Im Irak verschleppt

"Meine Töchter sind Geiseln des IS"

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Shakir Ibrahim hat sich auf der Flucht das Bein gebrochen.

Mosul - Shakir Ibrahim ist ein gebrochener Mann. Die beiden Töchter des 80-jährigen Familienoberhauptes wurden von Terrorkämpfern entführt und unter den schlimmsten Bedingungen gefangen gehalten.

Am liebsten wäre er einfach da geblieben. In seinem einfachen Haus in der Nähe von Mosul. Aber seine Familie ließ ihn nicht. Sie wollte das 80-jährige Familienoberhaupt nicht dem sicheren Tod überlassen. Die IS-Kämpfer standen bereits vor den ersten Häusern seines Dorfes. Jede Minute zählte, als die Terroristen im August Richtung Mosul vorstießen. Zu neunt flohen Shakir und Teile seiner Familie in die Berge. Dabei brach sich der alte Mann das rechte Bein. Trotz höllischer Schmerzen schleppte sich der ehemalige Landwirt weiter. Gestützt von zwei seiner Töchter. Nesrin und Sarah sind junge, starke Frauen. 25 und 20 Jahre alt. Für Männer wie Shakir ist es nicht ungewöhnlich, auch noch im reiferen Alter Kinder zu bekommen.

Der verletzte Vater und seine Töchter konnten nicht so schnell wie die anderen. Vor allem Nesrin, die selbst zwei Kinder hat, bat den Rest der Gruppe, ihre beiden Kleinen mitzunehmen und sie schnell in Sicherheit zu bringen.

Irgendwann schafften es auch Shakir, Nesrin und Sarah an einen Kontrollpunkt. „Wir dachten, jetzt wird alles gut“, so Vater Shakir Ibrahim. Die Sicherheitsleute sahen sich Nesrin und Sarah an und zerrten sie auf einmal weg. Angeblich, um eine Personenkontrolle durchzuführen.

Seitdem hat Shakir seine Töchter nicht mehr gesehen. Er selbst wurde von einem Neffen der an dem Kontrollpunkt gewartet hatte, mitgenommen. Und fand mit anderen Bewohnern seines Dorfes einen Platz in einer Grundschule in Sumeil, einem kleinen Ort in der Nähe von Dohuk.

Dort kauert Shakir auf einer dünnen Matratze in der Ecke eines Klassenzimmers. Sein Bein wurde inzwischen von einer der Hilfsorganisationen behandelt. Laufen kann er allerdings nur unter großen Schmerzen. Mit seinen Töchtern hat er in den vergangenen drei Monaten zweimal telefoniert. Sie hatten die Nummer des Cousins gewählt. Durften unter Aufsicht sprechen.

„Es ist so schlimm, was meinen Töchtern da widerfährt“, erzählt der 80-Jährige. Die beiden werden als Schutzgeiseln gehalten. Immer wieder lassen die Terroristen junge Menschen am Leben und erklären öffentlich, dass sie diese als Geiseln hätten. Ihr Ziel: Die Gebäude, in denen der IS Stellung bezogen hat, sollen vor Bombardements geschützt werden. Nesrin hatte einmal versucht, aus der Gefangenschaft zu fliehen – für ihre eigenen Kinder. Die Strafe hätte sie fast nicht überlebt. Wenn die Milizen keine Verwendung mehr haben für ihre Geiseln, werden sie verkauft oder getötet.

Ob Nesrin und Sarah noch am Leben sind, weiß ihre Familie nicht. In letzter Zeit gab es keine Anrufe mehr. „Auch wenn sie das überstehen, werden sie innerlich tot sein“, sagt ihr Vater. „Warum haben sie mich nur nicht zurückgelassen?“, klagt er verzweifelt.

15 Millionen Kinder von Krisen betroffen

Das vergangene Jahr war laut Unicef ein „katastrophales Jahr für Millionen von Kindern“. Allein in den aktuellen Krisenherden Irak, Syrien, Gaza, Ukraine, Südsudan und Zentralafrikanische Republik litten mehr als 15 Millionen Kinder unter extremer Gewalt, Zerstörung und Vertreibung, erklärte die UN-Kinderhilfsorganisation in New York.

„Kinder wurden getötet, während sie im Klassenzimmer lernten oder in ihren Betten schliefen. Kinder wurden zu Waisen gemacht, gekidnappt, gefoltert, als Kindersoldaten missbraucht, vergewaltigt oder als Sklaven verkauft. Noch nie in der jüngeren Vergangenheit waren so viele Kinder solch unaussprechlicher Brutalität ausgesetzt“, sagte Unicef-Exekutivdirektor Anthony Lake.

Insgesamt leben nach Schätzungen des Kinderhilfswerks weltweit 230 Millionen Kinder in Ländern und Regionen mit bewaffneten Konflikten. Allein vom Bürgerkrieg in Syrien seien mehr als 7,3 Millionen Kinder betroffen, unter ihnen 1,7 Millionen als Flüchtlinge. Die Vereinten Nationen verzeichneten den Angaben zufolge von Januar bis September 35 Angriffe auf Schulen in Syrien. Dabei seien 105 Kinder getötet und fast 300 weitere verletzt worden. Im Irak wurden nach Unicef-Schätzungen mindestens 700 Kinder im laufenden Jahr verletzt, getötet oder hingerichtet.

Dazu kommen die Krisenherde Gaza, Südsudan und zentralafrikanische Republik sowie die neuen Gefahren wie der Ebola-Ausbruch in Westafrika. Laut Anthony Lake führe die große Zahl an Krisen und Konflikten dazu, dass manche kaum noch wahrgenommen werden. Mit fatalen Folgen für die Kinder.

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Dorit Caspary

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