Die Überlebenden von Utoya: So verarbeiten sie das Blutbad

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Ein junger Mann sitzt an einer Stelle auf der Ferieninsel Utoya, wo Kerzen und Blumen im Gedenken an die Toten des Massakers niedergelegt wurden.

Utoya - Knapp vier Wochen nach den Terroranschlägen mit 77 Toten in Norwegen sind Überlebende auf die Fjordinsel Utøya zurückgekehrt.

Auf den Klippen am Strand sitzen sie in der Sonne, andere stehen knietief im Wasser. Ein Mädchen deutet einen Kopfsprung an - sie zeigt ihren Angehörigen und Freunden, wie sie vor vier Wochen vor einem Massenmörder flüchtete. Die Jugendlichen, die an diesem sonnigen Samstag auf die norwegische Fjordinsel Utøya zurückkehren, haben ein Massaker überlebt - 69 ihrer Freunde starben, eiskalt erschossen von einem rechtsradikalen Attentäter, nur weil sie sich politisch engagierten. Das jüngste Opfer war erst 14 Jahre alt gewesen.  

Insgesamt 750 Menschen gedachten am Samstag am Ort des Massakers der Toten - neben mehreren hundert Überlebenden auch engste Freunde oder Familienmitglieder. Sie wurden mit Fähren und Militärbooten auf die Insel gebracht. Mit der Rückkehr zur Insel soll den Überlebenden geholfen werden, die dramatischen Ereignisse dort zu verarbeiten. Zugleich wollten die Jugendlichen nach dem Massaker “ihr“ Utøya zurückgewinnen, wie es hieß.

Bilder: Die Rückkehr der Überlebenden auf die Horror-Insel

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Die Jugendlichen wollten an Gesprächsrunden teilnehmen und vielleicht auch wieder singen - so, als veranstalteten sie wie früher ein Sommerlager. Ziel sei es, die Insel nach der Tragödie mit neuem Leben zu füllen. “Für viele wird es nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Rückeroberung Utøyas sein“, sagte Bjørn-Inge Larsen von der norwegischen Gesundheitsbehörde, dem Sender NRK. Aber die sollten “erleben, dass Utøya kein gefährlicher Ort ist“.

Am Vortag waren bereits Familien der Toten auf der Ferieninsel der Arbeiterpartei-Jugend. An ihren Blumen, Kerzen und Nachrichten gehen die Überlebenden nun vorbei. Es soll auch gegen die Schuldgefühle helfen, die viele von ihnen spüren - weil sie es schafften, ihre Freunde aber nicht.

Polizeichef Jon Staale Stamnes erklärte, viele hätten traumatische Erfahrungen hinter sich. “Aber es gibt auch Lachen, gute Geschichten, eine Mischung aus Emotionen.“

“Das wird schwierig für viele, aber es ist ein wichtiger Teil des Trauerprozesses“, sagte Martin Henriksen, früherer Chef der sozialdemokratischen Jugendorganisation, dem Sender NRK. Henriksen wartete am Ufer auf eine Fähre zur Insel, als am 22. Juli die Schießerei auf der Insel begann. “Ich stand unter Schock und war zutiefst darüber beunruhigt, was dort geschah“, erinnert er sich.

Schritt in die Normalität

Jugendpsychiaterin Grete Dyb hat Hinterbliebene bei ihrem Besuch auf der Insel betreut. “Wer den kleinsten Zweifel hat, herzukommen, sollte es nicht tun“, rät sie. Später werde es weitere Gelegenheiten geben. Es sei schwierig einzuschätzen, ob es den Überlebenden wehtue oder helfe, an den Ort zurückzukehren, an dem sie um ihr Leben bangten. “Wir hoffen, es hilft langfristig.“

Nicht die Rückkehr zur Insel, sondern die Rückkehr ins Leben dürfte für die meisten Jugendlichen die größte Herausforderung sein. “Sie müssen wieder in die Schule, treffen Freunde, die dieses Leid nicht mit ihnen geteilt haben, es nicht verstehen“, sagt Dyb. Umso wichtiger sei es nun, noch einmal mit Gleichgesinnten zu sprechen.

Schockierende Bilder: Blutbad in Norwegen

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Viele der Überlebenden kämpfen noch mit dem Alltag. “Ich lobe mich selbst, wenn ich etwas Normales getan habe“, sagt die 18-jährige Ingrid Endrerud in der Zeitung “Dagsavisen“. Sie hat, wie viele ihrer Freunde, das weiß-rote Armband mit der “Utøya“-Aufschrift nie abgenommen. Auch den Umzug nach Frankreich hat sie verschoben - bis nach dem Wahlkampf. “Es ist gut, etwas zu tun zu haben“, sagt sie. Dass sie ihr politisches Engagement nicht aufgeben, ist für viele Überlebende auch eine Art Therapie.

Es sei gut, dass sich viele Jugendliche weiter engagierten, sagt auch Dyb. Doch sie warnt: “Sie müssen aufpassen, dass sie sich nicht auspowern, nicht zu viel von sich verlangen. Sie haben gerade nicht so viel Kraft wie sonst.“

Wochenende der Trauer in Norwegen

Mehrere Einrichtungen, darunter der Zivilschutz, beteiligten sich an der Organisation des Inselbesuches. Erwartet wurde auch Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Er wolle gemeinsam mit den Menschen trauern und für sie da sein, sagte der Regierungschef. “Ich will da sein als Freund, als Ministerpräsident.“

Dieses Wochenende steht in Norwegen erneut ganz im Zeichen der Trauer. Zum Abschluss ist am Sonntag eine Gedenkveranstaltung in Oslo geplant, zu der Vertreter der Regierung, des norwegischen Königshauses sowie Familien der Opfer, Überlebende und Rettungskräfte erwartet werden.

Das letzte der 77 Opfer war am Donnerstag beerdigt worden. Der geständige Attentäter muss weitere vier Wochen bis zum 19. September in Einzelhaft bleiben. Danach entscheidet das Gericht neu.

Dem Massaker in einem Sommerlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten war eine Bombenexplosion im Regierungsviertel von Oslo vorausgegangen, bei der acht Menschen starben.

dpa/dapd

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