Schonungslose Abrechnung

Sterbender Veteran (33): Sein letzter Brief

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Tomas Young

Kansas City - Tomas Young ging für die USA in den Irak. Inzwischen ist der 33-Jährige am ganzen Körper gelähmt. Er liegt im Sterben. Jetzt hat er einen schonungslosen wie bewegenden "letzten Brief" geschrieben.

Die Anschläge vom 11. September 2001 waren zwei Tage alt, als sich Tomas Young freiwillig zum Militärdienst meldete. Der US-Amerikaner wollte sich nicht verstecken. Er wollte sein Land verteidigen, die Terroristen zur Rechenschaft ziehen, die 3000 seiner Landsleute getötet hatten – naive, aber ehrliche Motive eines jungen Mannes.

Zwölf Jahre später verbringt Young den Großteil seiner Zeit im Bett. Der 33-Jährige schaut fern, schläft viel. Rasiert hat sich der US-Amerikaner aus Kansas City (US-Staat Missouri) schon seit Wochen nicht mehr, nicht mal zum Essen steht er mehr auf. Er kann nicht. Der Kriegsveteran ist am ganzen Körper gelähmt. Er muss künstlich ernährt werden. Das einizge in Youngs Körper, was noch rege ist, ist sein Geist. Und der kämpft nun darum, in Würde zu sterben. Das bedeutet auch, die Menschen öffentlich anzuklagen, die ihm seiner Ansicht nach das Leben genommen haben. In einem ebenso schonungslosen wie bewegenden „letzten Brief“ wandte sich Young daher zum 10. Jahrestag der Irak-Invasion am 20. März an Ex-US-Präsident George W. Bush und dessen Vize Dick Cheney (Auszüge siehe unten). Millionen Menschen aus der ganzen Welt haben mittlerweile die Zeilen über den „sinnlosen Krieg“ im Internet gelesen.

Statt in Afghanistan landete Young auf seinem ersten Einsatz 2004 im Irak. Schon in der Vorbereitung fühlte sich der Mann nicht wohl: „Der Seelsorger meines Bataillons sagte nur, ich würde mich besser fühlen, wenn ich erst einmal angefangen hätte, Iraker umzulegen.“ Fünf Tage befand Young sich auf Wüstenboden, als ihn ein Scharfschütze Saddam Husseins in die Wirbelsäule traf. Young kehrte als Querschnittgelähmter zurück nach Hause. In der Heimat entwickelte er sich als erster Ex-Soldat zum Sprecher der Antikriegsbewegung. Seit einem Blutgerinnsel im Arm 2008 kann Young nichts mehr alleine erledigen. Ein Reporter, der ihn kürzlich besuchte, weigerte sich, Fotos von dem Sterbenden zu drucken. Essen, Anziehen, Toilettengang – bei allem ist Young auf die Hilfe seiner Frau Claudia angewiesen. Ihren ersten Hochzeitstag am 20. April möchte er noch begehen – und dann beginnen zu sterben. „Es ist Zeit“, sagt Young, der dann aufhören will, zu essen. Sein Leben sei ein einziger Krieg gewesen. Tomas Young möchte nun endlich Frieden.

isp

Bitterer Nachruf auf den Irak-Krieg

„An George W. Bush und Dick Cheney: Ich schreibe diesen Brief im Namen der 4488 Soldaten, die im Irak fielen. Ich schreibe diesen Brief im Namen von Hunderttausenden verwundeten Veteranen und jener, denen seelische und körperliche Wunden das eigene Leben zerstört haben. Ich bin querschnittgelähmt, seit ich 2004 in Sadr City in einen Hinterhalt geriet. Mein Leben neigt sich dem Ende zu. Ich befinde mich in einer Sterbeklinik.

Ich schreibe diesen Brief im Namen jener Veteranen, deren Trauma und Ekel über das, was sie im Irak gesehen, ertragen und selbst gemacht haben, sie in den Selbstmord getrieben haben. Ich schreibe diesen Brief im Namen der rund einer Million toten Iraker und der zahllosen irakischen Verwundeten. Ich schreibe diesen Brief in unser aller Namen – dieser menschlichen Trümmerlandschaft, die Ihr Krieg zurückgelassen hat. Im Namen jener, die den Rest ihres Lebens mit endlosem Schmerz und Kummer verbringen werden.

