tz-Interview

"Leiche" lebt: Arzt erklärt Hintergründe der Panne

+
Die 72-Jährige saß in diesem völlig zerstörten Audi, ihre Tochter und ein Enkel starben

Itzehoe - Lebendig im Leichensack – ein Albtraum wird zu gruseliger Realität! Wie konnte den Rettungskräften eine solche Panne passieren? Ein erfahrener Notarzt erklärt in der tz die Hintergründe:

Der Grusel schlechthin: Man erleidet einen Unfall, wird für tot erklärt und erwacht in der Pathologie. Ähnliches ist einer 72-Jährigen aus Husum am Montag passiert (tz berichtete). Ein mit sieben Personen besetzter Audi kommt auf der Autobahnbrücke bei Itzehoe (Schleswig-Holstein) von der Fahrbahn ab und knallt frontal in einen VW Passat. „Es war ein riesiger Chaoshaufen, alles lag voller Trümmer, mittendrin Rettungsassistenten, die jemanden animierten und sich um schreiende Kinder kümmerten“, schildert ein Feuerwehrmann der Norddeutschen Zeitung das Chaos. Drei Notärzte kümmern sich fieberhaft um die Verletzten. Sie müssen unter Hochdruck stehend entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Zwei Menschen (36 und sechs Jahre alt) sind sofort tot. Fünf weitere erleiden schwerste Verletzungen. Die 72-Jährige, sie saß im Audi, wird aufgrund fehlender Lebenszeichen und sichtbarer Hirn- und Schädelverletzungen für klinisch tot erklärt und im Leichensack abtransportiert. In der Pathologie stellt ein Mitarbeiter erschrocken fest: Sie atmet! Die Frau wird sofort stabilisiert und vier Stunden lang notoperiert. Sie liegt derzeit im Koma. Ob sie überlebt, ist noch unklar. Nun muss untersucht werden, wie die Fehleinschätzung zustande kam.

Die Frage, die zur Zeit nicht nur die Ermittler umtreibt: Wie konnte den Rettungskräften eine solche Panne passieren? Fakt ist, dass sie unter enormem Stress standen. „Trotzdem hätte der verantwortliche Kollege keine endgültige Todesbescheinigung ausstellen dürfen. Jetzt hat er ein großes Problem“, analysiert Dr. Michael Rosenberger (50) den spektakulären Fall. In der tz erklärt der erfahrene Notarzt, Internist und Allgemeinmediziner aus Breitenberg bei Passau die Hintergründe.

Wann wird ein Patient für tot erklärt?

Man unterscheidet zwischen einer vorläufigen und einer endgültigen Todesbescheinigung. Letztere muss ein zweiter Arzt bestätigen. Nach dem Unfall bei Hamburg waren drei Notärzte im Einsatz.

„Voraussetzung ist aber grundsätzlich, dass die Leiche so genannte sichere Todeszeichen aufweist: Totenflecken, Totenstarre oder beginnende Fäulnis. Mindestens eins von diesen drei Merkmalen muss erkennbar sein“, erläutert Dr. Rosenberger. Es gibt allerdings eine Ausnahme, die in den Vorschriften so definiert wird: Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind. „Das ist zum Beispiel der Fall, wenn bei einem schweren Motorradunfall an einer Leitplanke der Kopf vom Rumpf abgetrennt wurde“, erläutert der Notarzt. Auch die 72-Jährige hatte nach Einschätzung der Rettungskräfte vor Ort schwerste Kopfverletzungen.

Wann gilt ein Mensch als klinisch tot?

„Wenn keine Lebenszeichen mehr erkennbar sind“, sagt Dr. Rosenberger. Also dann, wenn das EKG keinen Herzschlag mehr misst. „Trotzdem können klinisch tote Patienten wieder zurückkommen. Ich habe das bereits zweimal erlebt“, so der Notarzt.

Wie lange nach dem Herzstillstand machen Wiederbelebungsversuche noch Sinn?

„Solange auch nur der minimalste Herzrhythmus vorhanden ist, versucht man es immer weiter. Das kann sich über Stunden hinziehen. In der Praxis bricht der Notarzt die Reanimation allerdings nach etwa 20 Minuten ab, wenn der Patient keinerlei Reaktion zeigt“, berichtet Dr. Rosenberger.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, einen Patienten nach einem Herzstillstand ins Leben zurückzuholen?

"Bei Unfallopfern, die den Herzstillstand in Folge ihrer schweren Verletzungen erlitten haben, ist die Chance minimal“, sagt Dr. Rosenberger. „Wir können vielleicht jeden 20. retten. Bei Herzinfarktpatienten überlebt immerhin etwa jeder fünfte.“

Andreas Beez

auch interessant

Meistgelesen

Auto rast in Menschenmenge: Drei Tote, 20 Verletzte
Auto rast in Menschenmenge: Drei Tote, 20 Verletzte
Radiosender stoppt „Bayerns unmoralischstes Gewinnspiel“
Radiosender stoppt „Bayerns unmoralischstes Gewinnspiel“
Bomben-Alarm: Eurowings-Flieger nach Köln evakuiert
Bomben-Alarm: Eurowings-Flieger nach Köln evakuiert
Schneechaos und Unfälle: Sturmtief „Egon“ zieht über Deutschland
Schneechaos und Unfälle: Sturmtief „Egon“ zieht über Deutschland

Kommentare