Lehrer bat ihn, aufzumucken

„Werden alle zu Superspreadern“: Schüler beschreibt unglaublichen Corona-Alltag - klare Forderung an Piazolo

Kein Abstand zum Mitschüler, Lüften nicht möglich, und jeden Tag eine neue Ansage vom Kultusministerium. Schüler Jonas Bettger hat die Schnauze voll - und fordert endlich eine klare Linie.

  • Ein Schüler berichtet von den katastrophalen Corona-Zuständen an seiner Schule.
  • Der Druck auf Schüler und Lehrer sei trotz der Pandemie weiter hoch.
  • Er fordert: Das Kultusministerium müsse sich für einen Schulstart 2021 endlich einen konkreten Fahrplan überlegen.

Rosenheim - Jonas Bettger geht seit Beginn des neuen Schuljahrs wieder ganz normal in seine Schule, die FOS/BOS in Rosenheim. Zu normal, findet der 20-Jährige. Alle Schüler und Lehrer tragen zwar - mehr oder weniger zuverlässig - eine Maske auf dem Schulgelände und im Unterricht. Ansonsten könne man aber meinen, es gäbe kein Corona.

Eng an eng mit 23 anderen Schülern lernt Bettger seither in einem schlecht gelüfteten Klassenzimmer. „Die Fenster hier sind sehr schmal und sehr hoch. Effektives Lüften ist damit nicht möglich“, sagt Bettger, der im Kreis Rosenheim für die SPD aktiv ist. Konkret sehe das so aus: Drei Klassenzimmer machen die Fenster und Türen auf und alles ziehe auf den Gang. „Mehr ist es nicht.“

Jonas Bettger ist Schüler an der FOS Rosenheim. Er fordert: Das Corona-Chaos, das die Schüler und Lehrer in den vergangenen Monaten ertragen mussten, muss endlich ein Ende haben.

Corona-Pandemie und Schule: Wo bleiben die versprochenen Lüftungsanlagen?

Die vom Kultusministerium im Herbst angekündigten Lüftungsanlagen gäbe es immer noch nicht. Aktuell ist unklar, ob die Stadt bereits Zugriff auf die dafür angekündigten Gelder hat - und ob diese überhaupt schon ausgezahlt wurden.

Und dann die Sache mit den Masken. Im Klassenzimmer säßen viele Mitschüler bis zum Unterrichtsbeginn und dem Eintreffen der Lehrer ohne Maske herum, ratschend. „Der eine war am Tag zuvor ohne Maske bei den Querdenkern und sitzt dann wieder so in der Schule.“

Seit Mittwoch (16. Dezember) befindet sich Bayern im Corona-Lockdown. Gibt es zu Weihnachten eine überraschende Lockerung, darf man in den Ferien wandern? Alle News im Ticker.

Lehrer und Schüler schaffen es nicht, die Abstände einzuhalten

Den gebotenen Abstand zu seinem Gegenüber sei außerdem so gut wie nie einzuhalten, erzählt Bettger. Zu eng seien die Klassenräume. Und auch die Lehrer stünden oftmals zu mehreren in der sechs Quadratmeter großen Kaffeeküche zusammen. Beschweren dürfen sie sich nicht. „Mich hat deshalb sogar schon ein Lehrer angeschrieben, ich solle an die Öffentlichkeit gehen, ihm sei es als Beamter ja nicht möglich.“

Kein Wunder also, dass Corona-Infektionen an seiner Schule bereits im Oktober reihum gingen. „Schüler kamen ohne Maske und teils mit Symptomen in den Unterricht, steckte den einen Lehrer an, der steckt die Schülerin an, die direkt am Pult vorne sitzt.“ Und so seien es plötzlich 20 Neuinfektionen an zwei Tagen gewesen, nur auf seiner Schule. Zur Einordnung: Aktuell hat die Stadt Rosenheim eine Sieben-Tage-Inzidenz von 221 (Stand 15. Dezember), der Landkreis liegt bei 228, beide Bereiche gelten also als Hotspot.

