Pressekonferenz zum Germanwings-Absturz

Vater und Gutachter bezweifeln Alleinschuld des Co-Piloten

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Günter L., der Vater des Co-Piloten (vorne) mit dem beauftragten Gutachter Tim van Beveren.

Berlin - Der Vater des Copiloten hat den Jahrestag des Germanwings-Unglücks für eine Pressekonferenz genutzt. Ein Gutachten in seinem Auftrag führt viele Details an, die angeblich Zweifel an der Alleinschuld wecken.

Am zweiten Jahrestag der Germanwings-Katastrophe hat der Vater des Todespiloten Andreas Lubitz mit Hilfe eines Gutachters das einhellige Ergebnis der Ermittlungsbehörden scharf kritisiert. Es sei nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Copilot allein verantwortlich für den Absturz mit 150 Toten sei. „Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit“, sagte der Vater des Copiloten, Günter Lubitz, am Freitag bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv“, betonte er. Dies hatten die Ermittler in ihrem Abschlussbericht zum Unglück auch nicht behauptet. Allerdings gingen sie von psychischen Problemen des 27-Jährigen aus.

Flugunfallexperte Tim van Beveren hatte sich im Auftrag der Familie Lubitz mit dem Fall befasst. Er zählte am Freitag eine Reihe von Details auf, mit denen er Vorgehen und Rückschlüsse der offiziellen Ermittler infrage zog. Angehörige der 149 anderen Menschen an Bord hatten vor der Erklärung den Zeitpunkt als „unverantwortlich“ und „geschmacklos“ kritisiert. Der Schulleiter Ulrich Wessel aus dem westfälischen Haltern, wo am Freitag eine Gedenkfeier für die Halterner Opfer stattfand, nannte dies eine „Provokation, ein Affront gegenüber den Eltern“.

Dem Abschlussbericht der Behörden zufolge brachte der Copilot am 24. März 2015 den Airbus A320 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich zum Absturz in Südfrankreich. Alle 150 Menschen an Bord starben. Zuvor hatte er demnach den Flugkapitän aus dem Cockpit ausgesperrt.

Bundesregierung hält an Ursprungs-Ergebnissen fest

Die Bundesregierung hält an diesen Erkenntnissen nach den Anwürfen der Familie Lubitz auch weiterhin fest: „Es gibt für uns keinen Anlass, an der Art und den Ergebnissen der Unfalluntersuchungsbehörde zu zweifeln“, teilte das Verkehrsministerium am Freitag mit. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) zeigte sich unbeeindruckt. Zwar habe der VC nicht alle 18 000 Seiten der Flugunfall-Untersucher, sondern nur den offiziellen Bericht gelesen. „Da sind bei unseren Experten bisher aber keine Fragezeichen geblieben.„

Der Flugexperte van Beveren hingegen sprach von Vorverurteilung und Spuren, die nicht verfolgt worden seien. Es sei nicht klar erwiesen, wer zum Zeitpunkt des Absturzes der Germanwings-Maschine vor zwei Jahren im Cockpit gesessen habe. Möglicherweise habe es am Jet Probleme mit der Cockpit-Verriegelung gegeben, behauptete er. Er habe Informationen erhalten, dass sich eine Crew dieses Jets einmal selbst ausgesperrt habe. Er habe dies den Ermittlern auch mitgeteilt. „Es ist nicht untersucht worden.“

Van Beveren: „Vermutungen sind keine Beweise“

Man wisse nicht, was sich vor zwei Jahren abgespielt hat, sagte van Beveren. „Wir haben alle Vermutungen. Aber Vermutungen sind keine Beweise.“ Die Ermittler hätten sich schon nach 48 Stunden auf eine Absturzursache festgelegt. „Etwas Vergleichbares habe ich in den vergangenen 25 Jahren nicht erlebt.“ Er kritisierte zudem, dass bei den Ermittlungen zur Unfallursache nur Ingenieure eingesetzt worden seien, aber keine „Human Factor“-Experten, die darauf spezialisiert seien, den Faktor Mensch zu analysieren. Diese könnten beispielsweise aus Stimmenrekorder- und Funk-Aufzeichnungen auf Stress schließen.

Der von der Familie beauftragte Gutachter verwies außerdem auf Turbulenzen, die es am 24. März 2015 über dem Absturzgebiet gegeben habe. Solche Luftlöcher seien sehr gefährlich. Etliche andere Piloten hätten deswegen am Absturztag niedrigere Flughöhen gewählt.

Lubitz rechtfertigte den Zeitpunkt der Pressekonferenz auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Unglück. Die Reaktionen wären die gleichen gewesen, „egal welchen Tag wir gewählt hätten“. Der Familie sei es darum gegangen, Gehör zu bekommen. Sie sieht sich zwei Jahre nach dem Absturz in einer speziellen Trauersituation. „Wir müssen damit leben, dass wir nicht nur unseren Sohn und Bruder verloren haben.“ Die Familie müsse damit leben, dass ihr Sohn schon zwei Tage nach dem Absturz als Verantwortlicher galt und bis heute als „depressiver Massenmörder“ dargestellt werde. Worte des Trostes an die Angehörigen anderer Getöteter fand Lubitz beim Auftritt nicht, allerdings betonte er, dass er sie mit der Wahl des Tages nicht verletzen wollte.

dpa

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