Prof. Dr. Schellnhuber im Interview

Klimaforscher: Die Welt steht vor dem Abgrund

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Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber.

München - Auf Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber, den Direktor des Potsdamer Institutes für Klimafolgenforschung, hören sogar Papst und Kanzlerin. Die tz hat ihn zum Weltklimagipfel interviewt.

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber (65) ist Direktor des Potsdamer Institutes für Klimafolgenforschung (PIK) und einer der größten Experten auf diesem Gebiet. Auf ihn hören sogar der Papst und die Kanzlerin. Die tz hat ihn zum Weltklimagipfel interviewt.

Herr Prof. Schellnhuber, wie ist ihre Laune angesichts solcher Nachrichten: VW räumt einen höheren Kohlendioxidausstoß seiner Kfz ein. China bläst noch mehr Dreck in die Luft als angenommen?

Hans Joachim Schellnhuber: Wieder einmal kommt eine schmutzige Wahrheit ans Licht – diese Nachrichten überraschen mich nicht. Ein Teil der weltweiten Treibhausgas-Belastung ist noch gar nicht erfasst, das gilt nicht nur für China, sondern etwa auch für die Auswirkungen der Erdgasgewinnung, ob konventionell oder durch Fracking in den USA.

Ist das fatal für den Kampf gegen die Erderwärmung?

Hans Joachim Schellnhuber: Es geht darum, den Ausstoß von Treibhausgasen weltweit möglichst bald zu verringern. Diese Trendwende sollten wir möglichst vor 2030 erreichen, wenn wir die schlimmsten Klimarisiken noch vermeiden wollen. Daran ändert sich nichts. Wir messen ja die Reaktion der Atmosphäre – also die Erderwärmung auf die tatsächlich stattfindenden Emissionen. Wenn sich jetzt herausstellt, dass die Emissionen höher sind als gedacht, bedeutet das, dass die Sensitivität der Erde vielleicht etwas geringer ist als vermutet. So gesehen wäre diese Erkenntnis keine Katastrophe, sondern möglicherweise sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung, so absurd sich das anhört. Auf alle Fälle gilt jedoch: je schneller wir handeln, desto weniger kostet es – und desto mehr Wetterextreme und Meeresspiegelanstieg können wir uns ersparen.

Dazu wollen Sie mit dem Buch „Selbstverbrennung“ beitragen. Die Grafiken sind etwas abschreckend. Es ist aber an ein breites Publikum gerichtet?

Hans Joachim Schellnhuber: Ich hab’s für jeden und jede geschrieben, der oder die sich für die Zukunft unseres Planeten und unsere Nachkommen interessiert. Ich fühle mich verpflichtet, meine wissenschaftlichen Erkenntnisse verständlich darzustellen. Zum einen historisch: Wie kam es zur Entdeckung des Treibhauseffekts? Wie wurde die Klimamodellierung entwickelt? Zum anderen skizziere ich anhand meiner Lebensgeschichte die Entwicklung der Klimapolitik, z.B. mit einem Augenzeugenbericht von der Konferenz in Kopenhagen 2009. Schließlich gehe ich auf die Moral von der Geschicht’ ein, um die es auch in der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus geht. Sie kreist um die Frage: Wie sollen wir mit der Welt umgehen? Wollen wir noch mehr besitzen oder wollen wir lieber teilen? Was macht uns glücklich? Mein persönliches Bekenntnis ist, dass ich die Schöpfung mit unseren Nachkommen teilen will.

Ihre Mahnungen kommen nicht immer gut an. Man hat Sie als Klima-Alarmisten beschimpft!

Hans Joachim Schellnhuber: Oh ja. Sie können im Internet schreckliche Dinge über mich lesen, sogar Todesdrohungen. Bis vor ein paar Jahren hat mich das sehr getroffen und meine Frau erst recht. Heute tun mir manche dieser Hetzer fast leid.

Was stört diese Menschen?

Hans Joachim Schellnhuber: Der Vorwurf ist, dass ich den Leuten den Spaß verderben will. Ich bin aber keine Spaßbremse, sondern weise nur darauf hin, dass unser Handeln heute mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden ist – vor allem für unsere Kindeskinder, und für die Armen im Süden. Manche halten das für Übertreibung, um irgendwelchen finsteren Interessen zu dienen – wobei ich immer noch nicht herausgefunden habe, welche das sein könnten. Ich kriege kein Geld dafür, dass ich davor warne, dass die Welt vor dem Abgrund steht.

