Der Eindruck täuscht

Trotz Brutalität: Jugendkriminalität sinkt

Wiesbaden - Auch wenn der Eindruck ein anderer ist: Jugendkriminalität und -gewalt nehmen in Deutschland nicht zu, sondern ab. Eine neue Statistik belegt den Trend.

Jugendliche U-Bahn-Schläger, Handtaschen- und Handyräuber schockieren mit brutalen Übergriffen auf wehrlose Opfer immer wieder die Öffentlichkeit. Doch die Jugendkriminalität geht in Deutschland insgesamt zurück. Die Strafverfolgungsstatistik 2011 des Statistischen Bundesamtes hat diesen von Fachleuten schon länger beobachteten Trend jetzt erneut belegt. Die Gerichte in Deutschland haben danach im vergangenen Jahr rund 127 750 Jugendliche und Heranwachsende rechtskräftig verurteilt, 18 Prozent weniger als 2007. Bei den Erwachsenen betrug das Minus im selben Zeitraum acht Prozent.

Weil Jugendliche und Heranwachsende aber in einer alternden Gesellschaft weniger werden, haben die Statistiker die Zahlen auch auf den Anteil an der jeweiligen Altersgruppe berechnet. Danach wurden 2011 von 100 000 Jugendlichen 1446 verurteilt - 168 weniger als 2007. Bei den Heranwachsenden ging die Zahl im gleichen Zeitraum je 100 000 um 360 auf 2564 zurück. Nach einer Erhebung der Kriminologischen Forschungsinstituts (KFN) Niedersachsen war der Höhepunkt in beiden Altersgruppen 2004 und ist seither deutlich gesunken. „Das ist eine höchst erfreuliche und beachtliche Entwicklung“, sagt KFN-Direktor Prof. Christian Pfeiffer.

Der Kriminologe nennt vor allem drei Gründe für die sinkende Jugendkriminalität: „Es gibt einen deutlichen Rückgang von Eltern, die ihre Kinder massiv prügeln.“ Vor 20, 30 Jahren hätten noch etwa doppelt so viele (15 Prozent) Eltern ihre Kinder häufig und stark geschlagen wie heute (7 Prozent), sagt Pfeiffer. Der Geburtenrückgang habe zudem die Chancen von Heranwachsenden auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt verbessert. Und: „Die Integration von Migranten läuft schrittweise besser.“ Dies gelte sowohl für die Schulen als auch für das soziale Miteinander. Außerdem bekämen auch Kinder in Zuwandererfamilien seltener Prügel von ihren Eltern als früher.

„Jugendgewalt und Jugendkriminalität sind stark rückläufig, aber die gefühlte Wahrnehmung ist anders“, stellt Pfeiffer fest. Die steigende Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, sei lange Zeit als Zunahme der Jugendkriminalität fehlinterpretiert worden. Außerdem wendeten sich die Medien stärker den Opfern von Straftaten zu. Dies bewirke eine Identifikation mit den Opfern, aber auch eine Fehleinschätzung darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, selbst Opfer zu werden.

Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbunds, Andrea Titz, sieht das ähnlich: Die Medien kommunizierten brutale Straftaten viel unmittelbarer und auf viel mehr Wegen als früher. „Wenn ich so eine Tat auf einem Video in YouTube sehe, hat das auch eine ganz andere Wirkung als eine dürre Pressenotiz“, stellt die Oberstaatsanwältin fest.

Jugendliche (14 bis 17 Jahre) und vor allem Heranwachsende (18 bis 20 Jahre) werden bezogen auf ihren Anteil an der Bevölkerung dennoch viel häufiger verurteilt als Erwachsene ab 21 Jahren, so die Statistiker. Die Wahrscheinlichkeit, verurteilt zu werden, trifft in den allermeisten Fällen Männer und ist im Alter von 20 bis 25 Jahren am höchsten, haben sie herausgefunden. „Danach geht die Wahrscheinlichkeit kontinuierlich zurück - Kriminalität bleibt in der Regel eine Übergangserscheinung in der Lebensgeschichte.“

Nach Einschätzung der Deutschen Vereinigung der Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ) schöpfen die Gerichte die Möglichkeiten des Jugendstrafrechts aber bei Weitem nicht aus. Sie urteilten relativ einfaltslos und seien meist sehr repressiv orientiert, sagt DVJJ-Geschäftsführerin Nadine Bals. Für sozialpädagogische Maßnahmen wie soziale Trainingskurse, Anti-Gewalt-Trainings und den Einsatz von Betreuungshelfern zur Unterstützung der Jugendlichen entschieden sich die Richter dagegen selten.

dpa

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