Häftlingsfrauen erfinderisch

Schwanger dank Sperma-Schmuggel

Nablus - Einen abenteuerlichen Weg haben angeblich Frauen von  palästinensischen Inhaftierten gefunden, um Kinder zu bekommen. Sie lassen sich Sperma aus dem Gefängnis schmuggeln.

Mit dem geschmuggelten Sperma lassen sich die Frauen künstlich befruchten. Dies erzählt zumindest ein palästinensischer Arzt. Das erste Baby soll inzwischen auf der Welt sein.

Was ist nicht schon alles aus Gefängnissen geschmuggelt worden - Drogen, Waffen, Kleidung. Aber Sperma? Na sicher, sagt der Reproduktionsmediziner Salim Abu Chaisaran. Mehr als 20 Frauen habe er inzwischen mit geschmuggelter Samenflüssigkeit ihrer von Israel inhaftierten Männer künstlich befruchtet, sagt der Arzt. Israelische Sicherheitsbehörden streuen zwar öffentlich Zweifel. Doch halten Experten die Geschichte durchaus für plausibel.

Chaisaran arbeitet am Rasan-Zentrum für künstliche Befruchtung in Nablus im Westjordanland. „Die Frauen der Gefangenen leiden sehr“, erzählt der Arzt. „Sie sind einsam, da ihre Ehegatten im Gefängnis sind, einige für den Rest ihres Lebens. Sie möchten unbedingt ein Baby haben, das ihrem Leben einen Sinn gibt.“

Rund 40 Spermaproben habe er gesammelt, bislang 22 Frauen künstlich befruchtet. Fünf Frauen seien tatsächlich schwanger geworden. Eine habe Anfang des Jahres ihr Kind zur Welt gebracht. Geld nehme er nicht für seine Arbeit, betont Chaisaran. Und alles sei mit der Familie der Betroffenen abgesprochen.

In israelischen Gefängnissen sitzen etwa 4.500 palästinensische Häftlinge ein, zum Teil viele Jahre lang. Die Gründe für ihre Inhaftierung reichen von Steinwürfen bis zum Mord an israelischen Zivilisten. Sie dürfen zwar Besuch bekommen, aber eine Glaswand trennt Häftlinge und Besucher. Nur bei Kindern wird eine Ausnahme gemacht, sie dürfen den Vater zum Beispiel umarmen. Sex mit dem Ehepartner wird aber nicht erlaubt.

„Wir Frauen werden alt und haben kaum noch Chancen, Kinder zu bekommen“, sagt die 38-jährige Rimah Silawi, deren Ehemann Osama vor 22 Jahren wegen Mordes an einem Israeli und drei Palästinensern zu einer mehrfach lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde. Sie ist nach eigenen Angaben eine der fünf Frauen, bei denen eine In-vitro-Fertilisation gelungen ist. Sie ist seit einem Monat schwanger.

Die Erfolgsquote bei In-vitro-Fertilisation liegt in westlichen Ländern unter idealen klinischen Bedingungen bei 25 Prozent. Reproduktionsmediziner Chaisaran sagt, wegen des äußerst schwierigen Transports der Spermien sei sie in diesem Fall natürlich niedriger.

Darüber, wie das Sperma aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt wird, erfährt man wenig. Die Proben würden in Pipetten transportiert, so viel geben Familienangehörige preis. Und eine Frau berichtet, die Pipette mit der Samenflüssigkeit ihres Mannes sei in Wäsche verborgen gewesen, die ihr Mann einem Besucher gegeben habe. Sie sei auf dem schnellsten Wege in die Klinik gebracht und dort kühl gelagert worden. Dies habe alles in allem etwa vier Stunden gedauert.

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Dass eine künstliche Befruchtung unter diesen Umständen erfolgreich sein kann, hält die Ärztin Jennifer Kupl Makarov vom Maimonides-Krankenhaus in New York für durchaus möglich. Der Samen sei außerhalb des Körpers mehrere Stunden lang überlebensfähig. Bei einer In-vitro-Fertilisation würden zudem nur einige Spermien benötigt. Eine Probe enthalte durchschnittlich 40 Millionen Spermien. Nach einigen Stunden seien noch ein paar Millionen am Leben. Das genüge.

Siwan Weizman, Sprecherin der israelischen Gefängnisverwaltung, bezweifelt die abenteuerliche Geschichte des Arztes trotzdem. Es sei kaum vorstellbar, dass in den gut gesicherten Gefängnissen ein solcher Schmuggel möglich sei. Palästinensische Rechtsanwälte widersprechen: Es sei zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Beim Kontakt zwischen den Häftlingen und ihren Kindern könnten durchaus einmal Gegenstände den Besitzer wechseln. Womöglich gebe es auch Aufseher, die mal ein Auge zudrückten.

„Wenn man ein Handy in das Gefängnis schmuggeln kann, kann man auch Sperma rauszuschmuggeln“, sagt der Anwalt Mohamed Hassan.

AP

Rubriklistenbild: © dpa

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