Ich schreibe diesen Brief, meinen letzten Brief, an Sie, Herr Bush und Herr Cheney. Ich schreibe nicht, weil ich glaube, dass Sie die schrecklichen menschlichen und moralischen Konsequenzen Ihrer Lügen, Täuschungen und Ihres Macht- und Geldhungers begreifen. Ihre politischen Ämter, Ihre Millionen an Privatvermögen, Ihre PR-Berater, Ihre Privilegien und Ihre Macht vermögen nicht, Ihre Charakterlosigkeit zu verbergen. Sie weigerten sich, für unser Land das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, aber Sie schickten Hunderttausende junger Männer und Frauen in einen sinnlosen Krieg, so gedankenlos, wie man den Müll hinausbringt.

Zwei Tage nach 9/11 wurde ich Soldat. Ich tat es, weil unser Land angegriffen worden war. Ich wollte gegen jene zurückschlagen, die knapp 3000 meiner Landsleute umgebracht hatten. Ich wurde nicht Soldat, um in den Irak zu gehen, ein Land, das mit 9/11 nichts zu tun hatte und keine Bedrohung für seine Nachbarn, geschweige denn für die USA darstellte. Ich wurde nicht Soldat, um die Iraker zu „befreien“ oder imaginäre Massenvernichtungswaffen auszuschalten oder etwas, was Sie zynisch „Demokratie“ nannten, in Bagdad und im Nahen Osten zu installieren. Der Irak-Krieg ist der größte strategische Fehltritt der amerikanischen Geschichte.

Ich würde diesen Brief nicht schrei-ben, wäre ich in Afghanistan verwundet worden, beim Kampf gegen jene Mächte, welche die Terroranschläge von 9/11 verübt haben. Wäre ich dort verwundet worden, würde ich mich zwar elend fühlen. Aber wenigstens hätte ich die Gewissheit, dass meine Verletzungen ein Resultat meiner Entscheidung sind, das Land, das ich liebe, zu verteidigen. Ich müsste nicht in meinem Bett liegen, den Körper voller Schmerzmittel, langsam sterbend, im Wissen, dass Hunderttausende Menschen, einschließlich Kinder und ich selbst, von Ihnen geopfert wurden. Für wenig mehr als die Gier von Ölfirmen, für Ihr Bündnis mit den Ölscheichs in Saudi-Arabien und für Ihr wahnhaftes Streben nach einem Weltreich.

Ich habe wie viele andere Kriegsversehrte begriffen, dass Sie und vielleicht alle Politiker sich nicht um unsere seelischen und körperlichen Wunden scheren. Wir wurden benutzt. Wir wurden verraten. Und wir wurden im Stich gelassen. Sie, Herr Bush, geben lautstark vor, ein Christ zu sein. Aber ist nicht die Lüge eine Sünde? Ist nicht Mord eine Sünde? Sind nicht Diebstahl und Egoismus Sünden? Ich bin kein Christ, aber ich glaube an christliche Ideale. Ich glaube, was man dem Geringsten antut, tut man letztlich sich selbst und seiner Seele an.

Mein Tag der Abrechnung naht. Auch Ihrer wird kommen. Ich hoffe, dass Sie vor Gericht gestellt werden. Aber am meisten hoffe ich, in Ihrem Interesse, dass Sie irgendwann den Mut finden, zu akzeptieren, was Sie mir und vielen anderen angetan haben, die es verdient hätten, zu leben. Ich hoffe, dass, bevor Ihre Zeit auf der Erde endet, wie meine nun endet, Sie die Charakterstärke finden werden, sich vor die amerikanische Bevölkerung, die Welt und vor allem die irakische Bevölkerung zu stellen und um Vergebung zu bitten.“

Tomas Young

Das bewegte uns in den Jahren 2000 bis 2009

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