tz-Interview mit Andreas Englisch

Papst Franziskus: Der Hoffnungsträger

+
Papst Franziskus.

Rom - Im Sturm eroberte Papst Franziskus mit klaren Worten und klaren Gesten die Herzen der Gläubigen – und weckte große Erwartungen. Wird Franziskus ihnen gerecht? Die tz sprach mit Andreas Englisch, Buchautor und Vatikankorrespondent.

Andreas Englischs aktualisierter Bestseller: „Franziskus. Zeichen der Hoffnung“ ( Verlag C.Bertelsmann, 19,99 Euro)

Heute vor einem Jahr verkündete weißer Rauch in Rom: „Habemus papam.“ Aus dem argentinischen Kardinal Bergoglio wurde der 266. Papst. Im Sturm eroberte der 77-Jährige mit klaren Worten und klaren Gesten die Herzen der Gläubigen – und weckte große Erwartungen. Wird Franziskus ihnen gerecht? Die tz sprach mit Andreas Englisch, Buchautor und Vatikankorrespondent:

Genau 365 Tage ist Franziskus im Amt. Zeit für eine Bilanz …

Andreas Englisch: So jemanden wie Papst Franziskus hat es in der katholischen Kirche noch nie gegeben! Da hat ein Pontifex begonnen, die Kirche von oben nach unten zu revolutionieren. Los ging’s gleich beim Papstamt selbst: Abgeschirmt im apostolischen Palast zu leben ist nichts für Franziskus. Er ist lieber ins Gästehaus gezogen, geht in die Mensa zum Essen, jeder kann ihn ansprechen, mit ihm reden. Er trägt seine einfache weiße Kutte, keine Prunkgewänder. Punkt zwei: Er demokratisiert die Kirche! Gleich in den ersten Wochen gab er eine Basisumfrage zur Vorstellung der Sexualmoral der Gläubigen in Auftrag. Es hat sich herausgestellt, dass die Mitglieder der katholischen Kirche zu 90 Prozent anders denken als die Oberen. Und Franziskus zwingt seine Bischöfe, das zur Kenntnis zu nehmen. Punkt drei: Er hat die Einsamkeit des Papstes abgeschafft. Sämtliche Entscheidungen werden in Absprache mit dem neu berufenen Kardinalsrat getroffen. Punkt vier: Es hieß immer: Wer Homosexualität auslebt, stellt sich gegen Gott und seine Gebote. Franziskus sagt: Wer bin ich, einen Gott suchenden Homosexuellen zu verurteilen? Eine unglaubliche Kursänderung. Punkt fünf: Über den von ihm sehr geschätzten Kurienkardinal Walter Kasper lässt Franziskus jetzt verkünden, dass wiederverheiratete Geschiedene nicht mehr von den Sakramenten ausgeschlossen werden müssen. – Und das alles hat Franziskus in einem Jahr auf den Weg gebracht.

Man erlebt Franziskus unglaublich volksnah. Das bringt ihm viel Sympathie bei den Gläubigen, weckt aber zugleich große Erwartungen. Kann er denen überhaupt gerecht werden?

Englisch: Ich würde sogar sagen: Er hat die Erwartungen schon übererfüllt! Er scheut sich nicht einmal davor, öffentlich Bischöfe vor den Kopf zu stoßen. Wir erinnern uns: Franziskus hat sie angemahnt, von der Prasserei Abstand zu nehmen. Hat ihnen erklärt, dass das Geld den Armen und nicht ihnen gehört. Und denken wir an Tebartz van Elst: Ihm wegen seiner Verschwendung das Bistum zu nehmen, ist schon ein starkes Statement. In Sachen Ökumene geht es weiter: Benedikt XVI. hat da relativ wenig unternommen, sagte, die Protestanten seien bestenfalls so etwas wie eine Glaubensrichtung. Franziskus hat dazu in seinem apostolischen Brief geschrieben, es würde uns mehr einen als trennen.

Wo sehen Sie die Grenzen dieses Papstes?

Englisch: Es würde hinsichtlich des Zölibats sicher schwierig. Und auch wenn er Frauen größere Rechte und bedeutendere Ämter einräumt, bleiben Frauen als Priesterinnen wohl unvorstellbar. Da ist die Kirche noch nicht so weit.

Wie stark sind die Widerstände in der Kurie, gegen die sich Franziskus stemmen muss?

Englisch: Grob geschätzt sind in der Kurie zwei Drittel gegen ihn. Allein sein Durchgreifen in der Vatikanbank hat ihm eine Vielzahl von Gegnern gebracht.

Sie selbst hatten mehrfach Gelegenheit, Franziskus persönlich kennenzulernen. Wie haben Sie ihn erlebt?

Englisch: Ich traf ihn auf der Lateinamerika-Konferenz 2007 in Brasilien. Damals sagte er zu mir: „In der Kirche läuft einiges schief. Es gibt hunderte Bischöfe auf der Welt. Viele haben vier Ordensfrauen, die sich um sie kümmern müssen. Das geht doch nicht! Diese Frauen sind doch nicht dem Orden beigetreten, weil sie dem Kardinal den Teppich saugen, sondern weil sie Gottes Willen verkünden wollen – und genau das sollen sie tun!“ Ich merkte dann an, dass er mit seinem Ruf nach Privilegienverzicht wahrscheinlich eine Menge Ärger bekommen würde. Er lachte nur: „Ach, den habe ich schon.“ –Er ist absolut authentisch.

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen. Es habe sich nur der Tonfall geändert, nicht die Lehraussagen, merkte zum Beispiel US-Kardinal Sean O’Malley an …

Englisch: Man erzählt sich im Vatikan folgenden Witz: „Eure Heiligkeit, ich habe alle Ihre Werke gelesen. Es hat nicht lang gebraucht.“ – Ich will damit sagen: Franziskus hat sein Leben lang in der Pastorale gearbeitet, er hat sich um die Armen gekümmert, ist in Slums gegangen, hat für sauberes Wasser gekämpft. Natürlich hat er sich selten ins Studierstübchen gesetzt und Lehrschriften verfasst. Sein Credo lautet: Ärmel hoch und anpacken. Er will an Taten gemessen werden.

Jetzt haben wir die ungewöhnliche Konstellation, dass es zwei lebende Päpste gibt. Benedikt XVI., als Papst im Ruhestand, und eben Franziskus. Wie ist das Verhältnis der beiden?

Englisch: Sie sind völlig unterschiedlich. Für Ratzinger war es immer das Wichtigste, dass der Mensch glaubt. Bergoglio sagt: Der Mensch muss etwas tun. Wir können nicht jemandem, der verhungert, den Katechismus erklären. Miteinander gehen sie dennoch sehr herzlich und voller Hochachtung um.

Interv.: K. Basaran

Papst Franziskus bei Benedikt XVI.: Bilder

Papst Franziskus bei Benedikt XVI.: Bilder

auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Italien: Lawine trifft Hotel in Erdbebengebiet - Viele Tote
Italien: Lawine trifft Hotel in Erdbebengebiet - Viele Tote
Kluger Köder: Mädchen überführt Grapscher
Kluger Köder: Mädchen überführt Grapscher
Radiosender stoppt „Bayerns unmoralischstes Gewinnspiel“
Radiosender stoppt „Bayerns unmoralischstes Gewinnspiel“
Intimrasur im Schaufenster: Sie nimmt Amts-Anordnung wörtlich
Intimrasur im Schaufenster: Sie nimmt Amts-Anordnung wörtlich

Kommentare