Ackermann geht - und hinterlässt viele Baustellen

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Ackermann geht

Frankfurt am Main - Die Deutsche Bank muss künftig ohne Josef Ackermann auskommen. Nach zehn Jahren an der Spitze verlässt Ackermann im Mai 2012 den Konzern. Oberster Kontrolleur seiner Nachfolger will er nun doch nicht werden.

Es hätte für ihn alles so schön sein können: Mit einem Rekordgewinn wollte sich Josef Ackermann 2012 als Deutsche-Bank-Chef verabschieden. Als neuer Aufsichtsratschef sollte er weiterhin über das größte deutsche Geldhaus wachen. Doch es kam ganz anders: Das Gewinnziel von zehn Milliarden Euro vor Steuern kassierte die Bank wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten bereits Anfang Oktober. Am Montagabend dann verkündete Ackermann seinen Verzicht auf den Aufsichtsratsvorsitz - ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo die Deutsche Bank an allen Fronten kämpft.

Stichwort SCHULDENKRISE: In Europa brennt es an allen Ecken und Enden, die Schuldenkrise lässt auch die Banken bluten. Milliardenabschreibungen für Griechenland haben die meisten Häuser schon eingepreist, sofern sie Risikotitel nicht bereits vorher abgebaut haben. Staatsanleihen sind längst kein sicherer Hafen mehr, die Banken müssen nach neuen, stabilen Geschäftsfeldern suchen, möglicherweise ihr ganzes Geschäftsmodell neu erfinden. “Unserer Branche steht ein unruhiges Jahrzehnt bevor“, meint Ackermann.

Stichwort REGULIERUNG: Bislang kam die Deutsche Bank ohne Staatshilfe durch die jüngsten Krisen. Doch die Anforderungen der Regulatoren werden schärfer, insbesondere was die Kapitalpuffer großer Institute angeht. Die Deutsche Bank sei sehr gut auf die künftig strengeren Eigenkapitalvorschriften vorbereitet und könne diese vor Ablauf der festgelegten Fristen erfüllen, betonte Ackermann zuletzt. Er selbst warnt aber immer wieder davor, Europas Finanzinstituten zu viele Fesseln anzulegen, um nicht den Wettbewerbern in die Hände zu spielen.

Stichwort INVESTMENTBANKING: Im Geschäftsbereich des designierten Co-Vorstandschefs und Ackermann-Zöglings Anshu Jain lief es zuletzt nicht rund. Im dritten Quartal ließ der Konzern im Investmentbanking mächtig Federn. Die Zuspitzung der Schuldenkrise verdarb vielen Anlegern die Lust am Investieren, hinzu kamen millionenschwere Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen. Eine Folge: Bis Ende März kommenden Jahres will die Bank in diesem Bereich 500 Stellen vor allem außerhalb Deutschlands streichen.

Branchenkenner sind überzeugt: Der designierte Aufsichtsratschef Paul Achleitner ist gerade mit Blick auf die wichtige Sparte eine gute Besetzung. Der Allianz-Finanzvorstand kennt sich im Investmentbanking gut aus, versteht das Geschäft und könnte - auch weil er von außen dazustößt - ein Gegengewicht zu Jain bilden. Jain soll an der Seite von Deutschland-Chef Jürgen Fitschen im Mai 2012 das Ruder übernehmen soll.

Stichwort KIRCH-PROZESS: Der seit Jahren schwelende Rechtsstreit um milliardenschweren Schadenersatz für die Pleite des inzwischen gestorbenen Medienzars Leo Kirch wird auch für Ackermann zur Dauerbelastung. Die Staatsanwaltschaft München verdächtigt den Deutsche-Bank-Chef, im Mai im Zivilverfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht falsche Angaben gemacht zu haben und durchsuchte auch Ackermanns Büro in Frankfurt. Die Bank wehrt sich gegen die Vorwürfe - und gegen die Richter des Zivilverfahrens.

Stichwort US-GESCHÄFT: Als ob die Probleme daheim für die nicht schon genug wären, holt den Branchenriesen auch noch seine Vergangenheit in den USA ein. Die Frankfurter zahlen in einem Vergleich 145 Millionen Dollar (106 Mio Euro), um Streitigkeiten wegen der Pleite von fünf großen Genossenschaftsbanken während der Finanzkrise beizulegen. Es geht um den Verkauf von Hypothekenpapieren.

Auch an weiteren Fronten muss sich die Deutsche Bank in den USA wehren: Staatsanwälte ermitteln wegen möglicherweise gesetzwidriger Hauspfändungen. Zwar vergeben die Frankfurter in den Staaten nicht selbst Kredite, doch sie vertreten als Treuhänder die Interessen von Hypotheken-Investoren. Überdies sieht sich die Deutsche Bank Vorwürfen gegenüber, bei staatlichen Kreditprogrammen betrogen zu haben. Die gestrauchelte französisch-belgische Finanzgruppe Dexia hatte sich ebenfalls von der Deutschen Bank übers Ohr gehauen gefühlt bei einem eine Milliarde Dollar schweren Hypotheken-Deal; Dexia reichte im Sommer Klage ein. In allen Fällen streitet der deutsche Branchenprimus ein Fehlverhalten ab.

Mit seinem überraschenden Abgang macht Ackermann den Weg für einen Neubeginn bei der Bank frei - die Altlasten aber bleiben. Vor allem die gebeutelten Aktionäre sehen viel Luft nach oben. In Ackermanns inzwischen fast 10-jähriger Amtszeit hat sich der Kurs der Aktie mehr als halbiert. Dass nun alles besser wird, glauben die Anleger aber nicht: Am Dienstag gab das Papier des Dax-Konzerns im Tagesverlauf um gut 2,5 Prozent nach.

dpa

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