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Wir brauchen Veränderung

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Die Weltwirtschaft ist vergleichbar mit einem Containerschiff, das gefährliche Ladung an Bord hat: Wenn ein Behälter explodiert, kann dies auch die andere Ladung und sogar das ganze Schiff in Gefahr bringen.
Die Weltwirtschaft ist vergleichbar mit einem Containerschiff, das gefährliche Ladung an Bord hat: Wenn ein Behälter explodiert, kann dies auch die andere Ladung und sogar das ganze Schiff in Gefahr bringen. © dpa

Den Regierungen der Welt, die sich in einem beispiellosen Kraftakt durchgerungen haben, Billionen an Garantien zur Stützung der Finanzwirtschaft zu leisten, gebührt zunächst ein Kompliment: Sie haben es geschafft, so hat es den Anschein, Vertrauen an der Börse und auch zwischen den Banken wiederherzustellen.

Wie würde diese Welt wohl aussehen, wenn die Regierungen – weltweit – ähnliche Energie und Effizienz bei der Bekämpfung aktueller Hungerkrisen und drohender Umweltkatastrophen aufbringen würden???

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Aber die Probleme der Weltwirtschaft sind mit den beschlossenen Maßnahmen noch nicht eliminiert, bei Weitem nicht. Bildlich gesprochen ist unsere Weltwirtschaft vielleicht mit einem Containerschiff zu vergleichen, das viel zu schwer ist, zahlreiche Löcher in der Bordwand hat und mit einem mangelhaften Navigationssystem ausgestattet ist. Die Löcher, verursacht von der Explosion des einen oder anderen Containers (wie beispielsweise die US-Bank Lehman Brothers) werden gerade (mit Krediten und Garantien) repariert. Allerdings weiß man nicht, ob vielleicht doch noch ein Container explodiert, der sogar andere weitere Container (Banken, Versicherungen) zur Explosion bringen könnte und weitere Reparaturen an der Bordwand notwendig macht. Außerdem ist die Fracht zu schwer und man wird vielleicht den einen oder anderen Container (Banken) über Bord werfen müssen, um wieder Fahrt zu gewinnen (in der vornehmen Fachsprache: Konsolidierung der Finanzbranche). Das weitere Problem sind die Untiefen des Meeres, die immer noch nicht sichtbaren Risiken (Wertpapier-Berichtigungsbedarf).

Deshalb wird es dringend notwendig, ein gänzlich neues Navigationssystem zu installieren, vielleicht sogar Kapitäne und Mannschaft auszuwechseln. Und was ist mit jenen Hafenmeistern, (den Bankaufsehern und Politikern), die einen solch riskanten Gütertransport auf offenem Meer überhaupt erlaubt haben? Einer von ihnen, Alan Greenspan, ist schon im Ruhestand. Sein Chef, Georg W. Bush, ist auch bald weg. Und der britische Premier, Gordon Brown, konnte mittlerweile bekehrt werden. Aber da gibt es noch die Hafenmeisterei in Deutschland (z.B. BaFin), die gnadenlos versagt hat. Bei dem Münchner Privatbankhaus Reithinger, eher vergleichbar mit einem Ruderboot, wurde die Reise von den Hafenmeistern gestoppt, obwohl das Bankhaus liquide und nicht überschuldet war. Wie vielleicht noch in Erinnerung ist, wurde diese kleine Bank von der Bafin dicht gemacht. Eine eher willkürliche Entscheidung, die angesichts der realen Risiken auf dem kaum kontrollierten, mit explosivem Material überlasteten Containerschiff, besonders grotesk erscheint.

Nein, es wird noch eine Zeit dauern, bis das Containerschiff so stabilisiert ist, dass es die Fahrt gefahrlos fortsetzen kann, ohne mit anderen Schiffen (der Realwirtschaft) zu kollidieren ...

Aber zumindest die akuten Risiken konnten möglicherweise reduziert werden. Das Geld ist nicht weg, es ist nur woanders, teilweise auch bei uns.

