Schwierige Frage nach Leben und Tod

Diskussion um Sterbehilfe neu entflammt

München - Haben Todkranke ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben? Diese schwierige Frage nach Leben und Tod ist neu entflammt. Bewegende Einzelschicksale zeigen, wie sensibel dieses Thema ist.

Mit dem Suizid des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter am vergangenen Freitag ist die öffentliche Diskussion um die Sterbehilfe in Deutschland neu entflammt. Der 69-Jährige, der nach einem Unfall seit 48 Jahren im Rollstuhl saß, sagte noch im Januar in einem SZ-Beitrag, er könne sich nicht vorstellen, später einmal als Pflegefall zu enden, als vielleicht dementer Patient, „als Wrack, das seine Persönlichkeit und sein Leben verloren hat“. Bei Maybrit Illner untermauerte er nur eine Woche vor seinem Freitod seine Position.

Margot Käßmann ist gegen Sterbehilfe.

„Mir ist wichtig, dass Menschen an der Hand eines anderen und nicht durch die Hand eines anderen sterben“, mahnte an derselben Stelle Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche. Ihre Befürchtung: Die Gesellschaft könnte die Geduld mit Sterbenden verlieren und kranke Menschen unter Druck geraten. Man müsse die Hospizbewegung stärken, auch die Palliativmedizin. Franz Müntefering, früherer SPD-Vorsitzender, der für die Pflege seiner todkranken Frau sein Amt aufgab, sorgt sich: „Wenn jemand wie Reiter oder andere sagen, ein Leben ist für mich nicht lebenswert, wenn ich gewindelt werden muss oder wenn ich dement bin, dann ist das eine Aussage über andere Menschen.“

Fakt ist: 70 Prozent der Bundesbürger sind laut Umfragen für eine Legalisierung der Sterbehilfe. Bislang gilt: Aktive Sterbehilfe ist strafbar. Passive Sterbehilfe, bei der Ärzte lebenserhaltende Maßnahmen abbrechen, nicht. Auch ein Mittel zur Selbsttötung bereitzustellen, das der Todkranke selbst einnimmt, ist nicht strafbar. Unterstützer können aber z.B. wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden. Ärzten ist die Beihilfe zum Suizid durch die Berufsordnung untersagt. Am Donnerstag wollen Abgeordnete um Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) ein Eckpunktepapier zur Regelung der Sterbehilfe im Bundestag vorlegen. Im Herbst 2015 soll darüber abgestimmt werden.

Bewegende Schicksale

Nicht nur der selbstbestimmte Tod des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter hat die Diskussion um Sterbehilfe neu entflammt.

Brittany Maynard: Ihr Sterbetag steht fest

Auch das Schicksal der jungen Amerikanerin Brittany Maynard ist bewegend. Kurz nach ihrer Hochzeit bekam die 29-Jährige die schockierende Diagnose: Ein aggressiver Hirntumor wird sie laut ihren Ärzten innerhalb weniger Monate qualvoll töten. Deshalb hat sich Brittany Maynard dazu entschlossen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Am 1. November wird sie im Kreise ihrer Lieben sterben.

Nikolaus Schneider: Aus Liebe zu seiner Frau

Am Ende würde er seine Frau wohl aus Liebe in ihrem Wunsch nach Sterbehilfe unterstützen – auch wenn dies gegen seine Überzeugung verstoße. Für den schwierigen Weg gegen den eigenen Glauben hat sich Nikolaus Schneider entschieden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tritt am 10. November von seinem Amt zurück, um sich ganz seiner todkranken Frau Anne zu widmen. Das Ehepaar hatte im Jahr 2005 bereits seine jüngste Tochter Meike an Leukämie verloren. „Wenn Schmerzmittel nicht mehr wirken, dann geht Schmerzfreiheit vor Lebenszeit.“ Mit dem Töten dürfte kein Geld verdient werden, sagte Schneider in einem Interview mit der Zeit. Und es dürfe „kein anonymisiertes Sterbehilfe-Modell geben“. 

tz

Rubriklistenbild: © dpa

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