Wo ist das besonders schlimm?

Hans Joachim Schellnhuber: Die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder sind ausgerechnet jene, die am wenigsten beigetragen haben zum Ausstoß von Treibhausgasen, die am wenigsten profitiert haben vom Plündern der fossilen Ressourcen, und die am wenigsten Mittel haben für den Schutz gegen Klimagefahren. In Afrika werden viele Kulturen bedroht, die gar nicht die Chance haben zu begreifen, was da vor sich geht.

Ist die aktuelle Flüchtlingskrise so dramatisch, dass man die Klimakatastrophe ernster nimmt?

Hans Joachim Schellnhuber: Ich glaube schon, dass sie sensibilisiert, wobei die gegenwärtige Flüchtlingskrise nur die Spitze des Eisbergs ist. In meinem Geburtsjahr 1950 hatte Afrika 200 Millionen Einwohner, heute sind es fast eine Milliarde. Die Prognosen sagen vier Milliarden im Jahr 2100 – das Zwanzigfache! Diesen allen ein Leben in Würde zu ermöglichen, wird in jedem Fall schwierig – mit ungebremstem Klimawandel wird es unmöglich.

Sie könnten auf Ihren Freund, den Papst, einwirken. ihn vom Segen der Verhütung überzeugen!

Hans Joachim Schellnhuber (lacht): Ein heikles Thema. Ich bin in einer evangelischen Gemeinde groß geworden, wo man manche Dinge vielleicht anders sieht als der Papst – aber die Menge der Armen ist nicht unser Problem. Zum Klimawandel tragen sie fast gar nicht bei. Es ist die Milliarde der Wohlhabenden, dazu gehören auch wir Deutschen, die den Klimawandel mit ihrem Lebensstil antreibt. Richtig ist hingegen, dass die Menschen in manchen Ländern unter der Erwärmung auf 50 oder gar 60 Grad Celsius mit allen Begleiterscheinungen reagieren und fliehen müssten. Klimawandel und Überbevölkerung, das ist eine wirklich tödliche Mischung. Wenn wir heute davon sprechen, die Verhältnisse in den Ursprungsländern der Flüchtlinge zu verbessern, gehört der Kampf gegen den Klimawandel dazu.

Sie sind Berater der Bundesregierung: Haben Sie der Kanzlerin davon abgeraten, die von der EU eigentlich geplanten Richtlinien für Kfz-Schadstoffemissionen zu entschärfen? 

Hans Joachim Schellnhuber: Angela Merkel ist ja auch Physikerin und hat einmal gesagt, die politische Entscheidung sei die Vektorsumme von Einflüssen aller möglichen Interessengruppen. Aber sie weiß mit Sicherheit: Die Klimaproblematik ist eine Menschheitsproblematik. Sie hat mal gesagt, wir Forscher sollen ihr ruhig weiter auf die Nerven gehen! Die Kanzlerin steuert schrittweise in Richtung Reduktion der Emissionen bis 2020. Es stimmt, sie hat immer wieder mal Schleifen gedreht, aber ihr Ziel hat sie nie aus den Augen verloren. Wenn es in allen Ländern eine solche politische Führung gäbe, würde es um das Klima besser stehen.

Wie sind die Erfolgsaussichten in Paris? 

Hans Joachim Schellnhuber: Ich bin eher optimistisch, vor allem wegen der Meldungen, die die Länder vor der Konferenz über die von ihnen geplanten Maßnahmen einreichen. Indien hat sehr ehrgeizige Ziele, was die Erneuerbaren Energien, China was die Emissionsreduktionen angeht. Auch die USA sind auf einem positiven Weg. Wir haben all diese Daten in den Computer eingespeist und eine Projektion für die Erderwärmung erstellt – und kommen zu deutlich besseren Zahlen als noch vor drei, vier Jahren.

Aber ist der auf diese Weise prognostizierte Wert von 2,7 Grad Erwärmung schon gut? Sie selbst haben die Grenze bei 2 gesetzt!

Hans Joachim Schellnhuber: Wenn man den Tanker halb herumgeschwenkt hat, muss man das Steuerrad festhalten und weiter Schub geben, damit die ganze Wende klappt. Wenn alle sehen, es kann funktionieren, dann ist das auch psychologisch wichtig. Frei nach Merkel: Wir schaffen das. wenn wir es wirklich wollen!

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