Brood X: Offenbar erste Vorboten da

Gestank, Lärm und Grusel-Anblicke bei rätselhafter Tier-Invasion - „Es hat begonnen“

Das wird gruselig! Eine Tier-Invasion steht unmittelbar bevor. Und erste Aufnahmen geben einen Vorgeschmack.

Washington - Wer Insekten hasst, sollte am besten nicht weiterlesen. Und sich damit gar nicht erst beschäftigen. Das funktioniert gut, wenn man in Ecken lebt, die vom bevorstehenden Brood-X-Spektakel nicht betroffen sind. Alle Bewohner der Region um die US-Hauptstadt Washington müssen sich auf ein ebenso seltenes wie lautes biologisches Spektakel einstellen: Alle 17 Jahre schlüpft im Osten der USA eine bestimmte Zikaden-Art, die Brut X (römisch Zehn) oder auf Englisch Brood X genannt wird und für ihren Lärmpegel bekannt und berüchtigt ist.

Zikaden-Invasion in den USA: Dieses Video soll Aufnahmen von 2004 zeigen

Jetzt ist es wieder so weit. Bald werden Milliarden Insekten der Gattung Magicicada die Bäume bevölkern, die männlichen Tiere werden mit ohrenbetäubendem Zirpen um eine Partnerin für die Fortpflanzung werben. Ihre Überlebensstrategie ist ebenso brutal wie effektiv.

Zikaden-Invasion in den USA: Tiere kriechen aus der Erde

Wenn sich der Boden auf etwa 18 Grad erwärmt, kriechen die Zikaden aus der Erde, in die sie sich als Nymphen (ähnlich der Larven bei anderen Insekten) vor 17 Jahren eingegraben haben. Damals regierte in den USA George W. Bush als Präsident, Griechenland wurde Fußball-Europameister. Videos aus dem Jahr 2004 demonstrieren, wie die Zikaden-Invasion vor 17 Jahren ausgesehen hat. Und vor allem, wie sie sich anhörte.

Frische Löcher im Waldboden zeugen davon, dass mindestens die Vorhut der Zikaden schon unterwegs ist. „Es hat begonnen“, schreibt beispielsweise der Instagram-Nutzer unten. Dass die Aufnahme echt ist, ist natürlich nicht bestätigt, es besteht allerdings auch kein Anlass, daran zu zweifeln. Denn solche Videos häufen sich bei Instagram & Co. und decken sich mit den Vorhersagen der Experten.

„Sie klettern auf das erste, was sie finden können, und häuten sich zu einem Erwachsenen mit weichem, weißem, geflügeltem Körper“, erläutern die Entomologen, also Insektenforscher, der Universität des US-Bundesstaats Maryland, der an Washington angrenzt. „Es dauert etwa vier bis sechs Tage, bis ihr Außenskelett ausgehärtet ist. Dann fliegen sie in die Baumkronen, um sich zu paaren.“

Zikaden-Invasion in den USA: Wohl 15 Bundesstaaten betroffen

Das Epizentrum der Zikaden-Invasion soll in diesem Jahr rund um Washington liegen. Der Höhepunkt wurde für Mitte Mai vorhergesagt. Fachleute erwarten einen „Tsunami“ von Milliarden der Insekten, die dann in 15 Bundesstaaten im Osten der USA in den Bäumen sitzen. Im Schnitt sollen auf die Fläche von etwas mehr als einem halben Fußballfeld eineinhalb Millionen Zikaden kommen. In den Bäumen beginnen die männlichen Zikaden mit ihrer vibrierenden Membran ihr lautstarkes Zirpen, das Weibchen anlocken soll und Lärmpegel von 90 Dezibel und mehr erreichen kann - vergleichbar mit dem eines Benzin-Rasenmähers.

