"Hatten bislang keinen Fossilbeleg"

Sensationsfund! Experte erklärt die Bedeutung

+
Das 55 000 Jahre alte Knochenfragment (Mitte) im Vergleich mit dem Schädel eines Neandertalers (li.) und dem eines Homo sapiens.

Tel Aviv - Es ist nicht einmal ein ganzer Schädel – geschweige denn ein Skelett –, es ist nur eine Schädeldecke. Doch sie beweist endgültig, dass der moderne Mensch, der Homo sapiens, vor rund 70 000 Jahren aus Afrika nach Europa auswanderte.

Das 55 000 Jahre alte Schädelfragment haben Wissenschaftler jetzt in der Manot-Höhle in Israel gefunden.

Funde von Menschenknochen beweisen, dass der Homo sapiens sich vor 160 000 Jahren in Afrika entwickelte. Dass er sich rund 100 000 Jahre später nach Europa aufmachte, gilt auch schon lange als bewiesen: „Alle Europäer und Asiaten haben einen gemeinsamen Gen-Stamm. Dieser ist vor etwa 70 000 Jahren entstanden“, sagt Prof. Dr. Gerhard W. Weber von der Universität Wien zur tz. Er ist einer der Wissenschaftler, die im Team um den Anthropologen Israel Hershkovitz von der Universität Tel Aviv an dem Manot-Fund forschte. „Wir gehen daher davon aus, dass ab diesem Zeitpunkt der Homo sapiens Afrika verlassen und sich in Richtung Europa aufgemacht hat.“ Diese Out-of-Africa-Theorie ist zwar seit den 1980er-Jahren so gut wie unumstritten, jedoch: „Wir hatten dafür bislang keinen Fossilbeleg.“ Der Fund in der Manot-Höhle hat dies geändert. Die Schädeldecke bestätigt auch die vermutete Reiseroute des Homo sapiens: „Unsere Schädel-Analysen haben gezeigt, dass der Manot-Fund Menschen, die heute in Afrika leben, und Menschen, die vor 30 000 Jahren in Europa lebten, am ähnlichsten ist“, erklärt Professor Weber. „Er ist also die Brücke von Afrika nach Europa.“

Von großer Bedeutung ist demnach zudem, dass es aus dem gleichen Zeitabschnitt der Altsteinzeit an der Ostküste des Mittelmeers Skelettfunde von Neandertalern gibt. Israel Hershkovitz hält es deshalb für „wahrscheinlich, dass es in diesem Gebiet und in dieser Periode auch zu einer Vermischung der beiden Gruppen kam“.

Die Karstgrotte von Manot war erst im Jahr 2008 beim Bau eines Abwasserkanals nahe der Stadt Naharija entdeckt worden. Die Schädeldecke lag auf einem Felsen im Inneren der Tropfsteinhöhle. Mit Hilfe ihrer angesetzten Kalkschichten konnten die Forscher ihr Alter exakt auf 55 000 Jahre datieren. Sie stammt laut den Experten von einem jungen Erwachsenen, sein Geschlecht konnten die Forscher nicht bestimmen.

Lukas Kurkowski

Die letzten Überlebenden

Der früheste Vorfahre der Menschheit starb vor sechs Millionen Jahren aus: Der Sahelanthropus tchadensis war ein Affe, der sich in der Entwicklung zum Menschen befand. Der Mensch - die Gruppe der Homines - ist erst vor 2,5 Millionen Jahren mit dem Homo rudolfensis entstanden. Weitere Arten folgten, doch sie alle starben aus – bis auf den Homo sapiens, den modernen Menschen. Einige Homo-Arten vermischten sich untereinander: Wir alle tragen ein bis vier Prozent Neandertaler-Gene in uns.

Auch interessant

Meistgelesen

News-Ticker zum mutmaßlichen Terrorakt in Manchester: "Ich rannte um mein Leben"
News-Ticker zum mutmaßlichen Terrorakt in Manchester: "Ich rannte um mein Leben"
Regionalexpress rammt Lkw - ein Toter und elf Verletzte
Regionalexpress rammt Lkw - ein Toter und elf Verletzte
Erschossener Elefant fällt um - und tötet Jäger
Erschossener Elefant fällt um - und tötet Jäger
Nach jahrelangem Missbrauch: 23-Jährige schneidet Prediger Penis ab
Nach jahrelangem Missbrauch: 23-Jährige schneidet Prediger Penis ab

Kommentare