Finanzloch bei Münchner Hypo Real Estate weit größer als bisher angenommen/Staat soll einspringen

Pleite-Bank: Kostet sie jeden von uns 600 €?

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Das ins Schlingern geratene Institut könnte uns bald 50 Milliarden Euro kosten

Berlin - Erneute Krisensitzung in Berlin. Bundesregierung und Finanzbranche haben am Sonntag unter Zeitdruck um die Rettung des am Abgrund stehenden Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate gerungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich fest entschlossen, die Zukunft des angeschlagenen DAX-Konzerns zu sichern, um eine Schieflage des gesamten Finanzsystems zu verhindern. „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind“, betonte Merkel zudem. Die Beratungen dauerten in den späten Abendstunden an. Unionsfraktionchef Volker Kauder teilte vorab lediglich mit, der Bund werde seine Bürgschaftszusagen für die Hypo Real Estate nicht erhöhen. Es bleibe bei der Zusage des Bundes, mit 26,5 Milliarden Euro zu bürgen. Der HRE unter ihrem Chef Georg Funke sollen 100 Milliarden Euro fehlen.

Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen zum HRE-Debakel.

War die HRE nicht eigentlich schon gerettet?

Doch, zumindest schien es so. Am vergangenen Wochenende war ein 35 Milliarden Euro schweres Paket zur Rettung der Hypo Real Estate (HRE) geschnürt worden. Für 26,6 Milliarden Euro sollte der Staat, also die Steuerzahler bürgen. Private Banken sollten 4,5 Milliarden Euro übernehmen, die Landesbanken sowie Sparkassen zusammen 1,6 Milliarden Euro, die Versicherungswirtschaft sollte weitere 1,4 Milliarden Euro schultern. Die Genossenschaftsbanken sollten 0,6 Milliarden Euro übernehmen, die Förderbanken 0,4 Milliarden Euro.

Warum ist das Paket gescheitert?

Die Deutsche Bank hatte bei einer Prüfung der HRE-Bücher festgestellt, dass der Immobilienfinanzierer deutlich mehr Geld benötigt. Bis Jahresende fehlen 50 Milliarden Euro, bis Ende 2009 sogar bis zu 100 Milliarden Euro. Deshalb haben mehrere Banken ihre Zusagen aus dem Rettungspaket zurückgezogen – sie befürchten, dass die HRE trotz der 35 Milliarden Euro unter gehen könnte.

Ist die Bank noch zu retten?

Ja, doch die Zeit drängt. „Wenn es bis zur Öffnung der Aktienmärkte keine Lösung gibt, hält das Unternehmen keine zwei Tage mehr durch“, orakelt ein Banker. Deshalb haben die Spitzen des Bundesfinanzministeriums, der Bundesbank, der Finanzaufsichtsbehörde BaFin sich zum Krisengipfel in Berlin getroffen. „Wir werden nicht zulassen, dass die Schieflage eines Finanzinstituts zu einer Schieflage des gesamten Systems wird“, sagte Kanzlerin Angela Merkel. Sie machte zugleich deutlich, dass diejenigen, die unseriöse Geschäfte gemacht haben, zur Verantwortung gezogen würden. „Das sind wir den Steuerzahlern schuldig!“

Welche personellen Konsequenzen wurden an der Spitze der HRE gezogen?

Bisher mussten nur Bo Heide-Ottosen, im Vorstand verantwortlich für öffentliche Finanzierungen, sowie ein anderer Manager aus der zweiten Reihe gehen. Vorstandschef Georg Funke (knapp 2 Millionen Euro Jahresgehalt) und Aufsichtsratschef Kurt Viermetz sitzen weiter auf ihren Chefsesseln.

Warum die HRE so wichtig?

Ein Bankrott der HRE hätte unvorhersehbare Folgen für das gesamte deutsche Finanzsystem – vergleichbar mit der Pleite der Lehman Brothers in den USA. Die Chefs der Bundesbank und der BaFin warnten Steinbrück vor unabsehbaren Folgen, etwa für Landesbanken, Versorgungswerke, Berufsgenossenschaften sowie Länder und Gemeinden. Außerdem steht die HRE für 2 Prozent des deutschen Pfandbriefmarktes.

Ist der sichere Hafen Pfandbrief damit gefährdet?

Ja. Zwar muss sich der Privatanleger, der einige Tausend Euro investiert hat, keine Sorgen um sein Geld machen. Eng wird es jedoch für Großanleger. Der Pfandbrief gilt als eine der wichtigsten und günstigsten Refinanzierungsquellen für Banken. Großanleger kaufen und verkaufen Pfandbriefe im großen Stil – Tranchen von 50 Millionen Euro sind keine Seltenheit. Diese Mengen schnell zu verkaufen könnte schwierig werden – so könnten Banken noch größere Probleme bekommen.

