Ahmad steht jeden Tag in einem Laden

Zwölf Stunden Kinderarbeit im Flüchtlingslager

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Die Kinder im Lager zerhacken Steine, um sie später als Baumaterial in Za’atari zu verkaufen oder arbeiten wie Ahmad in einem Laden.

München - Ahmad (14) musste früh erwachsen werden. Im Za’atari Camp für syrische Flüchtlinge in Jordanien ist er einer der zahlreichen Kinderarbeiter – in der Schule war er seit Jahren nicht.

Kinderarbeit ist allgegenwärtig im Za’atari Camp, dem größten syrischen Flüchtlingslager in der jordanischen Wüste. Mit rund 80 000 Menschen ist es das zweitgrößte Camp der Welt.

Kinderarbeit heißt hier Bubenarbeit, die Mädchen werden jung verheiratet. Viel zu jung. So wie Ahmads Schwester Aya, die sich mit 15 gerade verlobt hat.

Auch vor dem Krieg war es für viele Kinder in Syrien, vor allem in ländlichen Gebieten, nicht ungewöhnlich zu arbeiten und jung zu heiraten. Doch durch den Konflikt und die Flucht haben viele Familien ihr Einkommen verloren. Unicef-Mitarbeiterin Ninja Charbonneau hat Ahmad für uns im Za’atari-Camp besucht:

Man sieht die ersten arbeitenden Kinder schon bei der Einfahrt ins Za’atari-Camp. Neben ihren rostigen Schubkarren hocken mehrere Buben und warten auf Kunden, für die sie etwas transportieren können. Viele von ihnen sind erst zehn, elf Jahre alt. Andere zerschlagen Geröll in kleine Steine, die sie für umgerechnet 50 Cent pro Eimer als Baumaterial verkaufen. Wieder andere arbeiten wie Ahmad in einem der zahlreichen kleinen Shops, die inzwischen die Hauptwege des Camps säumen, und verkaufen Tee, Falafel oder Süßigkeiten.

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Ahmad arbeitet zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche im kleinen Shop seines Vaters, verkauft Zigaretten und wechselt Geld. Nur freitags hat er frei, um in die Moschee zu gehen. Auch in Syrien hat er schon mit seinem Vater gearbeitet, sie haben Altmetall gesammelt und verkauft. „Das Geschäft lief gut“, erzählt Ahmad. „Mein Vater hatte mehrere Autos und ich hatte ein Fahrrad mit Anhänger. Ich habe damals gearbeitet, um etwas Taschengeld zu haben und mir etwas Schönes kaufen zu können. Jetzt muss ich arbeiten, meine Familie braucht das Geld.“ Zu seiner Familie gehören neben seinen Eltern vier Geschwister. Nur die elfjährige Schwester geht zur Schule. Wann Ahmad selbst das letzte Mal zur Schule gegangen ist, weiß er nicht genau. „Als die Probleme in Syrien begonnen haben, habe ich aufgehört, zur Schule zu gehen.“ Schreiben kann der 14-jährige Ahmad gerade einmal seinen Namen.

Die Familie ist vor den Bomben in ihrem Dorf Tafas in der syrischen Provinz Dera’a zunächst in ein anderes Dorf geflohen, doch dann fielen auch dort Bomben. Schließlich sind sie im Juli nach Jordanien geflohen und ins Za’atari-Camp gekommen. Nur fünf Tage lang besuchte Ahmad hier die Unicef-Schule. Seitdem hilft er dem Vater im Laden. Ahmad behauptet, es mache ihm nichts aus zuzusehen, wie viele seiner Freunde sich mit ihren blauen Taschen jeden Tag auf den Weg zur Schule machen, während er Stunde um Stunde in der Wellblechhütte sitzt und auf Kunden wartet.

Immerhin gibt es einen Lichtblick: Seit Kurzem besucht Ahmad das neu eröffnete „Drop-in-Center“, eine von vier Anlaufstellen speziell für arbeitende Kinder, die Unicef zusammen mit Save the Children im Za’atari-Camp betreibt. Hier kann er Sport machen und an Kursen teilnehmen, in denen die Mitarbeiter ihm wenigstens ein Stück informelle Bildung mit auf den Weg geben. Der 14-Jährige kommt schon am frühen Morgen vor der Arbeit.

Über das Zentrum und den Sport bekommen die Betreuer Zugang zu den Kindern, die sonst verschlossen sind, sich cool und stark geben. Die Mitarbeiter versuchen auch, die Eltern und Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass Schule wichtig ist. Manchmal haben sie Erfolg. Oft nicht. Meist sagen die Ladenbesitzer, sie wollen den Kindern helfen, indem sie ihnen Arbeit geben. Von den Eltern hören sie oft, sie können auf das Einkommen der Kinder nicht verzichten. Und viele Buben wie Ahmad haben das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. „Bildung ist wichtig, weil man Lesen und Schreiben lernt, Zertifikate bekommt und später einen guten Job. Aber Arbeiten ist wichtiger als Schule. Ich muss meine Familie unterstützen“, sagt er.

Unicef macht sich große Sorgen, dass eine verlorene Generation syrischer Kinder und Jugendlicher heranwächst, die durch Konflikt und Flucht traumatisiert und ihrer Kindheit beraubt wurden. Wenn ich den Begriff „verlorene Generation“ höre, denke ich immer auch an Ahmad, der viel zu ernst und erwachsen für sein Alter ist. Aber ich habe Ahmad auch über das ganze Gesicht strahlen sehen – beim Malen und Fußballspielen im Drop-in-Center.

Situation syrischer Kinder

  • In Syrien sind 12,1 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen – unter ihnen 5,6 Millionen Kinder und Jugendliche.
  • Rund sieben Millionen syrische Kinder und Jugendliche sind in Syrien und den Nachbarländern vom Krieg betroffen.
  • Die UN geht von rund 200 000 Toten aus, darunter mindestens 8 800 Kinder.
  • In Syrien steht im Vergleich zu vor dem Konflikt nur noch 40 Prozent der Trinkwassermenge zur Verfügung.
  • Wegen der schlechten Wasser-, Sanitär- und Gesundheitsversorgung haben ansteckende Krankheiten rapide zugenommen, so ist beispielsweise die gefährliche Kinderlähmung (Polio) 2013 erstmals wieder ausgebrochen.

Ninja Charbonneau

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