Prozess gegen Schweizer Schläger: das Urteil

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Am Sendlinger-Tor-Platz prügelten Anfang Juli die 16-jährigen Schweizer Schüler Mike B. (links) und Ivan Z. (rechts) wahllos um sich. Ein 46-Jähriger Geschäftsmann wurde schwer verletzt. Jetzt hat die Justiz die Anklage fertig.

München - Die Tat sorgte in Deutschland und in der Schweiz für Entsetzen: Drei Schüler aus dem Raum Zürich schlugen bei einer Klassenfahrt in München wahllos fünf Passanten zusammen. Innenminister Herrmann sprach nach der Verurteilung von einem “Amoklauf ohne Waffen“.

Drei Schüler aus der Schweiz sind eineinhalb Jahre nach einem Gewaltexzess in München zu teils langen Haftstrafen verurteilt worden. Der Hauptangeklagte Mike B. erhielt von der Jugendkammer des Landgerichts am Montag wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung eine Jugendstrafe von sieben Jahren. Benjamin D. soll ebenfalls wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung für vier Jahre und zehn Monate hinter Gitter. Der dritte Angeklagte, Ivan Z., bekam wegen gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Staatsanwaltschaft und Verteidigung wollen prüfen, ob sie Rechtsmittel einlegen.

Die zur Tatzeit 16-jährigen Schüler hatten im Sommer 2009 bei einer Klassenfahrt in München zuerst in einem Park gefeiert, getrunken und Haschisch geraucht, bis die Stimmung plötzlich kippte. Binnen zehn Minuten schlugen sie wahllos fünf Passanten zusammen, darunter auch einen Körperbehinderten. Einem Geschäftsmann zertrümmerten sie das Gesicht und verletzten ihn lebensgefährlich - ihr Opfer nahm als Nebenkläger an dem Verfahren teil.

Ob die drei ihre Strafe in Deutschland absitzen müssen oder zumindest nach einer bestimmten Zeit in ihre Heimat überstellt werden könnten, ist noch offen. Zuerst einmal müsse abgewartet werden, ob Rechtsmittel eingelegt würden, erst danach könnten überhaupt entsprechende Anträge gestellt werden, hieß es.

Auslöser für die Tat soll gewesen sein, dass Mike B. seine Geldbörse vermisst hatte. Doch eine wirkliche Erklärung für den Gewaltexzess brachte auch der Prozess nicht. “Eine vollständige Erklärung des Gewaltausbruchs ist nicht möglich gewesen“, sagte Gerichtssprecher Hans-Kurt Hertel, nachdem Jugendrichter Reinhold Baier das Urteil gesprochen hatte. Alle drei Angeklagte waren in der Schweiz bereits wegen unterschiedlicher Delikte der Polizei bekannt.

Das Gericht blieb mit seinem Urteil deutlich hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück. Diese hatte für Mike B. neun Jahre, für Benjamin D. sieben und für Ivan Z. sechs Jahre Haft verlangt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) begrüßte die harten Strafen und sagte, die Taten der Jugendlichen erinnerten ihn an einen “Amoklauf ohne Waffen“. Angesichts der “unglaublichen Brutalität ist dieses Urteil angemessen und gerecht“.

Die Jugendkammer berücksichtigte beim Strafmaß auch, dass die Angeklagten mit ihren Opfern finanzielle Entschädigungen vereinbart hatten, sagte Gerichtssprecher Hertel. Außerdem wertete das Gericht den Überfall auf einen Körperbehinderten im Park entgegen der Anklage nicht als versuchten Mord. Der Angriff sei nicht so gefährlich und Verletzungen nicht so schwerwiegend gewesen. Mike B. und Benjamin D. hatten sich zudem vor Gericht zu den Vorwürfen geäußert. “Die Geständnisse haben bei der Strafzumessung insbesondere beim Angeklagten D. eine erhebliche Rolle gespielt“, sagte Hertel.

Benjamin D. hatte im Oktober als erster sein Schweigen gebrochen und am umfassendsten ausgesagt. “Benjamins Geständnis hat viel gebracht“, sagte auch Verteidiger Florian Ufer. Andernfalls wäre die Strafe “deutlich höher ausgefallen“, zitierte Ufer den Vorsitzenden Richter Reinhold Baier. Ufers Vater Steffen Ufer, der sich beim Urteil von seinem Sohn und Kanzleikollegen vertreten ließ, hatte auf zwei Jahre und neun Monate plädiert.

Auch die anderen Verteidiger hatten sehr viel niedrigere Strafen als die Staatsanwaltschaft verlangt. Mike B.s Verteidiger Christian Bärnreuther hatte lediglich Jugendarrest gefordert - nun aber bekam sein Mandant sogar die höchste Strafe. Ob er in Revision gehen will, ist offen; Bärnreuther äußerte sich nach dem Urteil zunächst nicht.

Ivan Z.s Anwalt Titus Boerschmann, der auf 16 Monate plädiert hatte, sagte, er sei nicht unzufrieden mit dem Urteil. Er müsse aber vor weiteren Äußerungen mit seinem Mandanten sprechen. Immerhin könnte für Ivan Z. unter Anrechnung der langen Untersuchungshaft schon bald über eine vorzeitige Haftentlassung gesprochen werden.

Die Jugendkammer hatte zum Schutz der zur Tatzeit Minderjährigen hinter verschlossenen Türen verhandelt. Nur die Eltern saßen regelmäßig und auch am Urteilstag im Gerichtssaal - und der Geschäftsmann als Nebenkläger. Der Familienvater aus Ratingen in Nordrhein-Westfalen musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen und leidet bis heute an den Folgen des Gewaltexzesses. Sein Anwalt Klaus-Peter Gantert war nicht zufrieden über die Entscheidung der Jugendkammer. “Das Urteil hätte etwas härter ausfallen können.“ Insbesondere Benjamin sei “sehr milde davon gekommen“.  

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