Leben auf Karteikarten

Suchdienst spürt Verschollenen nach

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Der Leiter des Deutschen Suchdienstes München des Deutschen Roten Kreuzes, Heinrich Rehberg

München - Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es von Millionen Vätern und Söhnen kein Lebens- und kein Todeszeichen. Der Deutsche Suchdienst machte sich auf die schwierige Suche nach Verschollenen. Sie dauert bis heute an.

Der Gefreite Johann Rauchberg war erst 20 Jahre alt, als er mit der Maschinengewehr-Kompanie der 297. Infanterie-Division in die Schlacht von Stalingrad zog. Er sollte nie in seinen Heimatort Dachau zurückkehren. Seine Mutter Emilie suchte vergeblich nach ihm. Alles, was ihr blieb, war ein Gutachten mit dem Ergebnis: Ihr Sohn war wahrscheinlich gefallen - wie so viele mit ihm. „Wenn auf den langen Märschen durch den Schnee jemand liegen blieb, dann blieb der liegen“, sagt Heinrich Rehberg, Leiter des Deutschen Suchdienstes des Roten Kreuzes in München. Der Suchdienst hat das Gutachten für Johann Rauchberg erstellt - wie für Millionen Andere.

Rund 150 000 deutsche Soldaten starben nach Schätzungen des Deutschen Historischen Museums bei Kämpfen im berüchtigten Kessel von Stalingrad oder kamen durch Kälte oder Hunger um. Weitere 91 000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Zurück nach Hause kamen nur 6000.

„Das war unvorstellbar damals für die Leute, dass keiner mehr heimkommt“, sagt Rehberg. „Aber wenn man diese bösen Bilder aus Stalingrad anschaut, muss man sich eigentlich eher wundern, dass überhaupt jemand zurückgekommen ist.“ 1955 kamen die letzten Stalingrader wieder nach Deutschland, danach kam niemand mehr. „All die Mütter, die diese Soldaten aufgezogen haben, die hatten eigentlich etwas anderes vor mit ihren Kindern, als sie am Rande von Europa, da, wo Asien beginnt, für eine Ideologie zu opfern.“

Und so suchten Mütter, Väter, Ehefrauen und Kinder - verzweifelt und oft jahrelang. Der Suchdienst half ihnen dabei. „Je teurer uns ein Mensch gewesen ist, umso tiefer würden wir ihn verleugnen, wenn wir uns weigerten, an der letzten und gewaltigsten Erschütterung seines Daseins, so wie sie wirklich war, teilzunehmen“, steht heute an einer Wand im Eingangsbereich der DRK-Suchdienst-Zentrale in München.

Schon 1945 nahm der Dienst seine Arbeit auf und versuchte herauszufinden, wo vermisste Soldaten sich befanden und wer wo in Kriegsgefangenschaft geraten war. Im Jahr 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Plakate mit dem „Aufruf zur Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermißten“ hingen überall in Deutschland. Die Zahl stieg nach der Erfassung zwischen dem 1. und 11. März 1950 auf 2,5 Millionen Vermisste. Der Suchdienst erfasste ihre Namen und Daten, legte umfassende Bücher mit Fotos an und diese Heimkehrern mit der Frage vor: „Hast Du ihn gesehen?“ Sechs Millionen Heimkehrer wurden so befragt.

Bis heute ist das Schicksal der Hälfte aller deutschen Soldaten in Stalingrad dennoch ungeklärt. „Die sind verdorben und gestorben“, sagt Rehberg und zeigt auf das Bild eines Leichenberges nach der Schlacht. „Da hat niemand mehr nachgeschaut. Wer sollte dort noch jemanden finden?“

Millionen von Karteikarten lagern heute in den Archiven des Suchdienstes in München. Wie andere deutsche Suchdienste wird er vom Bundesinnenministerium finanziert. Die Karteikarten erzählen die Lebensgeschichten von Millionen Menschen, darunter allein 300 000 Müllers und 300 000 Schmidts. Auch die Geschichte von Florian Dietz ist dort dokumentiert. Mit Anfang 20 geriet er in Stalingrad in Kriegsgefangenschaft, erst nach fünf Jahren, zu Weihnachten 1948, kehrte er in seinen Heimatort in der Nähe von Ulm zurück. „Das waren dann diese großen Überraschungen“, sagt Rehberg. „Weil die Familie den Heimkehrer meistens gar nicht wiedererkannt hat.“

Heute gibt es noch 1,2 Millionen ungelöste Fälle, sagt Rehberg, darunter zahlreiche aus Stalingrad. Er hat aber die Hoffnung, dass Tausende weitere in Zukunft, auch Jahrzehnte nach Kriegsende, noch geklärt werden können. Denn in den 1990er Jahren hat der Suchdienst einen großen Schatz gefunden. „Plötzlich haben uns die Russen in die Bücher schauen lassen.“

Etwa fünf Millionen Datensätze zu rund drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in Russland sind inzwischen in München angekommen. Einige davon sind schon an überlebende Soldaten weitergeleitet worden, die nun, im Alter von 80 oder 90 Jahren, den Fragebogen in der Hand halten, den sie damals in russischer Gefangenschaft, ausgefüllt haben. „Die Reaktion ist Entsetzen, Freude, alles. Viele sagen, sie könnten nun endlich damit abschließen.“ Das Schicksal von rund 800 000 Verschollenen aber, so schätzt Rehberg, wird sich nie mehr aufklären lassen.

dpa

 

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