Zwei der sieben Flugzeuginsassen mit emotionalen Geschichten

Zwei Afghanistan-Gerettete erzählen von ihren unglaublichen Erlebnissen am Flughafen in Kabul

Die Lage am Flughafen in Kabul ist chaotisch. Wie zwei Gerettete die erste Evakuierung durch die Bundeswehr erlebten. Ein Erfahrungsbericht.

Kabul - Abdul Ghafoor und Patouni Izaaqzai-Teichmann haben es beide in eines der begehrten Rettungsflugzeuge am Flughafen in Kabul geschafft. Sie waren zwei der sieben Menschen, die einen der kostbaren Plätze an Board des ersten Evakuierungsflugzeugs der Bundeswehr aus der afghanischen Hauptstadt bekommen haben. Dem Spiegel schildern sie die chaotische Lage am Flughafen, ihre Flucht dorthin und wie sie ihre Rettung über die Luftbrücke erlebten.

Wäre Adbul Ghafoor geblieben, hätten ihn die Taliban aufgrund seiner Tätigkeit ins Visier genommen. Er leitete in Kabul die Afghanistan Migrant Advice and Support Organization und unterstützte Abgeschobene. „Durch meine Kontakte zu diesen Menschen und zu vielen Ausländern war ich in Lebensgefahr“, sagte er dem Spiegel. Als er hörte, dass die Taliban in Kabul waren, hatte er sofort alle Dokumente verbrannt, die ihn durch den Machtwechsel der radikal islamistischen Miliz gefährden könnten.

Flughafen in Kabul - „Von der deutschen Botschaft hatte ich überhaupt keine Informationen“

„Ein paar Stunden später hat sich mein deutscher Kontakt bei Medico International gemeldet: Ich solle nächsten Morgen zum Flughafen kommen“, so der 34-Jährige zum Spiegel. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 20.000 Menschen am Flughafen in Kabul. Alle hofften noch ein Flugzeug ins Ausland zu bekommen. „Von der deutschen Botschaft hatte ich überhaupt keine Informationen. Erst ein Freund hat mir gesagt, wo ich hingehen muss“, berichtet Ghafoor dem Spiegel.

US-Soldaten bewachen eine Absperrung am Flughafen in Kabul, dahinter sitzen und stehen Afghanen und Afghaninnen.

Zwölf Stunden harrte er an einem Zugang aus, direkt beim militärischen Flughafengelände „Dabei habe ich furchtbare Dinge erlebt: Menschen, die versuchten, über die Mauern zu klettern. Plünderer. Ein Feuergefecht zwischen US-Soldaten und Taliban, zwei Kämpfer wurden getötet“. Für einen kurzen Moment, wie er berichtet, hätte sich die Menge daraufhin vom Tor wegbewegt und er gelangte so in den gesicherten Teil des Flughafens. Hier postet er bei Facebook: „Ich bin in Sicherheit, zumindest fürs Erste! Werde euch allen später ein Update schicken.“

Flughafen in Kabul/Afghanistan: „Sie trugen Helm, Kampfanzug und Schnellfeuergewehre, es war wie im Film“

Patouni Izaaqzai-Teichmann, Vorsitzende der Afghan German Association, gelang mit einer weiteren Deutsch-Afghaninnen ebenso in den gesicherten Bereich. Dem Spiegel berichtet sie: „Wir wurden von Bundespolizisten in voller Kriegsmontur begrüßt, sie trugen Helm, Kampfanzug und Schnellfeuergewehre, es war wie im Film. Fast fühlte es sich unwirklich an, plötzlich nicht mehr in Lebensgefahr zu sein“.

Kabul: Erster Flug der Bundeswehr erfolgt unter schwierigen Umständen

Im Innenbereich des Flughafens war die Lage dennoch chaotisch. „Wir hörten so viele Gerüchte, dass wir vielleicht mit einer US-Maschine rausgebracht werden nach Doha. Auch ein britisches Flugzeug nach London war kurz im Gespräch“, sagt die Deutsch-Afghanin. Dann wurde ihnen die Anweisung gegeben, sich bereitzumachen.

Flughafen in Kabul/Afghanistan - Erst beim zweiten Anlauf konnte das deutsche Evakuierungsflugzeug landen

Doch es gab Probleme bei der Landung des deutschen Evakurierungsflugzeugs: Hunderte Zivilisten waren auf der Rollbahn. Um die Menschenmengen zu vertreiben setzte die US-Armee Apache-Helikopter ein. Das deutsche Flugzeug musste nach fünf Stunden über Kabul kreisend wieder abdrehen und nachtanken.

Menschen versuchen bis zum Start des Fluges, sich an der Maschine festzuhalten und so aus Afghanistan zu fliehen.

Beim zweiten Anlauf gelang es dann. Patouni Izaaqzai-Teichmann und Adbul Ghafoor gingen mit der kleinen Gruppe durch das Tor vom Militärterminal. Auf dem 15-minütigen Weg zum Airbus A400M „waren wir auf beiden Seiten von zwei Reihen Soldaten abgeschirmt“, erzählt Ghafoor dem Spiegel.

Flughafen in Kabul/Afghanistan - Das Außenministerium ist nach der ersten Evakuierung in Erklärungsnot

Im Airbus angekommen stellten beide mit Erschrecken fest, dass nur sieben der 150 Sitzplätze besetzt waren. „Ich war traurig, weil doch noch so viele Menschen zu retten sind aus Kabul“, sagt Izaaqzai-Teichmann. „Aber offenbar wollten sie nichts riskieren“, fügt sie hinzu.

Das Außenministerium erklärte die Zahl der wenigen Geretteten später so: Es konnten wegen der nächtlichen Ausgangssperre nicht mehr Menschen zum Flughafen gebracht werden. Außerdem habe es nur eine Zeitspanne von 30 Minuten für die Maschine gegeben. „Wir konnten nur die mitnehmen, die jetzt da waren“, so Heiko Maas, SPD-Außenpolitiker.

Afghanistan/Kabul: Die Aktivistin hatte sich jahrelang für Frauenrechte in Afghanistan eingesetzt

Im Flugzeug „als wir da fest angegurtet auf unseren Sitzen in den Himmel aufstiegen, erinnerte ich mich, wie ich zum ersten Mal wieder in Kabul war und gesehen habe, wie Mädchen zur Schule gehen und Frauen selbstbestimmt auf der Straße unterwegs sein konnten. All das geht nun wieder zu Ende“, sagt Izaaqzai-Teichmann dem Spiegel. Sie war 2008 erstmals in Afghanistan, nachdem sie zuvor 20 Jahre lang in Deutschland gelebt hatte. In ihrem afghanischen Geburtsland hatte sie sich für Frauenrechte eingesetzt. Der Airbus war gegen drei Uhr nachts in Usbekistan angekommen. Vom dortigen Drehkreuz Taschkent sind sie weiter nach Deutschland.

Rubriklistenbild: © Moritz Frankenberg/dpa

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