So entstehen die Clips

Die Videos vom „Schulte“ begeistern Millionen - das ist sein Geheimnis

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Protagonist in all seinen Videos: Produzent Michael Schulte. 

Ein Maßkrug zerschlägt ein Cocktailglas, Italiener fuchteln hektisch mit der Hand - die Videos von „Der Schulte“ gehen im Netz viral. Der Produzent hat uns das Geheimnis seines Erfolgs verraten.  

München - Als die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2014 im Halbfinale Brasilien mit 7:1 sensationell schlug, feierte das Netz einen kurzen Clip, der die Situation perfekt wiedergab: Ein Maßkrug mit Deutschlandflagge darauf zertrümmerte darin ein Cocktailglas. Allein das Ursprungsvideo wurde bei YouTube über 18 Millionen Mal abgespielt - die vielen Duplikate und unzählige Facebook- und WhatsApp-Kopien noch gar nicht miteingerechnet. Der Kurzfilm ging um die Welt und wurde zum ersten viralen Hit von Produzent Michael Schulte.

Der hat seitdem nachgelegt. Beliebte Portale wie 9GAG oder Unilad teilen seine Videos häufig und verlinken seine Facebook-Seite „Der Schulte“ darin, dadurch erreichen die Clips oft Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Dabei produziert Michael Schulte viele seiner Videos komplett eigenständig, er ist für Konzeption, Text, Dreh, Schnitt und Postproduktion zuständig. 

Das Video mit Masskrug und Cocktailglas entstand auf der Herrentoilette des Radiosenders Bayern 3, wo Schulte damals als Videoproduzent arbeitete. Vom Spiel bekam er an diesem Abend nicht viel mit, ständig gingen Nachrichten ein, in denen er auf den Erfolg des Clips angesprochen wurde. Sein Freund und BR-Kollege Philipp Nagel unterbreitete ihm später die Idee, eine eigene Plattform für weitere derartige Projekte zu gründen. 

Mit simplen Themen erreicht „der Schulte“ Millionen Menschen

Die Seite „Der Schulte“ entstand schließlich 2015 und war zunächst eines reines Hobby-Projekt neben der Arbeit als Videoproduzent. Noch im selben Jahr gelang ihm mit „How Languages sound to others“ der erste eigenständige Viral-Hit. Das Konzept hinter dem Video ist simpel: Schulte macht darin mehrere Sprachen klischeehaft nach. Bis heute wurde der Clip auf Facebook fast acht Millionen Mal angesehen. 

Seit September 2016 betreibt Schulte den Kanal hauptberuflich und in Kooperation mit Bayern 3. Für den Sender geht es dabei vorrangig darum, sich als Marke im Internet zu etablieren. Schulte ist nach wie vor frei in der Wahl seiner Themen und der Konzeption seiner Videos. 

Doch es dauerte bis März 2017, ehe ihm der dritte große Coup gelang: Das Video „How Italiens do Things“ spielt mit dem übertriebenen Einsatz einer Geste, die als typisch italienisch gilt: Mit zusammengeführten Fingerspitzen wird das Handgelenk gestreckt und gebeugt. In dem Video kommt diese Handbewegung in vielen Alltagssituationen zum Einsatz: Beim Espresso trinken, Müll entsorgen, Hände waschen und sogar beim Auto fahren. Über elf Millionen Menschen sahen sich den Clip an, hinterließen hunderttausende Kommentare.

Bei der Produktion des Videos wirkten erstmals mehrere Freunde von Schulte mit, zuvor hatte er seine Clips völlig alleine produziert. Der hohe Spaßfaktor beim Dreh in größerer Runde und der Erfolg des Videos regten ihn daraufhin zum Umdenken an und seitdem entstehen alle seine Videos als Gemeinschaftswerk seines Freundenkreises. 