Schüler kritisiert: Kultusministerium richtet in Corona-Pandemie heilloses Durcheinander an

Obendrauf komme, dass kein Schüler mehr „einen freien Kopf“ für das Lernen habe. Ständig ändere das Kultusministerium seine Vorgaben für die Schulen. „Bis gestern (Montag, 14. Dezember) war nicht klar, ob wir als Abschlussklasse nun in den Distanzunterricht gehen oder nicht“, sagt Bettger. Die Lehrer hätten es schlicht nicht gewusst.

Seit Dienstag ist nun heraus, dass alle Schüler in die vorzeitigen Ferien entlassen werden - auf freiwilliger Basis und außer die Abschlussklassen, die jetzt im Distanzunterricht sind. Das Kultusministerium äußert sich dazu in einer Pressemitteilung folgendermaßen: „Unser besonderes Augenmerk gilt in diesen Tagen den Abschlussklassen. Mit dem verpflichtenden Distanzunterricht sollen die laufende Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen so gut wie möglich fortgesetzt werden.“ Das schließe „mündliche Leistungsnachweise“ ein.

Am Donnerstag wäre nun bei Bettger in Rosenheim noch eine Schulaufgabe angestanden. „Wie hätten wir uns bei dem Hin und Her darauf vorbereiten sollen?“ Welcher Schnitt bei diesem Leistungsnachweis herausgekommen wäre? „Wir haben schon Arbeiten geschrieben, da war der Schnitt bei 4,0. Wir rauschen alle gerade ab.“

Corona-Pandemie: Für die Schulen braucht es endlich ein stringentes Konzept

Eines ist Bettger sehr wichtig: „Ich will nicht jammern über die letzten Monate. Aber jetzt muss nachhaltig etwas passieren.“ Er fordert vom Kultusministerium, dass der Lockdown ab Mittwoch für die Erarbeitung eines stringenten Konzepts für die Schulen genutzt wird. Im Sommer habe man gedacht, Maske und Lüften wird schon reichen. „Wir frieren uns den Arsch ab, ich fühle mich oft wie im Polar-Express.“

Und der Druck müsse raus. Noten, Schulaufgaben, Kurzarbeiten - man könne nicht weiter so tun, als sei es ein ganz normales Schuljahr. Schon jetzt ballten sich die Prüfungen bis zum vorgezogenen Notenschluss vor dem Abitur 2021. „Ich erwarte mir da einfach Fairness“, so Bettger.

Schüler fordert: Corona-Schnelltests an Schulen einführen

Jetzt müsse sich grundlegend etwas ändern, wenn die Schulen ab Mitte Januar wieder starten sollen. Man müsse den Präsenzunterricht überdenken. Zusätzliche Container aufstellen, um mehr Platz zu schaffen. „Lüftungsanlagen installieren, FFP-2-Masken auch für Lehrer und Schüler, Schnelltests“, fordert Bettger. Jedenfalls nicht weitermachen, als gebe es an den Schulen kein Corona. Bettger sieht sonst schwarz: „Wir werden alle zu Superspreadern.“

Das Kultusministerium haben wir mit den Vorwürfen des Schülers konfrontiert. Die Antwort liest sich wie folgt:

„Die Beschaffung der Luftfiltergeräte liegt in der Verantwortung der Schulaufwandsträger. Bereits seit dem 1.10.2020 ist die Beschaffung entsprechender Geräte möglich. Seit der Veröffentlichung der Förderrichtlinie am 22.10. können die Schulaufwandsträger Förderanträge bei den Regierungen stellen.“

Aktuell sieht sich Kultusminister Michael Piazolo mit Rücktrittforderungen konfrontiert.

Rubriklistenbild: © CHRISTOF STACHE/AFP

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