Ammar (20) nach vier Jahren Kampf getötet

Ahmed: Mein toter Bruder ist mein Held

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Für Ahmed (10) und seine Schwester Heba (5) ist der große Bruder auch nach seinem Tod ein echter Held.

Ahmed (10) hat seine kleine Schwester Heba (5) an der Hand. Warum geht er nicht wie die anderen Kinder in die Schule? „Mein Bruder ist gestorben“, flüstert Ahmed.

Die anderen Kinder im Schulalter sind alle weg. Sie gehen seit einer Woche nachmittags in der zweiten Schicht wieder zur Schule. Nur Ahmed (10) drückt sich entlang der provisorischen Zelte in dem Behelfslager herum. Seine kleine Schwester Heba (5) hat er an der Hand. Warum er nicht wie die anderen Kinder in die Schule geht? „Mein Bruder ist gestorben“, flüstert Ahmed.

Ammar wurde 20 Jahre alt. Ahmeds großer Bruder wollte sein Land nicht verlassen, als der Rest der Familie vor vier Jahren aus Homs wegging. Er blieb im Elternhaus und wollte gegen das Assad-Regime kämpfen. Das tat er bis zum Schluss. „Er hat sein Leben für unsere Heimat gegeben“, sagt Mutter Amal. Die Tränen rinnen über ihre Wangen, tropfen in die Plastikschüssel, in der sie frisch geschlachtete Hühner wäscht. „Wir bereiten das Essen für die Trauerfeier vor“, sagt sie. Sie hält den Blick gesenkt, arbeitet weiter und schluchzt immer wieder.

All die Jahre hatte sie gehofft, dass ihr Sohn nachkommen würde in den Libanon. „Er wollte aber einfach nicht. Er meinte immer, dass irgendwann alles gut wird“, sagt Amal. „Aber nichts ist gut, gar nichts. Es wird immer schlimmer.“

In dem kleinen Behelfslager in der Nähe von Qobbet Sharma im Norden des Landes leben 42 Menschen. Viele von ihnen haben sich an diesem Tag zusammengesetzt, um Ammars zu gedenken. Später werden sie gemeinsam eine Trauerfeier abhalten. Keiner von ihnen hat den jungen Mann aus Homs gekannt, aber seine Geschwister und seine Eltern. „Wir leiden mit ihnen, alle wissen, wie es sich anfühlt, ein Familienmitglied im Krieg zu verlieren“, sagt eine ältere Frau, die am Rande der Gruppe sitzt. Ihr Bruder beispielsweise starb ebenfalls in Homs bei einem Bombenangriff. So wie Ammar am 19. Oktober, als die Raketen über seinem Zuhause fielen.

Erst ein paar Tage zuvor hatte er mit seinen Eltern im Libanon telefoniert. Das tat er regelmäßig alle zwei Monate, nur um seine Familie wissen zu lassen, dass es ihm gut geht. Als am 22. Oktober das Handy läutete und Amal die Nummer nicht kannte, ahnte sie schon Schlimmes. „Unsere Nachbarn in Homs haben angerufen und mir gesagt, dass unser Haus getroffen wurde. Dass nichts mehr übrig ist und Ammar nicht mehr lebt. Sie haben ihn gefunden, aber kaum erkannt.“ Die Nachbarn haben der Familie versprochen, den Leichnam zu beerdigen.

Amal ist verzweifelt. Sie kann nicht dabei sein, wenn ihr Kind beigesetzt wird. Sie kann sich nicht verabschieden. Sie hat nichts von ihrem Sohn. Kein Foto, kein Andenken, einfach nichts. Die Familie besitzt kein Smartphone, mit dem sie sich Bilder hätte schicken können. Sie war einfach froh, überhaupt Kontakt über die letzten vier Jahr gehalten zu haben.

Die trauernde Frau wäscht weiter Hühner. Sie will sich ablenken, wenigstens irgendetwas tun. Ammars Vater hat sich in das Zelt der Familie zurückgezogen. Er will niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Seine anderen vier Kinder sind noch bei der Arbeit, sie verdienen den Familienunterhalt in der Landwirtschaft. Wie die meisten hier in Qobbet Sharma.

Ahmed schleicht mit Heba um die Wasserstelle herum. Die Kinder wollen in der Nähe der Mutter sein, wissen aber nicht, wie sie ihr in dem Schmerz helfen können. Heba kann sich an Ammar gar nicht mehr erinnern. Sie sieht nur, dass ihre Mutter unendlich traurig ist.

Ahmed ist genauso hilflos, er war immer stolz auf den großen Bruder, auf den Kämpfer. „Er ist doch so was wie ein Held, oder“, fragt er.

Dorit Caspary

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