Brisantes Interview

Geouteter Ex-Priester: Hälfte der Geistlichen im Vatikan ist schwul

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Krzysztof Charamsa mit seinem Partner Eduard am Tag seines öffentlichen Coming Outs 2015.

Für Krzysztof Charamsa ist klar: Im Vatikan gibt es weitaus mehr Schwule, als die katholische Kirche jemals zugeben würde. Doch das ist nicht das größte Problem, wie er im Interview erklärt.

Schon als junger Mann sehnte sich der streng gläubig erzogene Pole Krzysztof Charamsa (45) danach, in der Glaubenskongregation im Vatikan zu arbeiten. Sein Traum erfüllte sich – und wurde zum Albtraum. Charamsa machte im Vatikan Karriere, wurde 2011 als Nachfolger von Georg Gänswein (Joseph Ratzingers rechter Hand) Sekretär bei der Glaubenskongregation. Doch Charamsa verliebte sich bei einer Reise nach Barcelona in einen Mann – am 3. Oktober 2015 ertrug er sein Doppelleben und die Heuchelei und Schwulenfeindlichkeit im Vatikan nicht länger und machte seine Liebe zu dem Spanier Eduard öffentlich. Daraufhin wurde er aller kirchlichen Ämter enthoben. Die tz sprach aus Anlass des Internationalen Tages gegen Homophobie mit Charamsa über seine Erfahrungen mit Schwulen und Schwulenhassern im Vatikan.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie homosexuell sind?

Krzysztof Charamsa: In der Pubertät, in der Zeit, wo jeder junge Mensch ein Bewusstsein von Sexualität entwickelt. Als ich begann zu verstehen, dass ich schwul bin, empfand ich das als schmutzig, schlecht, krank. Weil ich die Position der Kirche, aber auch die der damaligen kommunistischen Gesellschaft in Polen übernommen habe.

Wie sind Sie dann mit Ihrer Homosexualität umgegangen?

Charamsa: Ich habe gemacht und gedacht, was meine Kirche mir glauben machen wollte: Dass nur die Kirche die Wahrheit hat und alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die angeborene Homosexualität Humbug sind. Als mein Traum sich erfüllte, in der Glaubenskongregation zu arbeiten, sah ich: Dort verschließt man sich völlig vor der Realität – meine Kollegen dort haben keine Ahnung, was es bedeutet, homosexuell oder transsexuell zu sein. Sie wissen nur: Diese Menschen sind gegen Gott und gegen die Kirche.

„Das ganze Theater war schwuler Barock“

Und wann kamen die ersten Zweifel an Ihrer Arbeit im Vatikan?

Charamsa: Als 2005 Papst Benedikt das Verbot für alle Homosexuellen erließ, Priester sein zu dürfen, begann ich zu verstehen: Das trifft mich! Ich hatte meine Sexualität nie ausgelebt, aber Benedikt hatte erklärt, dass selbst bei sexueller Abstinenz ein Priester nicht homosexuell sein dürfe. Er setzte Homosexualität mit einer psychischen Krankheit gleich! Da verstand ich, dass die Kirche denkt, dass ich krank bin, dass ich kein Recht habe, einen anderen Menschen zu lieben. Hier begann meine Revolution im Kopf: Ich muss mich wehren!

Sie schreiben, dass es unter Papst Benedikt im Vatikan „so schwul zugegangen ist wie nie zuvor in der Neuzeit“. Wie passt das mit seinem schwulenfeind­lichen Erlass zusammen?

Charamsa: Das ganze Theater dort war schwuler Barock, nicht nur wegen der roten Schuhe. Ich sage nicht, dass Benedikt schwul ist oder nicht – das ist nicht wichtig. Aber trotz des schwulen Klimas, trotz der schwulen Show führte er gleichzeitig einen regelrechten Krieg gegen Homosexuelle.

Konnten Sie Ihre Zweifel mit Ihren Kollegen in der Glaubenskongregation diskutieren?