Warum ist das DAX-Unternehmen HRE in solchen Schwierigkeiten?

Ins Schlingern geriet die Bank durch eine Tochtergesellschaft, die irische Depfa. Die wurde 1922 als „Preußische Landespfandbriefanstalt“ zur Finanzierung von Klein-Wohnungsbau gegründet. 1990 wurde die Depfa privatisiert. Depfa steht für Deutsche Pfandbriefebank AG. Seit einem Jahr gehört das Institut mit Sitz in Irland zur HRE. Der Staatsfinanzierer leiht Staaten Geld. Die langfristige Kredite versuchte die Depfa durch kurzfristige Geldgeschäfte auf dem Geldmarkt zu finanzieren. Wegen der Finanzkrise trauen sich die Banken aber gegenseitig nicht mehr und horten ihr Geld. So brach das Geschäftsmodell der Depfa in sich zusammen.

MK.

Finanzfalle Belegschafts-Aktie: Wie eine Vereinsbank-Angestellte zur HRE-Aktionärin wurde – und so ihren Alters-Notgroschen verlor

Belegschaftsaktien: Für die Bundesregierung ist die Beteiligung der Mitarbeiter an ihren Unternehmen der Königsweg, auch die kleinen Leute vom Turbo-Kapitalismus in Zeiten der Globalisierung profitieren zu lassen. Die Mitarbeiter werden über steigende Aktien-Kurse am Unternehmensgewinn beteiligt und können so was fürs Alter zurücklegen.

An dieses Prinzip hat auch auch die Münchnerin Christine L. (40) geglaubt – wie viele ihrer Kollegen bei der einstigen Bayerischen Vereinsbank, die dann zur HypoVereinsbank (HVB) fusioniert wurde und inzwischen in der italienischen UniCredit-Gruppe aufgegangen ist. Die Bankkauffrau hat, wie zahlreiche andere Ex-HVB-Angestellte, längst einen anderen Arbeitgeber in einer anderen Branche gefunden. Im Jahr 2000 hatte die HVB noch 73 000 Mitarbeiter – heute sind es noch 24 900 …

Doch ihre Belegschafts-Aktien hat Christine L. behalten – um sie, wie es die Regierung will, für die Rente zurückzulegen. Jetzt ist dieses Geld fürs Alter weg – weil die Hypo Real Estate, ein Unternehmen, das mit ihrem einstigen Arbeitgeber gar nichts mehr zu tun hat, vor der Pleite steht!

Das kam so: Christine L. bekam im Jahr 2001 von ihrem damaligen Arbeitgeber, der HypoVereinsbank, das Angebot, Belegschaftsaktion zum Vorzugspreis zu erstehen. Christine L. zwackte sich von ihrem Teilzeit-Gehalt (1208 Euro brutto im Monat) mühsam Erspartes ab und kaufte 60 Belegschaftsaktien zum Vorzugspreis von rund 3000 Euro. Diese Aktien durften erst nach fünf Jahren verkauft werden – Belegschaftsaktien haben Verkaufssperren, um Spekulationen zu verhindern.

„Aber ich wollte die Aktien nicht zum Spekulieren, sondern fürs Alter“, so Christine L. „Man stand ja hinter seiner Bank und gerade als Banker glaubten wir an die dauerhafte Wertsteigerung.“ Die fusionierte HVB wurde 2005 von der UniCredit geschluckt – und die einstigen HVB-Aktien wurden in Hypo-Real-Estate-Aktien umgetauscht.

„Natürlich hätte ich auch verkaufen können – die Verkaufs-Sperre galt nun nicht mehr. Aber die Aktien sollten ja ein Alters-Notgroschen sein – und die Hypo Real Estate war ja ein scheinbar solides DAX-Unternehmen.“

Ein Irrtum. Das Unternehmen, das zu den Top 30 der deutschen Wirtschaft zählte, stürzte unaufhaltsam ab. Aus den einst 3000 Euro wurden zuletzt magere 190 Euro – und wenn die Total-Pleite mit Steuer­geldern nicht aufgehalten wird, ist Christine L.‘s Alters-Notgroschen ganz verloren. „Belegschafts-Aktien beteiligen auch am Verlust – das sagt die Regierung nicht dazu, wenn sie von der Mitarbeiter-beteiligung schwärmt“, so Christine L.‘s Lehre aus dem Verlust.

Ihr Glaube an die Segnungen des freien Marktes ist erschüttert: „Was derzeit an den Finanzmärkten passiert, hat nichts mehr mit dem zu tun, wie ich einst das Bankgewerbe erlernt habe.“

Klaus Rimpel

Quelle: tz

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