"Von Beruf Terrorist": Carlos erneut vor Gericht

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Der venezolanische Terrorist "Carlos" alias Ilich Ramirez Sanchez.

Paris - Medien-Großaufgebot im Pariser Justizpalast: “Carlos“ steht vor Gericht. Der ergraute einstige Staatsfeind Nummer eins sieht sich als revolutionärer Märtyrer.

Seine Opfer mussten knapp drei Jahrzehnte auf diesen Tag warten: Erstmals traten sie am Montag in einem Pariser Justizsaal dem Mann gegenüber, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft durch blindwütigen Bombenterror ihr Leben änderte. Illich Ramírez Sánchez heißt der heute 62-jährige Venezolaner, der unter dem Aliasnamen “Carlos“ einst als berüchtigter Inbegriff alles Bösen galt.

Seit rund 17 Jahren hat der Anwaltssohn eine französische Adresse: Er wurde 1994 von Agenten aus dem Sudan nach Paris verschleppt und dort drei Jahre später wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Seitdem sitzt er im Gefängnis.

Dennoch sieht Carlos sich weiter dem revolutionären Kampf verpflichtet. “Ich bin von Beruf Revolutionär“, antwortete der entspannt wirkende Venezolaner zum Prozessbeginn auf die Frage des Richters zur Person. In Jeans gekleidet und mit einem Lächeln auf den Lippen präsentierte sich der einstige Top-Terrorist. Und streckte die geballte Faust zum revolutionären Gruß an einige Unterstützer, darunter den umstrittenen französischen Kabarettisten Dieudonné.

Die schlimmsten Terroranschläge seit dem 11. September

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Carlos steht erstmals wegen Terrorismus vor Gericht - es geht um vier Anschläge in Frankreich aus den Jahren 1982/1983. Es gab elf Tote und 150 Verletzte. Carlos wird Mittäterschaft zur Last gelegt. Er soll versucht haben, die Freilassung zweier Weggefährten zu erzwingen - das bestreitet er.

Sechs Wochen wird der Prozess dauern. Seine mitangeklagten mutmaßlichen deutschen Komplizen Christa Margot Fröhlich und Johannes Weinrich fehlen ebenso wie der flüchtige Palästinenser Ali al-Issawi. Weinrich wurde 2000 in Deutschland wegen eines Bombenanschlags zu lebenslanger Haft verurteilt.

Fröhlich ist fast zur gleichen Zeit von Frankreich nach Deutschland geflohen und wird nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft trotz eines Haftbefehls von 2001 nicht ausgeliefert. Der Prozessbeginn zog sich hin, weil zunächst Akten und andere Unterlagen aus Archiven der einstigen kommunistischen Ostblock-Staaten ausgewertet werden mussten.

Obwohl viele Opfer in Interviews ihre Hoffnung auf späte Aufklärung ausdrückten, kommt sie für viele zu spät: Mehrere von ihnen sind bereits gestorben. Dafür steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der in der Haft ergraute Ex-Terrorist den Prozess für seine Zwecke missbrauchen könnte.

“Kein Zweifel, dass dieser zynische Provokateur aus seinem Prozess eine Schaubühne machen wird“, war sich am Montag bereits die Zeitung “Le Parisien“ gewiss. Carlos selbst hatte sich zuvor in ebenso überraschenden wie skurrilen Telefoninterviews aus der Haft kämpferisch gezeigt und dabei auch als eine Art revolutionären Märtyrer präsentiert.

Die Aufhebung einer daraufhin verhängten Einzelhaft erzwang der nach Medienberichten zur Fettleibigkeit neigende Venezolaner durch einen mehrtägigen Hungerstreik. Auch seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre, die der zum Islam konvertierte Carlos in einer religiösen Zeremonie in Haft heiratete, zeigte sich kampfbereit. “Wir werden uns wacker schlagen“, erklärte sie vor den Mikrofonen der rund 60 in- und ausländischen Reporter im Gerichtsgebäude.

dpa

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