Leiter der Unicef-Programme im tz-Interview

So schlimm wie beim Tsunami

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Viele Menschen auf den Philippinen stehen vor dem Nichts

Manila - Willibald Zeck leitet seit eineinhalb Jahren die Gesundheitsprogramme des Kinderhilfswerks auf den Philippinen. Wir haben mit dem 40-Jährigen am Montag in Manila telefoniert.

Die Verzweiflung der Überlebenden von Taifun Haiyan steigt von Tag zu Tag. Millionen Menschen sind betroffen, Hunderttausende brauchen Hilfe. Hilfe, die Organisationen wie Unicef innerhalb kürzester Zeit auf den Weg gebracht haben. Einer dieser Helfer ist Willibald Zeck. Der Gynäkologe leitet seit eineinhalb Jahren die Gesundheitsprogramme des Kinderhilfswerks auf den Philippinen. Wir haben mit dem 40-Jährigen am Montag in Manila telefoniert.

Guten Abend, Herr Zeck, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Willibald Zeck: Man kann kaum beschreiben, wie katastrophal die Lage ist. Obwohl wir vorbereitet waren und die Philippinen häufig von Taifunen betroffen sind, konnten wir dennoch nicht absehen, dass die Auswirkungen so dramatisch sein würden. Der Taifun ist durch eine besonders arme Region gezogen und hat dort auch die schwersten Schäden angerichtet. Wir schätzen, dass fast zwei Millionen Kinder betroffen sind. Viele dieser Kinder waren schon vor der Katastrophe geschwächt und hilfsbedürftig. Selbst wenn man Krisensituationen kennt, ist das Ganze schwer fassbar.

Viele Gebiete sind schwer zu erreichen. Was wissen Sie?

Zeck: Es gibt keine regulären Flüge mehr, die Flughäfen sind zerstört oder schwer beschädigt. Da es sich um Inseln handelt, ist die Organisation der Hilfe sehr schwierig. Nur mit Militärmaschinen kommen die Helfer zur Nachbarinsel und versuchen dann, per Fähre ins Zentrum zu gelangen. Noch immer sind viele Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Unzählige Familien haben alles verloren. In den Regionen sieht es aus, als ob eine Dampfwalze alles platt gemacht hat. Kein Stein steht mehr auf dem anderen. So etwas habe ich bislang nur nach dem Tsunami 2004 gesehen.

Sie sagen, die Kinder waren bereits zuvor geschwächt – was bedeutet das jetzt in dieser Situation?

Zeck: In den betroffenen Gebieten wohnen eh schon die ärmsten der armen Philippinos. Die Kinder hatten schon vor der Katastrophe einen schlechten Gesundheits- und Ernährungszustand. Sie haben der extremen Situation wenig entgegenzusetzen. Viele haben ihre Eltern verloren, laufen verzweifelt durch die Gegend. Und es gibt nicht genug Nahrung. Wir befürchten, dass viele Kinder infolge von Erkrankungen oder Unterernährung sterben werden. Durchfall und Lungenentzündung sind große Gefahren. Für uns ist es ganz wichtig, jetzt sofort einzugreifen und Nahrung bereitzustellen, Hygiene zu sichern, die Kinder mit sicherem Trinkwasser zu versorgen.

Wie kann Unicef helfen?

Zeck: Unicef hat ein globales Netzwerk, das ist unsere große Stärke, internationale Experten sind schon da. Wir können direkt eingreifen und die philippinische Regierung unterstützen. Wir entsenden unsere Spezialisten, die die Hilfe systematisch planen und gemeinsam mit unseren Partnern die Versorgungskette aufbauen. Momentan müssen vor allem Not-Camps aufgebaut und gemanagt werden, Toiletten gebaut und die Opfer medizinisch versorgt werden.

DO

Spur der Verwüstung nach Taifun Haiyan

Spur der Verwüstung nach Taifun Haiyan

Seuchen, Plünderungen: die Hölle von Tacloban

Nach der Katastrophe drohen Seuchen und anarchische Gewalt. Hungrige und durstige Überlebende plünderten die letzten nicht zerstörten Geschäfte. Sogar ein Lastwagen des Roten Kreuzes wurde gestoppt und ausgeraubt.

