Reporter-Legende im tz-Interview

Gerd Ruge: So erlebte ich das Kennedy-Attentat

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Gerd Ruge erlebte das Kennedy-Attentat in Amerika mit. Kleines Foto: Der Präsidentenwagen nach den Schüssen.

München - Die Zeit vor und nach dem Attentat auf John F. Kennedy hat Gerd Ruge hat als Fernsehreporter selbst miterlebt. Im Interview mit der tz erzählt der 85-Jährige von dem Tag, der die Welt veränderte.

Gerd Ruge hat als Fernsehreporter viele Wendepunkte der Geschichte erlebt. Beim Mord an Martin Luther King, beim Putsch gegen Gorbatschow, beim Tod von Mao und vielen anderen weltbewegenden Ereignissen ist er auf Sendung gegangen. Als Auslandskorrespondent für die ARD verbrachte Gerd Ruge ab 1962 mehrere Jahre in den USA. Die Zeit vor und nach dem Attentat auf John F. Kennedy hat er dort selbst miterlebt. Im Interview mit der tz erzählt der 85-Jährige vom 22. November 1963, dem Tag, der die Welt veränderte.

Wo waren Sie, als Sie von dem Attentat auf John F. Kennedy erfahren haben?

Gerd Ruge: Ich saß in einem Flugzeug von Washington nach Jackson, Mississippi. Auf halbem Weg hat der Pilot die Durchsage gemacht, dass Kennedy ermordet wurde. Direkt hinter mir saßen fünf, sechs junge Kerle, Weiße, die gejubelt haben. In den Südstaaten war Kennedy ja sowieso unbeliebt. Ich habe dann den Flug in Knoxville abgebrochen und vor der Rückkehr nach Washington bei Leuten übernachtet, die auch keine Kennedy-Freunde waren. Allerdings haben sie ihn dafür kritisiert, dass er nicht genug für Gleichstellung und Bürgerrechte der Schwarzen getan habe.

Wie beliebt war Kennedy denn insgesamt im Jahr 1963, vor dem Attentat?

Ruge: Das hängt davon ab, mit wem sie gesprochen haben. 1963 meinten manche, er hätte wohl nicht mehr als 30 bis 35 Prozent der Stimmen bekommen. Unter den Intellektuellen und gebildeten Wählern gab es eine große Zustimmung. Er hat viele junge Menschen angezogen, auch aus der Oberschicht. Am zweiten, dritten Tag nach dem Attentat kam dann der Schock auch bei den Menschen an, die Kennedy eigentlich nicht leiden konnten und löste eine große Erschütterung aus.

Und dann begannen die Spekulationen über die Tat...

Ruge: Um den fünften Tag danach kam die Frage auf, wer verantwortlich war. Konnte das ein Mann alleine gewesen sein? Wie viele Schüsse waren es? Dann kamen die verschiedenen Theorien auf, ob es zum Beispiel eine Verschwörung von Castro war, von den Sowjets oder von rechten Amerikanern.

Was glauben Sie heute, wer es war?

Ruge: Ich glaube, dass es ein Alleingang war und keine Organisation dahintersteckte. Es gibt viele Theorien, aber keine davon lässt sich besser belegen. Ich habe damals die verschiedenen Erklärungen gesammelt, einen ganzen Aktenordner voll. Viele waren in sich schlüssig, aber nur bis es zu den letzten fünf Minuten vor der Tat kam. Von da an war es wieder eine Glaubensfrage.

Wie war es denn dann, als auch noch Lee Harvey Oswald erschossen wurde?

Ruge: Ich war in New York, um Material für eine Kennedy-Story zu sammeln, und da lief es plötzlich live im Fernsehen. Ich dachte, das ist ja ein Wahnsinn! Darüber könnte man wieder Theorien entwickeln, aber es gibt auch da keine nachprüfbare Spur.

Wie erklären Sie die Beliebtheit Kennedys, die bis heute anhält?

Gerd Ruge im Interview mit den tz-Redakteuren Klaus Rimpel (l.) und Robert Märländer (r).

Ruge: Seine Beliebtheit stieg nach seinem Tod, ging auf und ab und hatte mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Er ist offenbar immer noch der beliebteste US-Präsident. Im Ausland war er sogar noch beliebter als zu Hause. Die Stimmung nach dem Attentat wurde stark durch seine Frau Jacqueline Kennedy geprägt. Sie hat den dramatischen Trauerzug geplant und bestimmte zum Beispiel, wie die Kennedy-Kinder dabei auftreten sollten. Denken Sie an den kleinen salutierenden Kennedy-Sohn.

Liegt der Mythos Kennedy in erster Linie in den Umständen seines Todes begründet?

Ruge: Die Heroisierung der Person hatte sicher viel mit dem Schock der Ermordung zu tun. Aber es war auch eine Frage seines Stils. Unter Akademikern und Menschen mit mittlerem Einkommen fanden sich viele Leute darin wieder. Der Durchbruch kam aber mit dem Mord, den anschließenden Trauerfeiern und der Erschütterung bei fast allen Amerikanern.

In einem früheren tz-Interview sagten Sie, Kennedy habe in einer Zeit des Umbruchs regiert. Was konnte er selbst zum Umbruch beitragen?

Ruge: Kennedy hatte ein modernes Programm für Amerika, er hat Ideen geliefert. Aber seine Anhänger beschränkten sich eben zunächst auf Menschen, die ein modernes Programm wollten. Johnson, ein ziemlich robuster Politiker aus den Südstaaten, hat als sein Nachfolger diese Ideen durchgesetzt, und der Schock, den das Attentat bei den meisten Amerikanern auslöste, hat ihm dabei geholfen. Das war das Erbe Kennedys.

Wie denken Sie über Kennedys Rolle beim Vietnamkrieg?

Ruge: Unter ihm hat das militärische Engagement in Vietnam begonnen, aber es schien damals nur um ein paar Hundert Soldaten zu gehen. Alle führenden Strategen und Militärexperten waren damals dafür. In den meisten westlichen Staaten hielt man den Krieg gegen die vietnamesischen Kommunisten für nötig und gewinnbar. Kennedy konnte dem nicht entkommen. Eine Kapitulation vor den Kommunisten hätten Kennedy und Amerika nicht ohne Verlust ihrer weltpolitischen Glaubwürdigkeit überstanden. Die Chance, dass die Amerikaner einen Ausweg ohne wachsende militärische Verwicklung gefunden hätten, wäre aber mit Kennedy größer gewesen. Ich glaube, er hätte versucht dort rauszukommen – so wie es ihm gelungen war, in der Kuba-Krise in Geheimverhandlungen mit Chruschtschow einen gefährlichen militärischen Zusammenstoß zu verhindern.

Heute ist vieles über seinen schlechten Gesundheitszustand bekannt. Was wusste man damals darüber?

Ruge: Darüber war im Grunde nichts bekannt, und es hat auch niemand darüber gesprochen. So wie auch niemand zu der Zeit über seine Affären geredet hat. Es ist seltsam, denn die Rechten hätten das gegen Kennedy nutzen können.

Wäre das heute anders?

Ruge: Das ist schwer zu sagen. Es war eine Zeit, in der man an das Privatleben eines Präsidenten nicht unmittelbar ranging. Damals galt noch, dass sich das nicht gehört.

Interview: Robert Märländer

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