Studie: Weniger Bildung bedeutet mehr Kriminalität

Gütersloh - Bessere Bildung könnte einer neuen Studie zufolge die Kriminalitätsrate in Deutschland deutlich senken.

Die Frankfurter Forscher Horst Entorf und Philip Sieger hätten erstmals für die Bundesrepublik einen kausalen Zusammenhang nachgewiesen, erklärte die Bertelsmann Stiftung am Donnerstag in Gütersloh.

“Demnach würde die Zahl an Gewalt- und Eigentumsdelikten deutlich sinken, könnte die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss halbiert werden“, sagte eine Sprecherin. “Hochgerechnet auf das vergangene Jahr hätte es in diesem Fall rund 420 Fälle von Mord und Totschlag, 13 500 Raubüberfälle und 320 000 Diebstähle weniger gegeben.“

Die Wissenschaftler hatten nach US-Vorbild die Kriminalitätsrate in Deutschland mit Blick auf verschiedene Verbrechensformen flächendeckend untersucht. Grundlage waren langjährige Datenbanken. Diese Geodaten verknüpften sie mit Daten zur Bildung der Bürger in der jeweiligen Region. Auch Parameter wie die Quote verurteilter Verbrecher im jeweiligen Bezirk schlugen sich nieder. Außerdem griffen die Forscher auf Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage bei 1700 Strafgefangenen in Deutschland zurück. Deren Antworten wurden einer Kontrollgruppe nicht inhaftierter Menschen gegenübergestellt.

Bei Mord, Totschlag, Raub und Diebstahl wollen die Experten einen Zusammenhang entdeckt haben. Bei Vergewaltigung und Körperverletzung ließ sich in der Untersuchung kein Kontext finden.

Vielen Opfern könne Leid erspart werden - und der Gesellschaft enorme Folgekosten, betonte die Stiftung. Laut “konservativer Berechnungen“ machten diese Folgekosten rund 1,42 Milliarden Euro pro Jahr aus, hieß es. “Von verbesserten Bildungschancen würden die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin am stärksten profitieren: Sie haben aktuell die höchsten Kosten für Kriminalität pro Einwohner."

Eltern ausländischer Herkunft lesen seltener vor

Eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Märchen gehören bei Kindern von Eltern mit ausländischen Wurzeln seltener zum Alltag als bei Deutschlands Kindern im Durchschnitt. 35 Prozent der Eltern mit ausländischen Wurzeln lesen ihren Kindern nie etwas vor, wie aus einer Studie der Stiftung Lesen hervorgeht. Der vergleichbare Wert für ganz Deutschland liegt bei 18 Prozent - dies hatte die Stiftung vor drei Jahren ermittelt. Das Herkunftsland der Eltern und der Bildungsabschluss spielen demnach eine wichtige Rolle für das Lese- und Erzählverhalten.

“Wir können nicht von 'den Familien' oder 'den Migrantenmilieus' sprechen“, betonte die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, Simone Ehmig, am Donnerstag in Berlin. Sie warnte vor pauschalen Urteilen. Die Befragung zeigte, dass fast 90 Prozent der aus Osteuropa stammenden Eltern ihren Kindern mindestens einmal in der Woche vorlesen. Je 86 Prozent der aus arabischen Ländern und Ex-Jugoslawien stammenden Eltern gaben dies ebenfalls an. Auch die Erzähltradition sei in diesen Gruppen stark verbreitet, sagte Ehmig.

In Familien aus der Türkei werde beides am wenigsten praktiziert. Fast die Hälfte dieser Eltern erzählt nie Geschichten, jedes dritte Paar liest nie vor. Selbst hochgebildete türkische Eltern erzählen weniger und lesen seltener vor als Eltern mit niedrigem Bildungsgrad aus Osteuropa.

Die Studie “Vorlesen und Erzählen in Familien mit Migrationshintergrund“ habe die Erwartung bestätigt, dass in bildungsfernen Haushalten seltener auf Deutsch erzählt und gelesen wird als in höher gebildeten, erklärte Ehmig. So erzählen etwa zwei Drittel der türkischen Mütter und Väter mit niedriger Bildung auf Türkisch.

Für die repräsentative Studie wurden rund 500 Eltern befragt. Entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung stellten 150 türkischstämmige Eltern die größte Gruppe. Es ist bereits die vierte Studie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn und der Wochenzeitung “Die Zeit“. Anlass ist der bundesweite Vorlesetag am 26. November.

dpa

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