Der ganze Freundeskreis arbeitet am nächsten Hit

„Wenn wir drehen, ist das wie ein Familientreffen“, erzählt Schulte, „alle haben Spaß und einen positiven Spirit.“ Manche Videos entstehen zu dritt, bei anderen stehen sieben Leute in seinem Wohnzimmer. Sie alle nehmen sich neben dem Beruf Zeit für das Projekt. Den Teamerfolg beschreibt er mit einer Analogie zum Bergsteigen: „Ich habe eine Zeit lang versucht, den Berg alleine hochzulaufen. Aber falls ich dort angekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich ein Selfie gemacht und wäre wieder gegangen. Noch schöner ist es aber, die Aussicht zu teilen.“

Spaß beim Dreh im Team: Das ist Schultes Erfolgsgeheimnis. 

Am Ende landen seine fertigen Videos daher in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Next Viral Schulte Clip“. Dort tauscht sich Schulte mit seinen Freunden über das fertige Produkt aus, es gibt Lob, Kritik und Anregungen. „Jeder sagt offen, wenn ihm etwas nicht gefällt. Am Ende wird das Produkt dadurch immer besser“, sagt er. 

Sein langfristiges Ziel ist es, die Leute noch enger zusammenzubringen. Im besten Fall kann er die Freunde dann auch bezahlen. Er selbst bekommt ein festes Gehalt von Bayern 3, von dem er gut leben kann, wie er meint. „Ich bin nicht alleine Der Schulte, das kann und will ich gar nicht sein. Dann würde ich in einem halben Jahr aufhören“, betont er. 

500 Euro für zwei Minuten Video

Als 9Gag zum ersten Mal eins seiner Videos bei Facebook teilte, weckte Schulte in der Nacht seine Frau auf, und beide freuten sich wie kleine Kinder darüber. Erfolg will er aber nicht an konkreten Zahlen festmachen: „Zahlen sind eine anonyme Masse. 100 Aufrufe sind erstmal nichts. Aber wenn du dir vorstellst, dass diese Leute in einem Raum sitzen und du auf der Bühne stehst und ihnen dein Video zeigst, dann sind 100 auf einmal ziemlich viel.“ 

Positives Feedback ist Schulte wichtiger als die Statistik. „Wenn es am Ende jemandem den Tag geiler macht, ist es erfolgreich“, sagt er. Eine Frau als Polen schrieb ihm einmal, sie habe seine Videos gesehen, während sie unter Depressionen litt. Sie hätten ihr auf dem Weg der Besserung geholfen.

Wie viel Arbeit in der Produktion stecken kann, zeigt das Video „How Nations Eat“. Darin verarbeitet Schulte einmal mehr landestypische Klischees. Der Schweizer kocht Geldscheine im Fonduetopf, während der Holländer den Käse lieber in Scheiben schneidet und als Joint raucht. Der Deutsche stopft sich Sauerkraut in den Mund, der Nachbar aus Frankreich dagegen ein ganzes Baguette. 

„How Nations Eat“ ist etwas mehr als zwei Minuten lang, kostete in der Produktion aber über 500 Euro. Schulte verbrachte einen Tag damit, Requisiten zu kaufen, darunter einen Käselaib für 120 Euro, eine große Schweinshaxe und 15 Dosen Sauerkraut. Dazu kam eine extra Tischplatte aus dem Baumarkt. Zwei Tage dauerte der Dreh, ein weiterer der Schnitt, den er selbst übernahm. Der Lohn für diesen Aufwand: 45 Millionen Video-Aufrufe alleine auf seiner Seite. Und der Clip lief noch auf hunderten anderen.

An weiteren Ideen mangelt es Schulte nicht, er wird inspiriert von Memes im Internet, Vorschlägen von Freunden oder alltäglichen Beobachtungen. „Die Themen liegen wirklich auf der Straße. Du musst dich nur, sagen wir 15 Minuten, an den Odeonsplatz setzen und die Leute beobachten“, meint Schulte. Längst ist er auch auf Plattformen wie Instagram oder Snapchat präsent.

Mittlerweile wird er auch privat oft angesprochen und erkannt, etwa als er neulich mit dem Taxi zu einem Termin fuhr. Ein Fan sah ihn und schrieb ihm darauf: „Ja, fahren wir denn jetzt schon mit dem Taxi zur Arbeit?“ Erkannt zu werden freut Schulte, gleichzeitig gibt es ihm das Gefühl, beobachtet zu werden. So weit ist er gekommen, der Mann mit der genialen Idee mit dem Maßkrug und dem Cocktailglas. 

sr

 

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