Urteil sorgt für Demonstrationen

Freispruch nach acht Jahren: Pakistanisches Gericht hebt Todesurteil gegen Christin auf

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Das Gerichtsurteil sorgt in Pakistan für Porteste.

Islamabad - Nach acht Jahren Haft ist das 2010 verhängte Todesurteil wegen Gotteslästerung gegen die Christin Asia Bibi von einem pakistanischen Gericht aufgehoben worden.

Update vom 31. Oktober 2018:

Freispruch nach acht Jahren: In Pakistan ist das 2010 verhängte Todesurteil gegen die Christin Asia Bibi wegen Gotteslästerung aufgehoben worden. Der Oberste Gerichtshof des Landes kippte am Mittwoch das Urteil gegen die Frau, deren Fall international für Aufsehen gesorgt hatte. "Sie wurde von allen Vorwürfen freigesprochen", sagte Richter Saqib Nisar. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Freispruches kam es in mehreren großen Städten Pakistans zu Protesten muslimischer Hardliner.

Bibi zeigte sich vom Richterspruch überwältigt: "Ich kann nicht glauben, was ich höre, komme ich jetzt raus?", sagte sie der AFP per Telefon aus dem Gefängnis. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich bin sehr glücklich." 

Asia Bibi: Richter Nisar kann keine herabwürdigenden Äußerungen erkennen

Die mehrfache Mutter war 2010 in der Provinz Punjab wegen Beleidigung des Propheten Mohammed zum Tode verurteilt worden. Muslimische Frauen aus ihrem Dorf hatten ihr vorgeworfen, sich beleidigend über Mohammed geäußert zu haben. Das Todesurteil sorgte international für Empörung. Papst Benedikt XVI. hatte sich für Bibis Freilassung eingesetzt.

"Ich kann keine herabwürdigenden Äußerungen bezüglich des heiligen Korans erkennen", sagte Richter Nisar am Mittwoch zu den Vorwürfen gegen Bibi. Nach Angaben des Gerichts sollte die Frau sofort freigelassen werden. Es gab jedoch keine Informationen über mögliche Sicherheitsmaßnahmen zu ihrem Schutz.

In ganz Pakistan kam es nach dem Urteil zu Demonstrationen. In der Hauptstadt Islamabad blockierten etwa tausend Knüppel schwenkende Demonstranten eine Hauptverkehrsstraße und errichteten mithilfe quergestellter Lastwagen Barrikaden. Auch in der Hafenstadt Karachi wurden Straßen blockiert. 

Nach Bekanntgabe der Freilassung: Gewaltaufrufe durch Islamisten

Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt kam es nach dem Urteil zu Gewaltaufrufen durch Islamisten. Dabei habe die pakistanische Regierung versucht, die Berichterstattung zu vermeiden. Demnach forderte das Oberste Gericht die Presse des Landes auf, nicht über den Freispruch zu berichten. Tatsächlich kam das brisante Thema in Rundfunk und Fernsehen kaum vor.

Blasphemie ist im streng konservativen Pakistan ein schwerer Vorwurf. Rund 40 Menschen sitzen dort nach Schätzungen eines US-Ausschusses zur Religionsfreiheit wegen entsprechender Anschuldigungen derzeit lebenslängliche Gefängnisstrafen ab oder warten auf ihre Hinrichtung. Immer wieder kommt es zu Lynchmorden wegen Vorwürfen der Gotteslästerung.

Der jetzige Regierungschef Imran Khan hatte während seines Wahlkampfes im Sommer versprochen, die Blasphemiegesetzgebung zu verteidigen.

Erstmeldung vom 4. Dezember 2010: Religiöser Fanatiker setzt Kopfgeld für Christin aus

“Ich gebe jedem 500 000 Rupien (4342 Euro), der Asia Bibi tötet“, sagte Maulana Yousuf Qureshi, Vorbeter in der historischen Mohabat-Khan-Moschee in Peshawar, nach Presseberichten vom Samstag. Ausdrücklich forderte er die radikal-islamischen Taliban zum Mord an der Frau auf. Dies wäre wahrhaft ein Dienst an der Religion, sagte der Geistliche laut “Daily Times“ bei einer Kundgebung am Vortag. Der pakistanische Minister für Minderheiten, Shabaz Bhatti, protestierte scharf.

“Wir werden niemandem erlauben, in Pakistan das Gesetz des Dschungels einzuführen“, sagte Bhatti. Er verurteilte den Aufruf des Vorbeters als unethisch und unmoralisch. Damit würden nur die Elemente angestachelt, die glauben, Faustrecht und Gewalt im Namen der Religion ausüben zu können, sagte der Minister, der selbst ein Christ ist. Die jüngsten Vorfälle zeigten, dass das umstrittene Blasphemiegesetz dringend geändert werden müsse.

Die 45 Jahre alte Bibi war vor einem Monat zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Sie soll sich abfällig über den Propheten Mohammed geäußert haben. Die Beschuldigte weist dies vehement zurück. Sie sei unschuldig angeklagt worden nach einem Streit mit mehreren muslimischen Frauen um einen Wasserbehälter.

Der Fall löste international Bestürzung aus, Papst Benedikt XVI. setzte sich in einem persönlichen Appell für die Freilassung der Frau ein. Die pakistanische Regierung erwägt, sie zu begnadigen. An diesem Montag soll sich allerdings ein Gericht zunächst mit einer Klage gegen die Regierung befassen.

Bibi war im Sommer 2009 verhaftet worden. Islamistische Gruppierungen machen nun Druck auf die Regierung, die 45-Jährige nicht aus der Haft zu entlassen und auch keinerlei Abstriche am umstrittenen Blasphemiegesetz vorzunehmen. Befürworter einer strengen Rechtsprechung demonstrierten dafür in zahlreichen Städten, auch verschiedene Vorbeter setzten sich öffentlich dafür ein.

Pakistan hat bislang kein Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt. Allerdings sitzen Dutzende Menschen deswegen in Gefängnissen. Das Gesetz ist umstritten, weil es nach Einschätzung von Menschenrechtlern und Juristen vielfach nicht um “Gotteslästerung“ geht, sondern um politisch oder religiös motivierte Rache. Menschen nutzten das Gesetz, um Rechnungen untereinander zu begleichen, sagen Kritiker.

dpa/afp

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