tz sprach mit der Pflegemutter

Zirkusbub Jeremie: Flucht oder Entführung?

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Jeremie kam als Pflegekind bei der Zirkus-Familie unter.

München - Der elfjährige Jeremie schnappte sich ein Auto und fuhr allein nach Hamburg. Angeblich wollte er seiner Pflegefamilie entfliehen. Nun spricht die Pflegemutter und stellt einiges klar.

Die Geschichte schien klar: Jeremie (11) flüchtete am Dienstag von seiner Pflegefamilie in Lübtheen (Mecklenburg-Vorpommern), setzte sich dazu hinter das Steuer eines klapprigen Transporters und fuhr allein nach Hamburg, wo seine Oma Rositta A. (66) und sein Opa Bruno A. (70) im Stadtteil Billstedt leben. Das Jugendamt hatte verboten, dass er Weihnachten bei ihnen verbringen darf. Der weiße Lieferwagen wurde in Hamburg vor einem Friedhof gefunden. Von Jeremie, dessen Mutter Patricia A. (47) drogenabhängig ist, fehlt seitdem jede Spur. Immerhin soll er seinen Großeltern per Telefon ein Lebenszeichen hinterlassen haben. Sie erheben nun schwere Vorwürfe gegen die Pflegefamilie, die einen Wanderzirkus unterhält. Jeremie habe Ställe ausmisten müssen, sei zum Betteln und Stehlen geschickt worden. Schläge habe es auch gegeben.

Doch hört man die Seite der Pflegefamilie S., stellt sich die Lage plötzlich anders dar. Die tz erreicht Carmen S. am Telefon. Die Stimme der 45-jährigen Chefin des Circus Monaco klingt verzweifelt: Knapp zwei Jahre habe Jeremie in ihrer Familie gelebt, er habe sich trotz schwerer Kindheit prima integriert: „Wir machen uns Sorgen um Jeremie. Die ganze Nacht haben wir nach ihm gesucht, hatten keinen Schlaf. Wir wissen nicht, wo unser Kind ist, nur, dass es in Hamburg ist.“ Ihr Verdacht: Jeremie könnte von Verwandten verschleppt worden sein! Ein Indiz, dass der Bub unmöglich allein gefahren sein kann, sei die kaputte Lenkung des Kastenwagens, die für ein Kind kaum zu beherrschen sei. Familie S. hat jetzt Strafanzeige wegen Kindesentführung gestellt. Die Polizei nimmt die Vorwürfe ernst. Ein Sprecher in Hamburg bestätigte der tz: „Wir untersuchen gerade den Transporter, um herauszufinden, ob Jeremie allein war oder Begleitung hatte.“

Diebstähle? "Das ist blanker Quatsch"

Carmen S., die selbst sieben leibliche Kinder hat: „Er hat nie gesagt, dass er zu seiner Familie zurück will. Er war glücklich hier.“ Jeremie ist ihr einziges Pflegekind. Zu den Vorwürfen, der Elfjährige habe stehlen müssen und sei geschlagen worden, sagt Carmen S. nur: „Das ist blanker Quatsch.“ Auch beim diakonischen Neukirchener Erziehungsverein aus Nordrhein-Westfalen, der als freier Träger mit dem Jugendamt zusammenarbeitet und die Pflegestelle vermittelte, glaubt man nicht an Misshandlungen des Kindes. Sprecher Ulrich Schäfer zur tz: „Jeremie hat freiwillig im Zirkus mitgeholfen. Mitarbeiter haben dort jeden Monat vorbeigeschaut, und es war immer alles in Ordnung.“ In einem Bericht einer Lokalzeitung hatte der Knirps sogar mal erzählt, er wolle Zirkusdirektor werden.

Bei der Unterbringung des Buben in einem Zirkus spielte dessen Herkunft aus einer Roma-Familie eine Rolle, heißt es unterdessen beim Jugendamt Hamburg-Mitte, das übrigens erst Anfang des Jahres durch den Fall Chantal in die Schlagzeilen geraten war. Die Elfjährige war in der Wohnung ihrer Pflegeeltern an einer Überdosis Methadon gestorben. Im Fall Jeremie heißt es nun, für das als schwierig geltende Kind habe es keine andere Alternative als den Zirkus gegeben. „Es ist nicht gelungen, eine andere Unterbringung zu finden.“ Denn auch der angeblich so fürsorgliche Großvater Bruno soll den Buben mehrfach misshandelt haben.

K.B.

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