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Kein Entkommen vor den bösen Männern

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Rania (13) lacht nur noch selten. Das Erlebte lässt sie häufig in Ohnmacht fallen. Seinen roten Mantel behält das traumatisierte Kind selbst beim Schlafen an – es ist so kalt.

München - Die Angst ist für das irakische Mädchen Rania allgegenwärtig. Jede Nacht träumt die 13-Jährige von den Angriffen der IS-Kämpfer auf ihr Dorf.

Zwei Männer kommen auf Rania (13) zugerannt. Sie sind schwarz gekleidet. Eine der Gestalten ohne Gesicht versucht, das Mädchen zu erwürgen, die andere hält ihr ein Messer an den Hals und drückt das Kind zu Boden. Dann wird alles finster und Rania wacht auf. Tränen überströmt. Nass geschwitzt.

Rania (Mi.) mit ihrer Mutter Haifa (32) und Schwester Reham (12) in ihrem Zelt in Duban Gardens.

Sie hat geträumt. Wie jede Nacht. Und sich erinnert. An den Überfall des IS auf ihr Heimatdorf in der Nähe von Mosul. Dort hat Rania mit ihrer Schwester Reham, fünf Brüdern und den Eltern bis zum Sommer ganz normal gelebt, ist zur Schule gegangen und hat von einer Zukunft geträumt. „Ich will Ärztin werden“, sagt die 13-Jährige. „Deshalb übe ich fleißig Englisch. Das braucht man da doch.“ Rania sei immer ein besonders fröhliches Mädchen gewesen, erzählt ihre Mutter Haifa (32). Jetzt lächelt das Mädchen nur noch, wenn es abgelenkt ist. Doch das ist nur selten der Fall.
Rania lebt mit ihrer Schwester, ihrer Mutter und den Brüdern in einem ehemaligen Park, den Duban Gardens. Die Familie hat sich ein altes Zelt besorgt, das anderen Flüchtlingen zu zugig war. Es hat nicht mal eine Bodenplane, und durch das undichte Dach peitscht der Wind den Regen. Rania schläft in ihrem bordeauxroten Wintermantel. Sie ziehen nachts in einen Verwaltungsraum der Parkanlage. Auf dem Lehmboden ihres Zeltes stehen Wasserlachen. Seit es immer wieder so heftig regnet, kann man in dem Zelt nicht mehr die Nacht verbringen. Tagsüber wird dort noch gekocht und gelebt. Und die paar Habseligkeiten der Familie sind dort verstaut. Sie sind immer feucht. Das Essgeschirr besteht aus alten Konservenbüchsen und abgeschnittenen Plastikflaschen. Die Familie wartet auf einen Platz in einem der Flüchtlingscamps. Dort bekommen sie dann ein Zelt, das auf einem richtigen Fundament steht. Wann die Familie umziehen kann, ist noch unklar. Viel zu viele Menschen warten auf einen Platz im Lager. „Vielleicht kann dann auch Papa kommen.“
Ranias Vater Rashid ist in Bagdad. „Papa wollte uns in Sicherheit bringen“, erzählt sie. In Bagdad arbeitet der 35-Jährige als Taxifahrer, schickt seinen Lieben das Verdiente, damit sie sich irgendwie über Wasser halten können. Erst vor ein paar Tagen sind fast 200 Euro angekommen. Der Verdienst von drei Monaten. Mutter Haifa verpackte das Geld samt den letzten Ersparnissen von 500 Euro und dem Familienschmuck, einer Goldkette, in einer kleinen Plastiktüte. Die versteckte sie zwischen feuchter Kleidung.

tz-Aktion mit Unicef: Bilder aus den Krisengebieten

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Haifa wollte nicht mit so viel Geld herumlaufen. Sie hatte Angst, dass sie bestohlen wird. Und im Zelt war sowieso fast immer einer der Familie. Als sie zwei Tage nach Ankunft des Geldes das Nachtlager für sich und die Kinder richten wollte, wunderte sie sich, warum der Kleiderberg durcheinander war. Sie suchte nach der Plastiktüte. Sie war weg. „Wer macht denn so was?“, fragt Haifa. „Wir sind hier doch alle arm und teilen, was wir können, aber wir bestehlen uns doch nicht gegenseitig.“

Das Schlimmste an dem Diebstahl ist nicht, dass Geld und Schmuck weg sind. Wie gesagt, die Park-Bewohner sind füreinander da. „Wir hatten immer Angst, bis wir hierhergekommen sind. Und jetzt haben wir wieder Angst.“

Als Haifa das erzählt, hört man im Hintergrund ein dumpfes Grollen. Das Geräusch kommt von der amerikanischen Luftwaffe, die gerade Angriffe auf Stellungen des IS fliegt. Es sind nur wenige Kilometer, die Duban Gardens vom Kampfgebiet trennen.

Für Rania sind die Flieger besonders heftig. Sie bringen die Erinnerung an die Angriffe der bösen schwarzen Männer wieder, die sie in ihrer Heimatdorf gesehen hat. Manchmal sind die Bilder in ihrem Kopf nicht auszuhalten. Dann schaltet Ranias Gehirn einfach ab. Die 13-Jährige fällt um, wird ohnmächtig. Von einer Sekunde auf die andere. Nur so kann sie ihm entkommen, dem Traum mit den bösen Männern.

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Dorit Caspary

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