Bevor ich einen Ausblick, eine Prognose riskiere, lohnt noch einmal ein Blick zurück, in die letzten Jahre vor der Finanz-Eruption: Es ist in Mode gekommen, mit dem Finger auf andere zu zeigen, insbesondere auf die konsumfreudigen Amerikaner. Das ist sicherlich nicht ganz unberechtigt, aber auch wieder nur die halbe Wahrheit.

Zur Erinnerung: Das Geld, um das es in dieser Finanzmarktkrise geht, ist nicht einfach verschwunden, es ist nur woanders. Auch wir, die Exportweltmeister, haben davon profitiert, denn mit leichtfertig vergebenen Krediten haben die Amerikaner auch hierzulande eingekauft, beispielsweise Autos. Und von jenen Unternehmern, die mit dem Verkauf überteuerter Häuser und Wohnungen große Kasse gemacht haben, dürften nicht nur Festzeltwirte beim Oktoberfest, sondern auch andere Wirtschaftsbereiche in Deutschland profitiert haben, die für Dollar-Millionäre interessant waren. Mehr noch: Viele Chinesen konnten sich mit dem Geld, das sie durch Verkauf ihrer Produkte in den USA verdient haben, ihren ersten Mercedes oder gar eine Beteiligung an einer deutschen Firma leisten, manch einer auch eine Wohnung in München.

Und, machen wir uns nichts vor, Aufschwung, gute Konjunktur, sinkende Arbeitslosenzahlen hierzulande verdanken wir deshalb teilweise auch dem Exzess in den USA. Das einmal kurz zu beleuchten ist aus folgendem Grund lohnenswert: Wer sich der Illusion hingibt, dass die Beendigung der Krise nicht nur nach einer richtigen, sondern auch nach einer gerechten Lösung verlangt, dass also all jene für diesen Finanzexzess „bluten“ sollen, die davon profitiert haben, müsste das Rad der Geschichte so lange zurückdrehen, bis auch das erste aller gewinnbringenden Geschäfte rück abgewickelt wäre, das am Beginn der wundersamen Wohlstandsexplosion stand. Hiervon abgesehen: Wie will man all die Aktionäre ausfindig machen, die zwischendurch von steigenden Preisen bei den Aktien profitiert, diese aber längst wieder gewinnbringend abgestoßen haben? Es sind nämlich nicht nur die Chefs unserer Geschäftsbanken, die gut verdient haben. Das soll man in der Debatte um Managergehälter nicht vergessen. Nein, es muss eine pragmatische Lösung her, eine, die sofort greift. Dazu eine Geschichte, die zum Schmunzeln einladen soll – obwohl oder vielleicht gerade weil sie wahr ist.

Wertpapiere („Schuldscheine“ für Immobilienkredite), die zu Schrottpapieren wurden und damit vor wenigen Wochen eine weltweite Finanzkrise auslösten, erinnern an jene Episode im 17. Jahrhundert, die als Tulpenmanie in die Geschichte einging. Wenn man die Geschichte, die sich von 1630 bis 1637 in Holland zutrug, kennt, gewinnt man den Eindruck, dass die heute verantwortlichen Investmentbanker den Geschichtsunterricht geschwänzt haben.

Damals, 1630, wurden die Tulpen als neuartige und exotische Pflanzen zum Statussymbol der damaligen Hautevolee in Holland. Die Nachfrage überstieg das Angebot. Alsbald wurden Mondpreise für die noch seltene Blume bezahlt. Die Preise stiegen innerhalb von drei Jahren auf das Fünfzigfache an. Der höchste Preis, der 1637 für eine einzige Tulpenzwiebel erzielt wurde, betrug 10 000 Gulden. Das entsprach – im Vergleich zur heutigen Zeit – einem Betrag von ungefähr 100 000 Euro.

Es kam wie es kommen musste. Der irrationale Höhenflug fand ein Ende, weil es irgendwann ein Überangebot gab. Die Tulpenblase platzte, die Preise fielen um 95Prozent, die Wirtschaftskrise war geboren. Denn: Es gab – wie auch heute im Wertpapierbereich – seinerzeit bereits Optionsverträge auf Kauf der noch zu liefernden Zwiebeln, die kaum jemand noch erfüllen konnte oder wollte. Teilweise waren solche Optionsverträge - wie ebenfalls momentan im Wertpapierbereich – weiterverkauft worden. Die Übersicht ging genauso verloren wie die Kreditwürdigkeit der Tulpenhändler, denen der Ruin drohte. Vater Staat wurde gerufen – wie auch heute.

