Ermittler fanden zerrissene Krankschreibungen

Experte: Co-Pilot hat gehandelt wie im Wahn

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Andreas L. riss 149 Menschen mit in den Tod.

München - Die tz sprach mit Professor Florian Holsboer, der seit Jahrzehnten Depressionen und Suizid-Phänomene erforscht, über den Absturz der Germanwings-Maschine.

Professor Florian Holsboer (69) aus München erforscht seit Jahrzehnten Depressionen und Suizid-Phänomene. Lässt sich erklären, was beim Germanwings-Flug 4U9525 am Dienstag geschah? Die tz sprach mit dem Mediziner und Chemiker, der bis 2014 das Max-Planck-Institut für Psy­chi­a­trie leitete.

Herr Professor Holsboer, wie tickt jemand, der 149 Menschen mit sich in den Tod reißt? 

Professor Florian Holsboer: Wir wissen ja bisher nicht, aus welchem Motiv der junge Co-Pilot gehandelt hat.

Er war eineinhalb Jahre lang in psychologischer Behandlung, soll depressiv gewesen sein …

Professor Florian Holsboer: Ich warne davor zu sagen, der war psychisch krank. Und das war’s dann. Psychisch Kranke machen so etwas nicht. Psychische Krankheiten sind neben dem Bluthochdruck so ziemlich die häufigsten im Land. Allein in Deutschland leiden fünf Millionen Menschen an Depression.

Aber irgendetwas muss mit dem jungen Mann ja passiert sein …

Professor Florian Holsboer: Wir wissen: Er war erst 27. Er hat alle schwierigen Prüfungen – und das ist ja noch nicht so lange her – gut bewältigt, wurde auch immer wieder neu gecheckt. Und ich weiß, diese Tests bei der Lufthansa sind kein Zuckerschlecken. Da kann man nicht sagen, da reiß’ ich mich zusammen, dann komm’ ich schon durch.

Das heißt?

Professor Florian Holsboer: Das ist keiner, von dem man sagen kann, er ist aufgrund einer akuten schweren Krankheit so in seiner kognitiven Leistungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen, dass er zu einer solchen Tat fähig war. Das ist Nummer eins. Nummer zwei ist: Ein erweiterter Suizid kommt so – das heißt, dass jemand 149 ihm völlig unbekannte Menschen mit in den Tod reißt – nie vor. Es hat einmal vor sehr vielen Jahren einen Piloten gegeben, der ein Flugzeug mit sich selbst hat abstürzen lassen. Das war jemand mit einem wahnhaften Welthass.

Schließen Sie den bei dem Co-Piloten aus? 

Professor Florian Holsboer: Bisher war er ja weder durch extreme Ansichten noch durch seine Impulsivität aufgefallen. Im Gegenteil: Er wird als freundlich und sympathisch geschildert. Das ist nicht der impulsgestörte Mensch, der eine Tat so gefühlskalt ausführt.

Ihre Theorie? 

Professor Florian Holsboer: Das klingt alles danach, als ob sich bei ihm eine Psychose entwickelt hat, ein schwerer Wahn. Aber der Betroffene ist sich des wahren Inhalts nicht gewiss und begeht eine Tat, die mit seiner Persönlichkeit nicht übereinstimmt.

Hat er darauf gewartet, dass der Pilot die Kabine verlässt? Und was wäre passiert, wenn dies nicht geschehen wäre? Hätte er beim nächsten Flug wieder darauf gewartet? 

Professor Florian Holsboer: Beide Möglichkeiten sind denkbar. Aber wenn er geplant hat, in den Sinkflug zu gehen und die Maschine zum Absturz zu bringen, wenn sich die Möglichkeit bietet, dann ist er eher jemand, der einen Terroranschlag verüben will. Denn jemand, der schwer depressiv ist und aus dem Leben treten will, der nimmt nicht 149 andere Menschen mit.

Sie glauben also nicht an eine geplante Tat?

Professor Florian Holsboer: Das lässt sich nicht ausschließen. Man plant so eine Tat doch nur, wenn man einen Terrorakt begehen will oder ein Attentat. Aber wenn ich mich festlegen müsste, dann glaube ich, dass er einen ganz akuten psychotischen Anfall hatte, der ihn dazu verleitet hat. Allein aus einer depressiven Stimmung heraus macht das kein Patient!

Was passiert bei einem solchen Anfall?

Professor Florian Holsboer: Das ist eine Extremsituation, die durch eine Veränderung der Biochemie in ganz bestimmten Hirnregionen entsteht. Und solche Veränderungen äußern sich dann eben auch in nicht aus irgendwelchen Ereignissen ableitbaren Taten. Warum soll jemand mit 27 Jahren, der seinen Traumberuf hat, beschließen: Ich bringe jetzt 149 Menschen um. Das ist nicht ableitbar. Sicherlich ist das emotionale Mitschwingen in der Depression abgemildert. Patienten nehmen Schicksale anderer weniger intensiv wahr. Aber dass das so weit geht, dass es ihm völlig egal ist, dass mit ihm 149 Menschen sterben – das ist extrem selten. Mir ist kein Fall bekannt.

Können Sie sich vorstellen, was in ihm vorging, während Pilot und Crew versuchten, die Tür zum Cockpit zu öffnen? Das waren acht unendlich lange Minuten … 

Professor Florian Holsboer: Und er hat in dieser Zeit kein Wort gesagt … Für mich ein weiteres Indiz dafür, dass er in einem akuten psychotischen Ausnahmezustand gehandelt haben muss. Ein Mensch, der einen Suizid begehen will, der hat zwar mit sich abgeschlossen. Aber wenn jemand an der Tür klopft, kann ihn das auch leicht wieder zurückholen. Man kennt die Situationen ja aus Filmen, wo jemand auf einer Brücke steht und dann kommt in letzter Minute der Psychologe und macht ein Talking-Down – diese Szenen sind durchaus realistisch.

In diesem Fall hat es leider nicht funktioniert …

Professor Florian Holsboer: Wie gesagt, das spricht alles für eine Psychose. Aber für mich ist auch eine terroristische Handlung noch nicht vom Tisch. Da sollte man nicht zu vorschnell sein.

Kann man etwas tun, um solche Taten zu vermeiden? Brauchen wir mehr und umfangreichere Tests für Piloten?

Professor Florian Holsboer: Solche Taten wird es immer geben. Damit müssen wir leben. Ich hoffe nur, dass das nicht dazu führt, dass jetzt Menschen, die psychisch krank sind, nicht mehr professionelle Hilfe in Anspruch nehmen – aus Angst davor, dass sie sich beruflich schaden! Das ist eine große Gefahr. Wir alle haben Phasen im Leben, in denen wir psychisch labil sind.

Interview: Wolfgang de Ponte

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