tz-Interview mit dem Entertainer

Ron Williams: "Armes reiches, dummes Amerika"

Ron Williams.

München - Entertainer Ron Williams erlebte in seiner Heimat Kalifornien Rassismus. Vor den Hintergründen der Krawalle in Ferguson sprach die tz mit dem Münchner über Rassismus in den USA:

Amerika in Aufruhr! Die Entscheidung, dass ein weißer Polizist wegen der tödlichen Schüsse auf einen schwarzen Teenager nicht vor Gericht muss, hat in 170 US-Städten Proteste, aber auch Gewalt ausgelöst. Der Todesschütze Darren Wilson erklärte im US-TV, dass er seinen Job „richtig gemacht“ habe: „Ich habe ein reines Gewissen.“

US-Präsident Barack Obama nannte es ein „amerikanisches Problem“, dass sich Schwarze von der Polizei ungerecht behandelt fühlten. Auch der Entertainer Ron Williams erlebte in seiner Heimat Kalifornien Rassismus. Die tz sprach mit dem Münchner, der ab Samstag wieder in der Dinnershow „Cotton Club“ (Ungererbad) auf der Bühne steht.

Hätten Sie dieses gigantische Ausmaß der Empörung über den Grand-Jury-Beschluss in Ferguson erwartet?

Ron Williams: Natürlich, es passiert ja nicht das erste Mal – denken Sie an Rodney King, der 1992 von weißen Polizisten zusammengeschlagen wurde, was ähnliche Proteste auslöste. Es ist ein Stau, der sich hier Luft macht: Wenn man immer wieder Polizei-Schikanen erlebt ...

Haben Sie auch selbst entsprechende Erfahrungen gemacht?

Williams: Ja, öfters schon. Einmal als ich nachts von einer Party in Los Angeles heimfuhr, sogar im Rolls Royce, wurde ich von der Polizei angehalten, weil gerade ein Alkohol-Geschäft überfallen worden war. Das Argument des Polizisten war, ich sähe dem Täter ähnlich. Es ist einfach so, dass die Polizei nach einer Tat nur schaut: Ist ein Schwarzer in der Nähe? Rassismus gehört zur USA wie Butter zum Brot, auch in einem so progressiven und modernen Bundesstaat wie Kalifornien, wo ich herkomme.

Sie haben ja eine Ausbildung als Militärpolizist gehabt. Können Sie da auch ein bisschen die Situation des Schützen Darren Wilson verstehen?

Williams: Durchaus. Dieser Junge Michael Brown war 1,85 groß und wog fast 150 Kilo. Und er war ein provokanter Typ, das hat man auf diesem Video gesehen, wo er einen Geschäftsmann einfach zur Seite drückte. So glaube ich schon, dass er diesen Polizisten angegriffen hat. Aber ihn mit sechs Schüssen zu töten! Wir haben bei der Militärpolizei damals gelernt, auf die Beine zu zielen. Letztlich sind solche Ereignisse aber die Folge dessen, dass die Armen in den USA immer tiefer abrutschen. Das betrifft übrigens auch die Weißen, nicht nur die Schwarzen. Das kann nicht gutgehen ...

Die USA haben einen schwarzen Präsidenten, dank des Engagements von Leuten wie Martin Luther King oder Harry Belafonte, den Sie derzeit in Fürth auf der Bühne darstellen, hat sich doch viel für die Schwarzenrechte bewegt. Nicht genug?

Williams: Dr. King dreht sich längst im Grab um! Vieles ist sogar schlimmer geworden. Seit Obama ins Weiße Haus eingezogen ist, ist die Anzahl der rassistischen Übergriffe in den USA stark gestiegen. Wie Ex-Präsident Jimmy Carter es ausdrückte: ‚Meine weißen Brüder und Schwestern können es nicht ertragen, dass ein Schwarzer das höchste Amt im Lande besetzt.‘ Das ist ja der Grund, weshalb die Tea Party alles blockiert, was Obama will. Das ist keine politische Blockade, sondern eine persönliche Vendetta gegen „diesen Neger“.

Hat Obama die Hoffnungen auf Verbesserungen für die schwarzen Amerikaner enttäuscht?

Williams: Er ist ein guter Präsident, er hatte aber von Anfang an zu mächtige Gegner. Er ist zu gescheit: Er erfüllt nicht das Klischee, das die Weißen vom schwarzen Mann haben. Ich habe das in der US-Armee selbst erlebt, wo ich nur Ärger hatte, weil ich gut in der Schule war, gut reden konnte – man hat mich beleidigt, gedemütigt. Zu viele Menschen in meiner Heimat sind zutiefst rassistisch. Es wird lange, lange brauchen, bis das aus der amerikanischen DNA verschwunden ist, die von 400 Jahren Sklaverei, Ausrottung der Indianer und Schuldgefühlen geprägt ist. Dieses Land ist ein Gigant auf tönernen Füßen: Oben ist die Wall Street, das Militär – aber unten bröckelt alles. Sozialpolitisch sind die USA krank.

Haben Sie Rassismus auch in Deutschland erlebt? 

Williams: Natürlich, es gibt auch in Bayern in gewissen Schichten Rassismus. Aber ich bin bewusst nach meiner Militärzeit in Deutschland geblieben und bin froh, hier meine Kinder aufgezogen zu haben. Denn hier gibt es wenigstens den Versuch, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Bundespräsident hat mir, einem schwarzen Ausländer, wegen meines Engagements an Schulen gegen Rassismus 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Meine Freunde in den USA sagen mir: In Amerika hättest du lange auf so eine Auszeichnung warten können ... Ich bin hier geblieben, weil dieses Deutschland mit all seinen Schwächen viel demokratischer ist als meine Heimat. Die USA sind ein armes reiches, dummes Land.

Interview: K. Rimpel

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