Katholische Kirche

Der Standpunkt von Alois Glück

Der langjährige CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag ist Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Papst Franziskus weckt bei vielen Menschen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche große Hoffnungen. Gleichzeitig schweben dabei viele gewissermaßen zwischen Hoffen und Bangen – wird er auch wirksame Veränderungen in der katholischen Kirche bewirken? Damit verbindet sich aber gleich die Frage, welcher Maßstab für eine solche Bewertung gilt. Wer damit Erwartungen revolutionärer neuer Lehrentscheidungen und „theologische Revolutionen“ erwartet, wird enttäuscht werden. Damit würden in der katholischen Kirche auch nur große Debatten und Konflikte ausgelöst, Polarisierungen würden eher lähmen, Veränderungen würden kaum in Gang kommen. Der Veränderungsprozess ist aber bereits im Gang! Dieser Papst setzt neue Kräfte frei!

Das Kirchenverständnis und das Amtsverständnis von Papst Franziskus ist ausgedrückt in seiner revolutionären und aufrüttelnden Rede vor den Kardinälen vor dem Konklave. Diese wussten also, wen sie wählen! Er geißelte darin eine in sich selbst verliebte und um sich selbst kreisende Kirche, er sprach von einer „narzisstischen Theologie“. Sein Programm, das er spürbar lebt und deswegen die Menschen so fasziniert, ist die bedingungslose Zuwendung zu den Menschen. Nicht nur zu den Mitgliedern der katholische Kirche. Sein Programm, seine Richtschnur ist der Satz von Jesus, den das Evangelium überliefert: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan.“ Das ist der Antrieb seiner Zuwendung zu den Armen.

Das Revolutionäre dieses Papstes ist sein Kirchenbild. Kirche ist kein Selbstzweck. Er steht für eine den Menschen dienende Kirche.

Die zweite tief greifende Veränderung für die katholische Kirche ist, dass das Denken und Handeln des Oberhauptes nicht mehr von der europäischen Erfahrungswelt, den europäischen Bedingungen, dem europäischen Denken geprägt ist. Das ist ungeheuer wichtig für die katholische Weltkirche, da die große Mehrheit ihrer Mitglieder in anderen Kontinenten lebt, in ihren Schwerpunkten in Lateinamerika und in Afrika. Für uns Europäer ist das die mitunter schmerzliche Erfahrung, die wir im Globalisierungsprozess lernen mussten: Europa ist nicht mehr der Mittelpunkt der Welt.

In der Konsequenz wird der römische Zentralismus, der die letzten Jahrzehnte die Entwicklung der katholischen Kirche so stark geprägt hat, keine neue Fortsetzung finden. Das wird Konflikte auslösen, es wird verdeckte und offene Machtkämpfe geben. Die Kirche ist insoweit auch eine sehr weltliche Gemeinschaft. Es ist aber eine neue Chance für die Kirche, mit einer neuen Balance von Vielfalt und Einheit, regionalen Handlungsspielräumen und Verbindung der Weltkirche im Papst, der Vielfalt der Lebenswelten der Menschen von heute besser gerecht zu werden.

Die Verbindung zweier historischer Ereignisse – dem Rücktritt eines Papstes und einem Nachfolger aus einer ganz anderen kirchlichen und gesellschaftlichen Welt – wird die katholische Kirche verändern. Wie – das wissen wir nicht. Das ist in unserem Glaubensverständnis das Werk des „Heiligen Geistes“, des Geistes Gottes.

Alois Glück

In Rio de Janeiro trifft er Häftlinge und besucht Elendsviertel

Am Sonntag endet die erste Auslandsreise des Papstes Franziskus – und schon jetzt lässt sich bilanzieren: Der neue Papst hat die Hoffnungen vieler Gläubiger auf einen neuen Stil in der Katholischen Kirche nicht enttäuscht!

Denn in Rio de Janeiro begeisterte er nicht nur rund eine Million Gläubige aus aller Welt bei einer Messe und einem Kreuzweg an der Copacaban. Der Papst ging bewusst auch dorthin, wo die meisten wohlhabenden Brasilianer sich nicht hintrauen: In eines der berüchtigsten Elendsviertel Rios, Varginha. Bis vor einem halben Jahr war diese Favela (portugiesisch für „Armenviertel“) einer der gefährlichsten Orte der ohnehin gefährlichen Stadt. Doch im Zuge der Vorbereitungen für die kommenden Olympischen Spiele und der Fußball-WM hat die Polizei zuletzt versucht, die Drogenmafia aus dem Viertel zu drängen.

Der Papst spazierte durch die Armensiedlung, umarmte und küsste Kinder und alte Menschen. Dann besuchte er die Wohnung einer Familie und betete mit ihr. Und er geißelte in einer Ansprache auf einem Bolzplatz die soziale Ungerechtigkeit: „Den Hunger nach Glück kann nur Gott stillen. Damit aber die knurrenden Mägen gefüllt werden, muss „die Kultur des Egoismus und Individualismus abgeschafft werden“. Sie mache die Welt „unbewohnbar“.

Zuvor schon hatte der 76-jährige Papst Patienten einer Drogenentzugsklinik besucht. Und auch am Freitag nahm sich Franziskus Zeit für die, für die sich sonst keiner interessiert: Er traf sich mit fünf jungen Strafgefangenen.

Auch bei einem Treffen mit jungen Gläubigen zeigte sich Franziskus als Revolutionär: „Ich will ein Durcheinander! Ich will Bewegung in den Diözesen. Ich will, dass die Kirche den Menschen näher kommt. Ich will den Klerikalismus abschaffen, das Irdische, dieses sich Abschotten in uns selbst, unseren Pfarreien, Schulen und Strukturen.“

 

Seine Symbole der Bescheidenheit

Vom Tag seiner Wahl an setzte Papst Franziskus Zeichen der Bescheidenheit.

Die Kleidung: Schon bei seinem ersten Auftritt nach der Papstwahl verzichtete er auf die traditionelle Stola. Franziskus tritt stets nur in seiner schlichten weißen Soutane auf.

Die Unterkunft: Franziskus will nicht in die weitläufigen, prächtigen Räume des Apostolischen Palastes einziehen. Er wohnt deshalb noch immer im Vatikan-Gästehaus St. Martha. Allerdings hat er das kleine Zimmer, das er dort während der Papst-Wahl bewohnte, inzwischen mit einer Dreizimmer-Suite getauscht. Es gefalle dem Papst einfach, „inmitten der anderen Mitglieder der Geistlichkeit“ zu wohnen, so Vatikan-Sprecher Federico Lombardi zur Weigerung des Papstes, den Pracht-Palast zu beziehen.

Der Dienstwagen: Zum Leidwesen der für die Sicherheit Verantwortlichen im Vatikan lehnt Franziskus eine große, gepanzerte Limousine ab. Stattdessen lässt er sich und seine Leibwächter in einem gebrauchten Ford Focus fahren. „Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass ein Priester ein neues Auto fährt“, so der Papst in einer Rede vor Geistlichen. „Wenn ihr ein teures Auto mögt, dann denkt bitte daran, wie viele Kinder in dieser Welt an Hunger sterben.“

Das Gehalt: Der Papst bekommt kein Gehalt, keinen Ehrensold oder Aufwandsentschädigung, sondern schlichtweg das, was er braucht, so das vatikanische Presseamt. Reich war Franziskus nie: Vor seinem Eintritt in den Jesuiten-Orden gehörte Bergoglio als Sohn eines aus Italien eingewanderten Eisenbahnangestellten zur unteren Mittelschicht in Argentinien.

KR

 

Bilder aus dem Leben von Papst Franziskus

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