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Premiere von „My Fair Lady" in Berlin

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Franziska Forster als Eliza Doolittle
Franziska Forster als Eliza Doolittle © dpa

Berlin - Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – klar.

Aber wenn jemandem sein Dialekt (und die damit verbundenen Grammatik- wie Aussprache-Besonderheiten) zugunsten einer aseptischen Hochsprache ausgetrieben werden soll, dann ist das heutzutage kaum mehr zeitgemäß und zeugt eher von einem unschönen Standesdünkel. Dialekt ist in. Doch genau der scheint Professor Higgins im Berliner Admiralspalast bei der Neuinszenierung von Frederick Loewes Erfolgsmusical "My Fair Lady" zu stören. Denn seine Eliza Doolittle, das Blumenmädchen, das er vor dem Theater aufgelesen hat, berlinert zwar gehörig, hat aber sonst weit bessere Umgangsformen als er.

So muss der Phonetiker ihr in Wahrheit nur Sprechunterricht geben, um die Wette mit seinem Kollegen Colonel Pickering zu gewinnen, Eliza binnen sechs Monaten der feinen Gesellschaft als Herzogin verkaufen zu können. Dass sich während dieser Zeit so etwas wie Liebe zwischen beiden entwickeln darf, ist bei diesem Higgins schwer nur vorstellbar.

Denn Regisseur Peter Lund lässt Daniel Morgenroth (bekannt u. a. aus Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen) von Beginn an höchst unsympathisch zu Werke gehen. Schon bei ihrer ersten Begegnung auf den Stufen des Theaters behandelt er sie rigide und herrisch, enorm aggressiv und von oben herab. Tatsächlich ist der Professor derjenige, dem Anstand beigebracht werden müsste, so vulgär beschimpft er das Blumenmädchen. Nur einmal, um drei Uhr früh und nach endlosen Übungen von Eliza, die Vokale richtig auszusprechen, mischt sich in die Kaltherzigkeit eine Spur Freundlichkeit – und schon grünt’s so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.

Franziska Forster legt in die Burschikosität ihrer (zunächst) abgerissenen Straßengör mit Bermudas über den löchrigen Strumpfhosen viel Charme. Stimmlich allerdings fehlt ihr die letzte Strahlkraft, während Morgenroth seine Gesangsstücke überwiegend sprechend bewältigt. Einfach erfrischend präsentiert sich dagegen die Musik: Dirigent Adam Benzwi sorgt mit seinem nur siebenköpfigen Kammerorchester für schlanke wie gewitzte Begleitung. Dazu passt die Bühne, die Jürgen Kirner luftig, mal mit London als Scherenschnitt-Silhouette, mal als Sprachlabor der besonderen Art (mit Ohren in Formalin) gefüllt hat.

Dass man Higgins, diesen linguistischen Frankenstein im immergleichen grauen Dreiteiler und offenem, weißem Hemd die plötzliche Liebe zu „seinem“ Geschöpf weder gönnt noch abnimmt, hat Lund mit einem klug-offenen Finale aufgefangen, indem es für die beiden Hauptakteure nach Streit und Trennung zwar ein Wiedersehen, aber zum Schluss des dreieinviertelstündigen Abends (noch) kein Happy End gibt.

Kein Happy End übrigens auch in vielen Gesangsstücken. Denen fehlte – im Gegensatz zu den furiosen Sprech-Passagen – öfters ein bisschen Schwung.Dennoch: Das Berliner Premieren-Publikum zeigte sich begeistert, wohl auch von den etlichen hübschen Regie-Einfällen, etwa der buchstäblichen Steifheit der besseren, ganz in beige gekleideten Gesellschaft (Kostüme: Daniela Thomas), die manchmal nur ein gehöriger Schuss in den Tee auflockern kann…

Michael Brommer

Quelle: tz

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