Ein Anwohner der durch den Taifun Haiyan verwüsteten Stadt Tacloban klagte: „Die Menschen werden verrückt. Sie plündern die Läden, um Reis und Milch zu finden. Ich habe Angst, dass sie sich wegen des Hungers in einer Woche gegenseitig umbringen.“

Hunderte philippinische Soldaten und Polizisten sind inzwischen in Tacloban eingetroffen, um die Gewalt der verzweifelten Bevölkerung einzudämmen und bei der Versorgung mit Hilfsgütern zu helfen. Mehr als 450 Polizisten seien als Verstärkung geschickt worden, so der Sprecher der nationalen Polizei, Reuben Sindac.

Präsident Benigno Aquino hatte die Verstärkung der Sicherheitskräfte angeordnet. „Sie sollen Ruhe und Ordnung zurückbringen“, sagte der Staatschef nach einem Besuch in der völlig zerstörten Stadt. Wie viele Menschen Haiyan, einer der stärksten Stürme aller Zeiten, getötet hat, ist noch unklar: Experten fürchten, dass weit mehr als die zunächst geschätzten 10 000 Menschen dem Taifun zum Opfer gefallen sind. Nach UN-Angaben sind 9,5 Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen. Mehr als 600 000 Menschen wurden obdachlos.

Und jetzt drohen Typhus, Ruhr und Cholera: Vor allem das verschmutzte Grundwasser und die fehlende medizinische Grundversorgung beschleunigen die Verbreitung dieser tödlichen Seuchen.

Die internationalen Hilfsbemühungen laufen auf Hochdruck. Flughäfen, Brücken und Straßen sind zerstört. Auf einer notdürftig reparierten Landebahn konnten am Montag die ersten C-130-Militärmaschinen der USA mit Hilfsgütern und Marinesoldaten an Bord landen. Es soll eine Luftbrücke eingerichtet werden. Die BR-Benefizaktion Sternstunden stellte spontan 500 000 Euro Soforthilfe zur Verfügung, so Geschäftsführer Thomas Jansing.

Auf den Philippinen wird diskutiert, ob die Behörden die Bevölkerung vorher nicht besser hätten schützen können. Energieminister Jericho Petilla wies alle Vorwürfe zurück: „Alle Vorsichtsmaßnahmen nützen bei solcher Gewalt wenig. Die ganze Provinz hätte vollständig evakuiert werden müssen.“

Folge des Klimawandels

„Stoppt diesen Wahnsinn“, forderte am Montag der Vertreter der Philippinen auf der UN-Klimakonferenz in Warschau. Seine Botschaft war eindeutig: Der Klimawandel ist mitverantwortlich für das Ausmaß des Taifuns Haiyan. Er fügte hinzu: „Wir weigern uns, zu akzeptieren, dass unser Leben darin bestehen soll, vor Monsterstürmen zu fliehen, unsere Familien in Sicherheit zu bringen, Zerstörung und Not zu erleiden und unsere Toten zählen zu müssen.“

Deutsche Forscher sehen ebenfalls einen Zusammenhang mit dem Klimawandel. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagte, die Erwärmung der Weltmeere begünstige Wirbelstürme. Wegen der steigenden Temperaturen seien auch stärkere Stürme zu erwarten.

Auch Rekordhitzewellen und Dürren sind laut Rahms­torf in den letzten Jahren häufiger geworden. „Diese Wetterextreme werden leider weiter zunehmen“, prognostiziert der Klimaforscher.

Laut ersten Schätzungen hat Haiyan eine Windgeschwindigkeit von 315 km/h erreicht. Hurrikan Katrina brachte es beispielsweise auf deutlich geringere 280 km/h.

Haiyan gehört damit vermutlich zu den vier stärksten Wirbelstürmen aller Zeiten. Als Taifun Nancy 1961 345 km/h erreichte, waren rund 190 Todesopfer zu beklagen.

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