Charamsa: Nein, das war unmöglich! Nicht einmal Fragen darf man dort stellen. Die Glaubenskongregation ist eine Stasi mit dummen Funktionären. Das ist der Grund, warum ich mein Coming-Out öffentlich machen musste.

Was war schwieriger: Sich gegenüber Ihrer sehr gläubigen Mutter zu öffnen oder gegenüber der Kirche?

Charamsa: Kein Zweifel: Meine Mutter, die auch Theologie studiert hatte, war für mich das richtige Beispiel, wie alle Personen auf so ein Coming-Out reagieren sollten! In Personen wie meiner Mutter, meinem Partner und meinen Geschwistern habe ich Gott gesehen, habe gesehen, was Christentum wirklich bedeutet. Ihr Verständnis war so wichtig für mich und meinen Glauben.

Charamsa: So sollte die Kirche reagieren

Wie hoch, denken Sie, ist der Prozentsatz schwuler Priester im Vatikan?

Charamsa: Sehr hoch! Ich glaube, dass die Hälfte der Geistlichen im Vatikan schwul ist. Der Skandal ist aber nicht, dass es viele schwule Kirchenmänner gibt – die können sehr wohl gute, gläubige Priester sein. Der Skandal ist, dass die Kirche diesen Menschen die Würde nimmt! Das System sagt: Du darfst in der Stille machen, was du willst – aber nie öffentlich. Das ist die Quelle von Angst, Hass und Selbsthass. Dieser Zwang, die eigene Identität zu verleugnen, ist die Ursache der Homophobie. Im Vatikan gibt es einen Bischof, von dem jeder weiß, dass er mit seinem Sekretär das Schlafzimmer teilt. Dieser Bischof forderte ungefragt bei jeder Diskussion: Wir müssen etwas gegen die Homo-Ehe tun!

Wie hat die offizielle Kirche auf das Erscheinen Ihres Buches reagiert?

Charamsa: Mit Gleichgültigkeit und Schweigen. Ich persönlich bin seit meinem Coming-Out glücklich und frei, ich brauche den Segen des homophoben, sexistischen, katholischen Systems nicht.

Und welche Reaktion hätten Sie sich gewünscht?

Charamsa: Was diese Kirche braucht, ist ein Dialog mit den Menschen. Aber was wir haben, ist eine Kirche, in der Frauen keine Stimme haben, in der Opfer von Pädophilen schweigen müssen, in dem Kinder von Priestern nicht wissen dürfen, wer ihr Vater ist und Priester nicht sagen dürfen, wen sie lieben. Deren Liebe ist sicher nicht gegen Gott gerichtet!

„Ich bin auch ohne Kirche nicht allein“

Papst Franziskus sagte: „Wenn jemand homo­sexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist – wer bin ich, über ihn zu richten?“ Sind diesen Worten Taten gefolgt, von denen homo­sexuelle Katholiken profitieren?

Charamsa: Nein, das System hat Franziskus besiegt. Unsere Kirche hat damit einen wichtigen historischen Moment verpasst. Das Problem von Franziskus war von Anfang an, dass er allein ist. Er ist radikal, frei, sagt, was er denkt – aber er hat keine Helfer. Er hätte die Möglichkeit gehabt, die Glaubenskongregation, die gefährliche Stasi des Vatikans, zu reformieren. Aber ihm fehlte der Mut, deren Präfekt Gerhard Müller und andere Repräsentanten des alten Systems rauszuwerfen. So konnte er sein neues Denken nicht praktisch umsetzen. Jetzt erwarte ich nicht mehr viel von diesem Papst. Franziskus war mit seinen neuen Visionen dem Klerus gefährlich – inzwischen wurde er vom System neutralisiert.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Charamsa: Meine Kirche hätte sich wohl gewünscht, dass ich ohne sie in Depression verfalle. Aber ich habe viele Projekte und bin frei und sehr glücklich! Ich schreibe Bücher, arbeite als Coach, halte Vorträge … Und vor allem: Ich bin nicht allein, ich habe meinen Partner.

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