tz fragte nach Zugunglück einen Experten

Wie sicher ist Bahnfahren in Deutschland?

München - Nach dem schweren Zugunglück in Spanien fragen sich viele: Wie sicher ist Bahnfahren in Deutschland? Die tz sprach mit einem Experten.

Die Unglücksursache ist noch nicht klar, zuerst müssen die Daten aus der „Blackbox“ ausgewertet und der Fahrer befragt werden. Fakt ist aber: Es gibt in Spanien, wie in Deutschland auch, automatische Bremssysteme für Züge, die Geschwindigkeitsübertretungen verhindern. Doch am Unglücksort war nicht das moderne Hochgeschwindigkeitssystem ETCS installiert. Stattdessen wechselte gerade hier die Strecke auf das ältere ASFA-System. Das bremst erst ab 200 km/h automatisch. Wie ist das in Deutschland? Die tz sprach mit einem Eisenbahnexperten von der TU-Braunschweig, der erklärt wie die Sicherheitssysteme in Deutschland funktionieren.

Welche Sicherheits-Bremssysteme gibt es in Deutschlands Zügen?

Dr.-Ing. Gunnar Bosse (49): Zwei grundsätzliche Überwachungssysteme: Ein System für Hochgeschwindigkeitsstrecken mit Geschwindigkeiten von über 160 km/h und eines für konventionelle Strecken. Dazwischen gibt es Übergangsstellen, dort wird zwischen den Systemen umgeschaltet. Das passiert auf vielen ICE-Strecken.

Sind solche System-Übergänge denn gefährlich?

Bosse: In Deutschland würde das Zugbeeinflussungssystem der Hochgeschwindigkeitsstrecke den Zug auf 160 km/h oder niedriger abbremsen, bevor es ihn in das konventionelle System entlässt.

Kann ein Lokführer mit solchen Überwachungssystemen überhaupt zu schnell fahren?

Bosse: Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken gibt es eine kontinuierliche Zugbeeinflussung, die das Einhalten der Geschwindigkeit permanent überwacht. Der Lokführer kann auf diesen Strecken gar nicht zu schnell fahren, das System würde ihn sofort abbremsen. Auf den konventionellen Strecken gibt es keine durchgehende Überwachung. Nur an kritischen Stellen, wie sehr engen Kurven, wird eine Geschwindigkeitsüberwachung durchgeführt. Aber: Nicht jede Überschreitung führt zu einer Entgleisung. Dafür muss ein Zug schon mit etwa dem 1,5- bis Zweifachen der zulässigen Geschwindigkeit fahren.

Was passiert, wenn das Bremssystem ausfällt?

Bosse: Über das Zugbeeinflussungssystem werden Daten an den Zug übertragen. Werden über eine Strecke von 300 Metern keine Daten empfangen, wird der Zug automatisch gebremst.

Was könnte in Spanien schief gelaufen sein?

Bosse: Eine Möglichkeit: Bremsversagen. Der Zug wurde zwar gewartet, das wurde aber der Eschede-Unglückszug auch. Ich schließe eine solche Möglichkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht aus.

LKU

 

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Rubriklistenbild: © dpa

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