Mann erschießt zwei Geschwister und deren Ehepartner

Vierfach-Mord im Kampusch-Ort

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In diesem Haus im niederösterreichischen Strasshof tötete Josef B. zwei Menschen.

Strasshof - Schon wieder schockiert eine grausame Bluttat ganz Österreich.

Der 66-jährige Josef B. soll seine Schwester, Anna J. (63), ihren Mann Johann (67), und seinen Bruder Franz (65) sowie dessen Frau Viera (59) erschossen haben. Und das in Strasshof, dem Ort, in dem Natascha Kampusch fast zehn Jahre in den Fängen ihres Entführers Wolfgang Priklopil ausharren musste!

Mutmaßliches Motiv für die Wahnsinnstat ist ein bereits seit über einem Jahr schwelender Familienstreit: Josef B. musste aus seiner Wiener Wohnung ausziehen, die der getöteten Anna J. gehörte. Nach der Tat floh der mutmaßliche Mörder. Die Fahndung nach dem wahrscheinlich bewaffneten Mann läuft auf Hochtouren.

Josef B., eines von sieben Geschwistern, soll das schwarze Schaf der Familie sein. Es heißt, der geschiedene Vater von drei Töchtern habe seine Zeit gerne in Spielcasinos verbracht. Wovon er seinen Lebensunterhalt bestritt, ist nicht bekannt. Er lebte in einer Wohnung in Wien, die seiner Schwester Anna gehörte. Die beiden stritten bereits seit mehr als einem Jahr, weil die 63-Jährige die Miete erhöhen wollte. Josef B. sah das nicht ein und zog sogar vor Gericht. Scheinbar vergeblich. Vergangenen Montag musste der 66-Jährige ausziehen.

Einen Tag später die Tragödie: Eine Tochter des mutmaßlichen Täters hatte einen Brief von Josef B. gefunden. Darin sprach er von einem möglichen Selbstmord und weiteren Bluttaten. Der Inhalt sei so dramatisch gewesen, dass die Tochter die Polizei verständigte, so Chefermittler Klaus Preining vom niederösterreichischen Landeskriminalamt. Mit einem Sonderkommando der Elitetruppe Cobra stürmten die Beamten die Familienhäuser der beiden Geschwister – und fanden die blutüberströmten Leichen der Ehepaare. Aber warum musste auch der 65-jährige Bruder und dessen Frau sterben? Was hatten sie mit dem Wohnungsstreit zu tun? Angeblich hat sich der Bruder im Zuge des Rechststreits vor Gericht auf die Seite der Schwester gestellt. Das kostete ihn wohl das Leben.

Bisher fehlt von Josef B. jede Spur. Auch in welche Richtung er geflohen ist, ist nicht bekannt, sagt Chefermittler Preining. Er sei mit dem Fahrrad unterwegs, so der Polizist. Vielleicht sei er auch auf die Bahn umgestiegen. Der 66-Jährige soll keinen Führerschein mehr haben, weil er nachtblind ist, so österreichische Medien. Inzwischen wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Josef B. ausgestellt.Am Tatort in der Kleistgasse – ein gelbes, idyllisches Einfamilienhaus mit Holzzaun und gepflegten Garten in einer Seitenstraße von Strasshof – herrscht unterdessen Fassungslosigkeit. „Ich kann das gar nicht glauben, es ist furchtbar“, so ein geschockter Nachbar. Eine andere Dorfbewohnerin fragt: „Wie kann jemand so etwas tun?“

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Der 7000-Seelen-Ort Strasshof, ganz in der Nähe von Wien, muss nun ein zweites Horror-Verbrechen verarbeiten. Das Dorf war bereits im August 2006 in die Schlagzeilen geraten: Als die heute 20-jährige Natascha Kampusch es schaffte, ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil zu entkommen. Fast zehn Jahre dauerte ihr Martyrium in Priklopils Haus, das ganz in der Nähe vom Tatort steht. Priklopil hatte sich nach der Flucht seines Opfers Natascha vor einen Zug geworfen.

D.F.

Warum ausgerechnet Österreich?

„Das Böse ist immer und überall“, sang die erfolgreiche österreichische Pop-Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Nach der unerklärlichen Häufung spektakulärer Kriminalfälle stellt sich die Frage, wieviel österreichische Realität in diesem Liedtext steckt.

In Strasshof ist die Angst vor Negativ-Schlagzeilen jetzt besonders groß. Der Ort, in dem vier Menschen grausam ermordet wurden, gelangte schon vor knapp zwei Jahren zu traurigem Weltruhm. Nach fast zehnjähriger Gefangenschaft gelang der 18-jährigen Natascha Kampusch hier die Flucht. Sie war von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil in dessen Haus in Strasshof festgehalten worden. Im Juni diesen Jahres schockte dann der Inzest-Fall von Amstetten, ebenfalls in Niederösterreich, die Weltöffentlichkeit. Der 73-jährige Josef Fritzl hatte seine Tochter Elisabeth über 24 Jahre in einem Kellerverlies in seinem Haus als Sex-Sklavin eingesperrt und mit ihr sechs Kinder gezeugt, von denen drei bei ihm und drei im Keller bei der Mutter aufwuchsen. Im Mai dann der nächste Schock – der Mitarbeiter eines Parla-

mentsabgeordneten löscht seine Familie mit einer Axt aus. Fünf Tote, drei Generationen. Und jetzt der neue Fall von Strasshof.

„Es gibt keinen Fall Österreich“, ließ Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer nach dem Fall Amstetten die Weltöffentlichkeit wissen. Dennoch: Das Land, in dem Siegmund Freud die Psychoanalyse erfand, pflegt seinen Hang zum Morbiden, zum Mordlustigen und Untergründigen.

Die umfangreiche Auseinandersetzung österreichischer Künstler mit den Abgründen hinter der Fassade des Kleinbürgertums sei kein Zufall, findet der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger. Er hält nichts davon, „so zu tun, als hätte der Fall Amstetten gar nichts mit Österreich zu tun.“ Damit würde man es sich zu leicht machen, Österreich müsse mit der „fatalen Tradition“ brechen, Dinge „unter den Teppich zu kehren“.

Quelle: tz

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