Der Regent der holländischen Region Haarlem beispielsweise entschied sodann, dass Käufer, die vom Kauf zurücktreten wollten, einen Ausgleich zu zahlen hätten, nämlich 3-5 Prozent des ursprünglich vereinbarten Kaufpreises. Die Rezession konnte vermieden werden. Jenes staatliche Verdikt (3-5 Prozent) erinnert an die Vorschläge, die einige US-Ökonomen unterbreitet haben, um die bösen Folgen der dortigen Immobilienblase zu überwinden. Die Empfehlung lautet: Neue Bewertung der finanzierten Immobilien und Herabsetzung bzw. Reduzierung des Kredits für die amerikanischen Häuslebauer, die sich samt und sonders übernommen haben. Das klingt verlockend, ist aber nicht der Weisheit allerletzter Schluss.

Ein großes, weiterhin aktuelles Problem der Finanzwirtschaft trägt den Namen Bilanzierung. Man muss kein Experte sein, um verstehen zu können, was dieses Wort bedeutet und warum die Regeln der Bilanzierung für Banken in den USA und hierzulande als wichtige Ursache der Finanzkrise gelten.

Nehmen wir an, Ihnen gehört ein gut erhaltener VW Golf, den Sie vor zwei Jahren gebraucht für 8000 Euro erworben haben. Sie wollen ihn jetzt für 4000 Euro verkaufen, weil Sie den Kredit zurückzahlen müssen, finden aber keinen Käufer zu diesem Preis, weil plötzlich die Nachfrage nach vergleichbaren Audis größer ist.

Ist das Auto nun wertlos, weil keiner es für 4000 Euro kaufen will? Eher nicht, werden Sie sagen. Und das stimmt wohl auch. Aber die Bank sieht das anders. Sie muss diesen Wert in ihrer Bilanz nach unten korrigieren – mit der Tendenz Richtung null – wenn Sie den Kredit nicht zurückzahlen. So – in etwa – sind nun mal die strengen Bilanzregeln.

Das aber soll geändert werden, damit die Banken nicht von allzu strengen Bilanzregeln erdrosselt werden.

Die Schrottpapiere (Immobilien-Schuldscheine) sollen künftig nur noch in der Höhe abgeschrieben bzw. in der Bilanz nach unten korrigiert werden, wie ein Ausfallrisiko tatsächlich zu erwarten ist. Wenn also der VW Golf realistisch noch 2500 Euro bringt, muss die Bank nur 1500 Euro in der Bilanz korrigieren. Das entlastet die Eigenkapitalsituation der Banken, erleichtert deshalb den Banken die Möglichkeit, sich am Finanzmarkt Kredite zu besorgen, die sie wiederum gewinnbringend an Firmen und Konsumenten weiterreichen kann. Auch dies ein Instrument, das wieder Bewegung in die Wirtschaft bringt. Bleibt zu hoffen, dass diese sinnvolle Erleichterung nicht missbraucht wird.

Die Bundesregierung hat darüber hinaus an die 500 Milliarden an Garantien zur Verfügung gestellt, damit die Banken untereinander nahezu risikolos wieder Kredite verteilen können. Wohlgemerkt: Garantien, kein Bargeld. Fürs erste werden davon 20 Milliarden bereitgehalten. Das entspricht dem, was in einem Jahr für Hartz- IV-Empfänger ausgegeben wird.

Es hat aber den Anschein, dass uns größere Opfer erspart bleiben, dass vor allen Dingen eine Weltwirtschaftskrise ausbleibt. Und, wer weiß, vielleicht macht sich die Politik – weltweit – das Motto des US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama zueigen: „Change, we need“.

Wir brauchen Veränderung – in vielerlei Hinsicht.

Eine Milliarde - wieviel ist das?

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Quelle: tz

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