„Schlüssel zur Zukunft“

Erster Quantencomputer Europas steht in der Nähe von Stuttgart

Der erste kommerziell genutzte Quantencomputer in Europa.
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Der erste kommerziell genutzte Quantencomputer Europas steht in der Nähe von Stuttgart.

In der Nähe von Stuttgart ist der erste Quantencomputer in Europa eingeweiht worden. Profitieren könnte von der Supermaschine auch die Autoindustrie.

Ehningen - Das Innenleben einer E-Auto-Batterie ist ziemlich kompliziert. Wie die elektrochemischen Vorgänge ablaufen, ist kein Mysterium, aber eine sehr aufwendige, langwierige und letztlich auch teure Angelegenheit. Doch die Erforschung ist reizvoll. Zu verstehen, wie die chemischen Substanzen aufeinander reagieren, bietet die Grundlage dafür, Batterien effektiver zu bauen. Für die Autobranche bedeutet das im besten Fall: mehr Reichweite, kürzere Ladezeiten, höhere Kapazität.

Für Autohersteller wie die Daimler AG (BW24* berichtete) gestaltet sich der Einblick in das Innere eine Batterie sehr schwer. Denn die Moleküle darin verhalten sich quantenmechanisch. Um sie genau unter die Lupe zu nehmen, ist ein sogenannter Quantencomputer nötig. In Europa stand bis dato kein solcher Supercomputer, der diese Art der Forschung ermöglichte. Am Dienstag hat sich das nun aber geändert: In Ehningen, südlich der Landeshauptstadt Stuttgart*, ist vom US-Konzern IBM die erste Anlage dieser Art am Standort eingeweiht worden. In Betrieb ist sie schon seit Februar.

Der Quantencomputer bei Stuttgart soll Ergebnisse für wirtschaftliche Anwendungen bringen

Bei der Anlage handelt es sich nach IBM-Angaben um „Europas leistungsstärksten Quantencomputer im industriellen Kontext“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete den Computer in einer Videobotschaft als „Wunderwerk der Technologie“. Deutschland gehöre in der Quantentechnologie-Forschung zur Weltspitze. Nun sei das Ziel, Forschungsergebnisse „möglichst schnell“ auch für wirtschaftliche Anwendungen nutzbar zu machen.

Mit Quantencomputern reagieren Forschung und Industrie auf die Tatsache, dass die bislang übliche Entwicklung von Hochleistungscomputern an ihre physikalischen Grenzen stößt. Quantencomputer können theoretisch um ein Vielfaches leistungsfähiger sein als herkömmliche Rechner, sie können in kürzerer Zeit komplexere Aufgaben als konventionelle Systeme erledigen.

Baden-Württemberg investiert 40 Millionen Euro in den Quantencomputer

Für Autobauer wie Daimler spielen Quantencomputer eine wichtige Rolle beim Wandel zu mehr Elektromobilität. Der Konzern bringt immer mehr E-Modelle auf den Markt, zuletzt stellte Daimler im April den EQS* vor. Parallel dazu entwickelt Daimler auch E-Auto-Batterien*, die in kürzerer Zeit aufladbar sein sollen. Höhere Kapazitäten bei geringeren Ladezeiten mithilfe der Quantentechnologie könnten im internationalen Vergleich dabei Wettbewerbsvorteile bringen. Die Forschung dafür betreibt das Unternehmen laut Auto-Motor-Sport auf Hochtouren - zusammen mit Tech-Unternehmen und Forschungsinstituten wie dem Virginia Polytechnic Institute and State University.

Für die exklusive Nutzung des Quantencomputers, der in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut betrieben wird, hat das Land Baden-Württemberg laut SWR vorerst bis Ende 2023 den größten Anteil aller beteiligten Bundesländer bereitgestellt - rund 40 Millionen Euro. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte bei der Einweihung am Dienstag, Quantentechnologien seien der „Schlüssel zur Zukunft“. Das Anwendungsfeld beschränkt sich dabei nicht nur auf die Autoindustrie. Quantenforschung könnte auch weitere Prozesse optimieren, wie beispielsweise im Verkehr, der Medizintechnik oder auch für Finanzanlagen. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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