Vertuschungsvorwürfe gegen Zollitsch

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Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche werden jetzt Vertuschungsvorwürfe gegen den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, erhoben.

Mainz/Freiburg - Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche werden jetzt Vertuschungsvorwürfe gegen den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, erhoben.

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Während seiner Tätigkeit als Personalreferent in der Erzdiözese Freiburg soll er nach Recherchen der TV-Sendung “Report Mainz“ und der “Badischen Zeitung“ 1991 einen des Missbrauchs bezichtigten Pfarrer lediglich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt haben. Die Staatsanwaltschaft sei damals nicht eingeschaltet worden. Ein Sprecher des Bistums Freiburg erklärte, der gegen den Freiburger Erzbischof erhobene Vorwurf der Vertuschung sei “unhaltbar“. Der Ortspfarrer sei 1991 in den Ruhestand versetzt worden, obwohl es lediglich Gerüchte über “unsittlichen Kontakt zu Kindern“ gegeben habe und dieser Verdacht zunächst nicht konkretisiert werden konnte. Als sich dann 1995 bei weiteren Recherchen des Erzbistum ein Missbrauchsopfer gemeldet habe und dem Pensionär klargemacht wurde, dass nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werde, habe sich der Pfarrer das Leben genommen.

“Wenn nun suggeriert wird, der Missbrauch ... sei “vertuscht“ und der Pfarrer “lediglich versetzt“ worden, stimmt dies nicht mit den Fakten überein“, sagte ein Sprecher des Erzbistums. “Zu diesen Fakten gehört die offensichtliche Tabuisierung in früheren Jahrzehnten - Kinder und Jugendliche haben sich offenbar zunächst jahrelang nicht getraut, über den Missbrauch zu sprechen. Erst danach konnte die Erzdiözese den Opfern durch gezielte Kommunikation vor Ort ihre Hilfe anbieten.“

Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

Nach Recherchen von “Report Mainz“ hatte der Pfarrer von 1968 bis 1991 mindestens 17 Kinder und Jugendliche missbraucht, vor allem Messdiener. In der Sendung, die am kommenden Montag (22. März, 21.45 ARD) ausgestrahlt wird, berichtet ein Opfer detailliert über den Missbrauch zwischen seinem 11. und 17. Lebensjahr. Betroffene beklagten dem Bericht zufolge, sie hätten jahrelang keine Hilfe bekommen. Der Bistumssprecher erklärte allerdings, nach dem Tod des langjährigen Ortspfarrers sei die betroffene Gemeinde bei einem Gottesdienst im Auftrag des damaligen Erzbischofs Oskar Saier über die Missbrauchsvorwürfe informiert worden. Das Erzbistum habe um Entschuldigung für das Fehlverhalten des Geistlichen gebeten und den Opfern Hilfe angeboten.

Alle Hinweise auf sexuellen Missbrauch im Erzbistum Freiburg würden von einer Kommission untersucht, der künftig auch die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin Barbara Schäfer- Wiegand angehören werde. Das mit Fachleuten besetzte Gremium werde auch Fälle von Missbrauch in früheren Jahrzehnten sorgfältig überprüfen.

dpa

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