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Rebellion der Reporter

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Ullrich Tilgner hat aus Frust über das ZDF seinen Korrespondenten-Job an den Nagel gehängt.
Ullrich Tilgner hat aus Frust über das ZDF seinen Korrespondenten-Job an den Nagel gehängt. © dpa

Immer mehr Korrespondenten fühlen sich von ARD und ZDF unverstanden und werfen den Sendern Ignoranz, Oberflächlichkeit und mangelndes Vertrauen vor.

Sie berichten von den Brennpunkten dieser Welt: die Auslandskorrespondenten von ARD und ZDF, die den Zuschauer in Nachrichtensendungen wie "Tagesschau" oder "heute" über die neuesten Entwicklungen in den USA oder Afghanistan, im Kaukasus oder im Nahen Osten informieren. Doch in jüngster Zeit proben sie den Aufstand: Immer mehr Korrespondenten fühlen sich von ARD und ZDF unverstanden und werfen den Sendern Ignoranz, Oberflächlichkeit und mangelndes Vertrauen vor.

In dem neuen Buch Deutsche Auslandskorrespondenten (UVK Verlagsgesellschaft) schreiben sich einige Reporter den Frust von der Seele. Sie bemängeln, dass ihnen von den Redaktionen oft zu wenig Sendezeit zugestanden werde. „Und bist du noch so fleißig, es werden nur Einsdreißig“, reimt etwa die Studioleiterin des ZDF in Tel Aviv, Karin Storch. „In einer Minute und dreißig Sekunden die neue Wendung im israelisch-palästinensischen Konflikt darzustellen, ist eine Herausforderung, an der man trotz langer Erfahrung im Verkürzen verzweifelt“, schreibt Storch.

Angefangen hat alles mit Ullrich Tilgner: Der Auslandsreporter, der seit 28 Jahren aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet, hängte seinen Job als Leiter des ZDF-Studios in Teheran vor ein paar Monaten frustriert an den Nagel. Er fühle sich in seiner journalistischen Arbeit zunehmend eingeschränkt, weil er etwa in Afghanistan nicht mehr frei über das Elend der Bevölkerung berichten könne. Statt einer wirklichen Auseinandersetzung mit relevanten Themen sei beim ZDF „journalistische Folklore“ gefragt, klagte der 60-Jährige, der jetzt für das Schweizer Fernsehen arbeitet.Schützenhilfe bekam Tilgner mittlerweile von anderen ZDF-Auslandskorrespondenten: Altgediente Journalisten wie Uwe Kröger, der aus New York berichtet, Paris-Korrespondent Alexander von Sobeck oder der Ex-London-Korrespondent Ruprecht Eser beklagten, dass politische Hintergründe und Zusammenhänge zunehmend weniger gefragt seien. Stattdessen müssten den Heimatredaktionen immer häufiger oberflächliche Klatschgeschichten – etwa über das turbulente Privatleben des französischen Präsidenten Sarkozy – geliefert werden.

Viele Korrespondenten kritisieren mangelndes Vertrauen ihrer Heimatredaktionen in Deutschland. Jörg Armbruster, von 1999 bis 2005 ARD-Korrespondent im Nahen Osten, berichtet von einem bizarren Vorfall: Eines Nachts habe ihn in Kairo ein Tagesschau-Redakteur aus Hamburg angerufen und gebeten, in einer halben Stunde über einen gerade erfolgten Bombenanschlag in Sharm el Sheich zu berichten. „Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte nur wenig“, schreibt Armbruster. „Hamburg gab mir die ersten spärlichen Informationen, die ich kurze Zeit später in einer nächtlichen Tagesschau als ‚Jörg Armbruster live aus Kairo‘ durchs Telefon nach Hamburg zurückberichtete.“

Martin Weber

Quelle: tz

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