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Arbeit unter Schmerzen: Menstruationsurlaub für Frauen in Deutschland gefordert

Frau mit Bauchschmerzen
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Aus Angst vor Stigmatiserung geht die Mehrheit der Frauen in Deutschland trotz Menstruationsschmerzen zur Arbeit.

Ein gesetzlich verankerter Menstruationsurlaub könnte Frauen die Angst vor Stigmatisierung durch Krankschreibung wegen Regelschmerzen nehmen. Denn die Mehrheit der Frauen in Deutschland schleppt sich auch an Tagen ihrer Regelblutung zur Arbeit - und leidet.

Hamburg – „Einmal im Monat sticht und zieht und krampft es in ihrem Unterbauch“, beschreibt Autorin Sabrina Höbel die Situation einer Protagonistin ihres Textes „Auf Ibu 800 durch den Arbeitsalltag“, der auf zeit.de veröffentlicht wurde. Darin geht es um die Regelschmerzen der Frau, die bei 10 von 100 Frauen so stark sind, dass sie für ein bis drei Tage völlig außer Gefecht gesetzt sind, wie aus einem Bericht der Techniker Krankenkasse hervorgeht. Etwa 4,4 Millionen Frauen in Deutschland seien davon betroffen. Was Autorin Höbel zu der Frage verleitet, warum es für Frauen eigentlich keinen Menstruationsurlaub gibt.

Wer krank ist, braucht eine Auszeit. Diese verordnet in der Regel ein Arzt, auch wenn die Menstruation per se gar keine Krankheit ist. Und genau hierin könnte der Grund dafür liegen, weshalb nur sehr wenige Frauen bei Regelschmerzen von der Möglichkeit Gebrauch machen, sich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu lassen. Gerade einmal 27.300 solcher Fälle soll die AOK im vergangenen Jahr unter ihren mehr als sechs Millionen weiblichen Mitgliedern gezählt haben. Die Mehrheit der Frauen in Deutschland schleppt sich also trotz Menstruationsbeschwerden zur Arbeit.

Menstruationsbeschwerden: Frauen verzichten auf Krankschreibung aus Angst vor Stigmatisierung

Wie Liebeskummer, der auch nicht als Krankheit gilt, aber einen so derart aus der Bahn werfen kann, dass eine Fokussierung auf die Arbeit und soziale Interaktion kaum noch möglich ist, werden die Schmerzen in Folge der Regelblutung von vielen nicht ernstgenommen. Vor allem deutsche Arbeitgeber tun sich schwer, die monatlich wiederkehrende Pein der Frauen als Grund für eine Arbeitsunfähigkeit anzuerkennen. Zum phyischen Schmerz gesellt sich für die Betroffenen dann noch der psychische Druck:* Die Angst vor Stigamtisierung und dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Auch Höbels Protagonistin, eine leitende Online-Redakteurin, hält sich bei Regelschmerzen lieber funktionsfähig, als gar nicht zur Arbeit zu erscheinen. Stattdessen versucht sie, die Schmerzen mit Tabletten zu betäuben. Müde und erschöpft fühle sie sich an diesen Tagen aber trotzdem und müsse deshalb viele Aufgaben an Kollegen abgeben. Das Beispiel macht deutlich, dass von solch aufopfernden Einsatz beide Seiten nichts wirklich etwas haben - weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer.

Gesetzlich verankerten Menstruationsurlaub gibt es in Europa nicht

In anderen Ländern gestaltet sich die Auszeit aufgrund von Regelschmerzen weniger angst- und schambehaftet, weil es einen gesetzlich verankerten Menstruationsurlaub gibt. Frauen können sich an schmerzlichen Tagen einfach freinehmen oder zumindest vom Homeoffice* aus arbeiten. Gesetzlich garantierte freie Tage gibt es währen der Menstruation in Indonesien, Taiwan, Sambia und Japan. In Europa lässt die Einführung eines Menstruationsurlaubs noch auf sich warten. Kein europäisches Land bietet einen solchen derzeit an.

Einen Lichtblick in dieser gesellschaftlichen Realitätsverweigerung bilden jedoch vereinzelte Betriebe, die freie Tage während der Regelblutung gewähren. Dazu zählen u.a. das britische Unternehmen „Coexist“ und das Unternehmen „Your Super“, einem Nahrungsergänzungsmittelhersteller mit Sitz in Berlin und Los Angeles.

Doch noch haben zu wenige Chefs Verständnis für die Regelblutung und ihre schmerzenden Begleiterscheinungen wie Bauchkrämpfe, Kopfweh und Kreislaufprobleme. Hinzu kommt, dass viele Frauen über dieses Problem nicht mit einem männlichen Chef sprechen wollen.

Unbegrenzte Urlaubstage, um Schmerzen ohne Rechtfertigung auskurieren zu können

Doch menstruationsfreundlichere Arbeitsbedingungen liegen in Deutschland noch in weiter Ferne. Denn sowohl auf Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite gebe es Kritiker, schreibt Höbel. Sie sehen im Menstruationsurlaub einen Fall von Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Doch wie können sich Frauen eine Auszeit nehmen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen und für ihr geschlechtsspezifisches Problem rechtfertigen zu müssen? Eine Lösung könnten unbegrenzte Urlaubstage* sein.

Der Kondomhersteller Einhorn aus Berlin und die Hamburger Werbeagentur Elbdudler haben dieses System bereits vor Jahren eingeführt - und keiner der Mitarbeiter nutzt es aus. Im Schnitt gönnt sich jeder von ihnen 30 Tage Urlaub. „Wir wollen nicht vorgeben, wann es okay ist, zu Hause zu bleiben oder nicht“, sagt Einhorn-Sprecher Markus Wörner gegenüber zeit.de. Der Druck, sich jeden freien Tag genehmigen zu lassen, dass sich Erklären und Entschuldigen müssen, fällt dadurch weg. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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