Hohe Kursverluste

Das China-Beben: Was es für die deutsche Wirtschaft bedeutet

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Chinas Privatanleger sind schockiert.

München - Kurs-Schock an Chinas Börsen: Der Handel mit Aktien wurde im Reich der Mitte ausgesetzt, auch der Dax verlor massiv. Die tz erklärt, was passiert ist und wie die deutsche Wirtschaft reagiert.

Am Donnerstag wurde bereits zum zweiten Mal in dieser Woche der Handel mit Aktien im Reich der Mitte ausgesetzt – auch der Dax verlor massiv und rutschte unter die 10 000-Punkte-Marke. Die tz erklärt, was passiert ist und hat mit dem Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln darüber gesprochen, was die Turbulenzen in Fernost für unsere Wirtschaft bedeuteten.

Warum ging es an Chinas Börsen bergab? Kurzfristiger Auslöser war die Veröffentlichung schlechter Daten zur Stimmung in Chinas Wirtschaft. Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten im Reich der Mitte sind ohnehin vorbei – die Regierung selbst geht noch von einem Zuwachs um 6,8 Prozent aus. Viele Experten halten allerdings selbst das für viel zu optimistisch.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Crash und US-Zinswende? Das ist zumindest denkbar. Im Dezember hatte die US-Notenbank Fed erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen von der Nulllinie angehoben. Einige Experten hatten vor einer Kapitalflucht aus den Schwellenländern gewarnt, denn höhere Zinsen in den USA machen die Geldanlage andernorts weniger attraktiv. Tatsächlich stürzte Chinas Währung Yuan am Donnerstag auf den niedrigsten Stand seit fast fünf Jahren ab.

Welche Verantwortung trägt die chinesische Führung für die Turbulenzen? Viele Experten sehen eine Mitverantwortung. Seit Jahresbeginn gilt in China eine neue Regelung, nach der bei starken Kurseinbrüchen der Handel vorübergehend ausgesetzt oder sogar ganz eingestellt wird – eigentlich eine Notfallmaßnahme, die aber die Anleger möglicherweise zusätzlich verunsichert. Mit massiven Aktienkäufen über staatlich kontrollierte Fonds haben die Behörden seit Montag zudem versucht, den Kursverfall aufzuhalten.

tz-Interview: So reagiert die deutsche Wirtschaft

Warum diese Kurs-Achterbahn an Chinas Börsen?

Jürgen Matthes, Konjunkturexperte IW Köln.

Jürgen Matthes: Die Börsen haben immer wieder darauf reagiert, dass sich die Wachstumsaussichten in China verschlechtert haben. Es sind zudem Zweifel daran aufgekommen, wie das chinesische Wachstumsmodell die Transformation von einer industrie- und exportorientierten Wirtschaft hin zu einer stärker dienstleistungs- und konsum-orientierten Wirtschaft meistert. Diese Unsicherheit wirkt sich an den Börsen aus.

Muss man sich denn ernsthaft Sorgen um China machen?

Matthes: Das hängt sehr von der Perspektive ab. Ein Wachstum von etwa sieben Prozent wie im letzten Jahr ist natürlich für unsere Verhältnisse exorbitant hoch. Wenn man aber bedenkt, dass die chinesisichen Wachstumsraten noch vor Kurzem bei zehn Prozent oder darüber lagen, dann handelt es sich natürlich um eine deutliche Verlangsamung des Wachstums. Spannend werden die Zahlen fürs vierte Quartal des vergangenen Jahres – da wird sich zeigen, ob das Wachstum nicht sogar noch unter die Schwelle von 7 Prozent gesunken ist. Außerdem stellt sich die Frage, ob das Wachstum nicht generell langsamer ist und ob die offiziell gemeldeten Zahlen nicht zu hoch sind.

Welche Konsequenzen hat diese Situation für uns hier in Deutschland?

Matthes: An der Börse ist das offensichtlich: In den letzten Monaten ging es für den Dax immer wieder rauf und runter. Diese größeren Schwankungen würde ich aber nicht überbewerten, solange es nicht zu einer tiefen Krise in China kommt. Viel gravierender sind die realwirtschaftlichen Auswirkungen, die über die Börsenkurse hinausgehen.

Was droht dort?

Matthes: Wenn die chinesische Wirtschaft nicht mehr so stark wächst, spürt das natürlich die deutsche Exportwirtschaft. In der Phase, als es hier in Europa schlechter lief, haben die Exporte nach China die Absatzeinbußen in Europa kompensieren können. Jetzt sind die Vorzeichen umgekehrt. Zwar läuft es in China schlechter, aber die Märkte in Europa und den USA erholen sich.

Können die Einbrüche in China tatsächlich so kompensiert werden?

Matthes: Gesamtwirtschaftlich gesehen durchaus. Die Exportanteile in die Europäische Union sind deutlich höher als die nach China. Wenn sich einzelne Unternehmen sehr auf China konzentriert haben, haben sie in dem Fall natürlich das Nachsehen gegenüber der Konkurrenz, die auf mehreren Absatzmärkten vertreten ist.

Für wie robust halten Sie die deutsche Konjunktur?

Matthes: Wir haben ein konsumgetriebenes Wachstum auf Basis eines gut laufenden Arbeitsmarktes. Unterstützt wird das Ganze durch zwei Einmal-Effekte: den niedrigen Ölpreis und den Euro-Wechselkurs. Die Frage ist jetzt, wie die Investitionen reagieren, die schon in den vergangenen Jahren eher verhalten waren. Da sehen wir auch heuer kein echtes Anspringen der Investitionskonjunktur.

Die bayerischen Metallarbeitgeber nannten die konsumgetriebene Konjunktur als Scheinkonjunktur, die der Industrie nicht helfe. Ist da was dran?

Matthes: Ja, die deutsche Industrie hängt natürlich eher am Export. Der Konsum treibt eher die Dienstleistungsbranche an – bei der Industrie bleibt da weniger hängen. Das Wachstum 2015 könnte sich – auch dank der Sondereffekte Ölpreis und Euro-Wechselkurs – teils als ein Konsum-Strohfeuer entpuppen.

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