Apropos Rasenmäher. In den betroffenen Gebieten sollten es die Menschen tunlichst vermeiden, tagsüber ihre Wiese zu mähen. Denn die „den faszinierendsten Insekten der Welt“ gewidmete Internetseite „Cicada Mania“ warnt davor, Rasenmäher anzuwerfen - weil die Insekten das Geräusch mit dem Zirpen ihrer Artgenossen verwechseln können. „Sie werden verwirrt und landen auf den Menschen, die die Geräte benutzen“, schreiben die Zikaden-Fans. „Profi-Tipp: Mähen Sie Ihren Rasen in den frühen Morgenstunden oder in der Abenddämmerung, wenn die Zikaden weniger aktiv sind.“ Noch ein Tipp: Vorsicht unter Bäumen, von denen die „Honigtau“ oder „Zikadenregen“ genannten Ausscheidungen der Insekten fallen können.

Zikaden-Invasion in den USA: Leblose Körper stinken, düngen aber den Boden

Der Entomologe Michael Raupp sagte der Hochschulseite „Maryland Today“, die Brood-X-Zikaden könnten zwar jungen Bäumen schaden, wenn die Weibchen ihre Eier in deren Äste legten. Sie seien aber nicht mit einer biblischen Heuschreckenplage vergleichbar und würden keine Gärten oder Äcker verwüsten. Im Gegenteil: Wenn die erwachsenen Zikaden massenhaft sterben, werde das zwar stinken, ihre leblosen Körper würden aber den Boden düngen. „Diese Kerle haben 17 Jahre lang Saft von Bäumen gesaugt, und jetzt geben sie etwas zurück“, sagt der Entomologe. „Ihre kleinen Körper regnen herab und befruchten alle Pflanzen. Das ist der Kreislauf des Lebens.“

In den USA übt die Zikaden-Invasion auf viele eine seltsame Faszination aus. Es gibt Fan-Tassen, Fan-Shirts oder Laptop-Sticker, wie bei Instagram zu sehen ist. So mancher scheint das Schauspiel förmlich herbeizusehnen. „Die verrückte Party macht sich bereit, sich zu entfesseln“, schreibt dieser Instagram-Nutzer:

Zikaden-Invasion in den USA: Nicht alle Rätsel gelöst

Warum die Brut-X-Zikaden ausgerechnet alle 17 Jahre aus der Erde kriechen, gibt Wissenschaftlern Rätsel auf - andere Zikaden-Arten erscheinen alle 13 Jahre, wiederum andere jährlich. Der lange Zeitraum erschwert es ihren natürlichen Feinden jedenfalls, sich auf ihren Zyklus einzustellen. Das heißt nicht, dass nicht etliche Brut-X-Zikaden gefressen werden - auch von Haustieren. Ihre Überlebensstrategie basiert auf dem massenhaften Auftreten.

„Zikaden sind ein Thanksgiving-ähnliches Fest für Wildtiere“, schreibt die Washington Post über die bevorstehende Invasion. „Wenn sie auftauchen, fressen sich Vögel, Eichhörnchen, Streifenhörnchen, Stinktiere, Ameisen, Waschbären, Schlangen, Frösche und Opossums etwa eine Woche lang satt, bis sie in ein Fresskoma fallen.“ Irgendwann haben sich die natürlichen Feinde überfressen. Was von der Brut X dann noch übrig ist, pflanzt sich fort.

Auch Haustiere wie Hunde laben sich an den Insekten. Raupp sagt, die Zikaden seien eine gute Protein-Quelle, „aber lassen Sie Ihre Haustiere nicht eimerweise von diesen Dingern fressen“. Die schwarzen Chitinpanzer - die Außenskelette der Insekten - könnten in großen Mengen zu Verdauungsbeschwerden führen.

Aus Raupps Sicht spricht auch nichts dagegen, dass Menschen sich ein Zikaden-Gericht zubereiten. „Ich finde es ein bisschen ungewöhnlich, dass Leute eine rohe Auster oder rohe Muscheln essen“, sagt er - diese filterten Dreck aus dem Wasser. „Wie kann man im Vergleich dazu eine Zikade verabscheuen, die 17 Jahre lang unterirdisch Pflanzensäfte schlürft?“ Ob dem Tipp, die Zikaden zu verzehren, wirklich so viele US-Amerikaner folgen werden? Das ist eher unwahrscheinlich - aber zumindest ist es eine Option. Eine gruselige Entdeckung der anderen Art machten Lidl-Kunden in einem Prospekt. (dpa mit lin)

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