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„Werte gehen senkrecht nach oben“: Kinderkliniken wegen hoher Zahl an Atemwegserkrankungen am Limit

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Von: Patrick Huljina

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Laut RKI steigt die Zahl der akuten Atemwegserkrankungen derzeit deutlich an. Insbesondere in Kinderkliniken spitzt sich die Lage zu.

Berlin/München - Bei der Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland ist laut dem Robert Koch-Institut (RKI) derzeit noch kein Anstieg zu verzeichnen. Die Zahl akuter Atemwegserkrankungen generell ist nach Daten der Online-Befragung „GrippeWeb“ im Vergleich zur Vorwoche allerdings deutlich gestiegen, wie es im RKI-Wochenbericht von Donnerstagabend (24. November) heißt. In der Woche bis zum 20. November lag sie demnach mit etwa sieben Millionen sogar über dem Bereich vorpandemischer Jahre.

RKI-Wochenbericht: Zahl akuter Atemwegserkrankungen steigt

In den kommenden Wochen sei saisonal bedingt weiter mit einer steigenden Zahl respiratorischer Erkrankungen zu rechnen. „Insbesondere die Positivenrate und die Zahl der Erkrankungen durch Influenza zeigen einen deutlich steigenden Trend, zudem führen RSV-Infektionen insbesondere bei Kleinkindern vermehrt zu Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen“, schreibt das RKI in seinem Bericht.

Das schlägt sich auch in der Erfassung schwerer akuter respiratorischer Infektionen (Sari) neu im Krankenhaus aufgenommener Patienten nieder: Aktuell werden bedingt durch die ungewöhnlich starke Zirkulation des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) deutlich mehr Sari-Fälle bei den bis Vierjährigen verzeichnet als in den Jahren vor der Corona-Pandemie und im Vorjahr, teilte das RKI weiter mit. Auch in den folgenden Altersgruppen bis 14 Jahre liegen die Sari-Werte demnach auf einem sehr hohen Niveau.

Viele Kinderkliniken am Limit: Intensiv- und Notfallmediziner sieht „Katastrophenzustände“

Florian Hoffmann sagte der Deutschen Presse-Agentur zur aktuellen Entwicklung bei Kleinkindern: „Es ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben.“ Der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner ist Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München.

In mehreren Bundesländern, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, gebe es schon jetzt kaum ein freies Kinderbett in Kliniken mehr, erklärte Hoffmann. Er sprach von „Katastrophenzuständen“: Familien mit kranken Kindern müssten teils in der Notaufnahme auf einer Pritsche schlafen. Das sei ein Armutszeugnis für Deutschland. Viele betroffene Kinder seien schwer krank und müssten beatmet werden.

Viele Kinderkliniken sind derzeit aufgrund der hohen Patientenzahlen am Limit. (Symbolbild)
Viele Kinderkliniken sind derzeit aufgrund der hohen Patientenzahlen am Limit. (Symbolbild) © Sebastian Gollnow/DPA

Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) 

An RSV kann man in jedem Alter erkranken, aber vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern ist der Erreger bedeutsam. Es kann sich um eine einfache Atemwegsinfektion handeln, aber auch schwere Verläufe bis hin zum Tod sind möglich. Zu Risikopatienten zählt das RKI zum Beispiel Frühgeborene und Kinder mit Lungen-Vorerkrankungen, aber auch generell Menschen mit Immunschwäche oder unterdrücktem Immunsystem.

Innerhalb des ersten Lebensjahres hätten laut RKI normalerweise 50 bis 70 Prozent und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen waren viele solche Infektionen allerdings zeitweise ausgeblieben.

Divi will Lösungsvorschläge vorstellen: „Müssten eigentlich Notfall-Mechanismen aktivieren“

Bereits im Spätsommer 2021 hatte es eine unüblich hohe RSV-Welle gegeben – die Lage aktuell sei aber schlimmer, sagte Hoffmann. Nicht nur in Deutschland, auf der Nordhalbkugel gebe es generell ein „dramatisches epidemisches Geschehen“. Betroffen seien viele Kinder von ein oder zwei Jahren, die – auch angesichts der Corona-Pandemie und der dagegen getroffenen Maßnahmen – bisher keinerlei Kontakt zum RSV hatten, erklärte Hoffmann.

Zur Situation in der Kinder-Intensivmedizin will die Divi kommende Woche in Hamburg neue Zahlen und damit einhergehende Forderungen und Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Versorgung schwerstkranker Kinder vorstellen. „Wir werden diesen Winter nicht mehr alle versorgen können. Die Kollegen landauf, landab wissen nicht, wohin mit unseren kleinen Patienten“, sagte Hoffmann. Strukturen zur Bewältigung der Situation seien nicht vorhanden und die vorhandenen Register zur Bettensituation aus Zeitmangel oft nicht aktuell. „Wir müssten nun eigentlich Notfall-Mechanismen aktivieren, zum Beispiel Pflegepersonal aus der Erwachsenenmedizin hinzuziehen.“ (ph/dpa)

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