Muss das AKW Grafenrheinfeld länger laufen?

In Bayern droht 2015 der Stromkollaps

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Arbeiter montieren einen Strommast im Thüringer Wald.

München - Wie sicher ist die Stromversorgung in Bayern? Die Vereinigung der bayerische Wirtschaft (vbw) zeichnet ein düsteres Szenario. Eine Studie gibt Anlass zur Sorge.

Wie sicher ist die Stromversorgung in Bayern? Die Vereinigung der bayerische Wirtschaft (vbw) zeichnet ein düsteres Szenario. „Wenn die Politik jetzt nicht handelt, scheitert die Energiewende“, sagt vbw-Präsident Alfred Gaffal. Die vbw hat eine Studie zum Stand der Energiewende in Auftrag gegeben – das Ergebnis ist verheerend. Tenor: Wenn alles so weiterläuft wie bisher, wird ab 2015 in Bayern nicht mehr so viel Strom vorhanden sein, wie benötigt wird. Die tz erklärt die wichtigsten Punkte: Wie steht es um unsere Energie­sicherheit? Und warum wird plötzlich über eine mögliche Laufzeitverlängerung für das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld diskutiert?

Müssen wir in diesem Jahr Stromausfälle befürchten? Nein. Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist hoch. „Das gilt auch für Bayern“, erklärt vbw-Präsident Gaffal. Erst ab 2015 droht Ungemach.

Was ändert sich 2015? Ende 2015 wird das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt stillgelegt. Wenn der Strom aus diesem Kraftwerk wegfällt, reicht in Bayern die Kraftwerksleistung nicht mehr aus, um die Nachfrage in Spitzenzeiten zu decken. „Bayern kann zu diesem Zeitpunkt weder aus anderen Regionen Deutschlands noch aus dem Ausland im nötigen Umfang Strom beziehen“, warnt Gaffal.

Müssen wir dann mit flächendeckenden Stromausfällen rechnen? Solche Blackouts sind theoretisch möglich. Allerdings eher auf regionaler Ebene. Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass energieintensive Unternehmen in Spitzenzeiten ihre Prozesse herunterfahren müssten, um die Nachfrage zu senken. Dafür müsste sie die Politik dann allerdings finanziell entschädigen.

Das Problem ist bekannt, wie reagiert die Politik? Zu zögerlich. Dreh- und Angelpunkt ist der Ausbau der „Thüringer Strombrücke“. Diese Stromtrasse durch den Thüringer Wald soll dafür sorgen, dass der in Norddeutschland produzierte Windstrom nach Bayern gelangen kann. Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, die für den Ausbau zuständig ist, räumte ein, dass es zu Verzögerungen komme. Sie müsse aber bis Ende 2015 stehen. „Die Fertig­stellung 2015 ist sehr optimistisch. Realistisch ist erst 2017 damit zu rechnen“, fürchtet vbw-Präsident Gaffal.

Muss das AKW Grafenrheinfeld länger laufen?

Was ist, wenn die Thüringer Strombrücke wirklich nicht fertig wird? Gaffal fordert einen „Plan B“. Dafür müssten so schnell wie möglich Ersatzkraftwerke in Betrieb genommen werden. Das große Problem: Solche Kraftwerke rentieren sich kaum. Als ein mögliches Ersatzkraftwerk gilt das Gaskraftwerk Irsching 4 bei Ingolstadt, das als eines der effizienten Gaskraftwerke der Welt gilt. Doch Gas ist teuer, während für die Produktion von Sonnen- und Windenergie keine Rohstoffkosten anfallen und der Strom aus diesen Energiequellen konkurrenzlos günstig ist. Der Staat hält die Kraftwerksblöcke 4 und 5 am Netz, obwohl der Betreiber Eon sie für unwirtschaftlich hält. „Nur konventionelle Kraftwerke können die Versorgungssicherheit gewährleisten“, mahnt Gaffal. Doch auch hier könne nicht genug Strom erzeugt werden, um den Wegfall von Grafenrheinfeld komplett zu kompensieren. Dafür wäre noch ein weiteres Kraftwerk nötig.

Und wenn das nicht gelingt? Gafall sieht zwei Möglichkeiten. Man könne sicherstellen, dass ausreichend Strom aus Tschechien oder Frankreich importiert wird. Die zweite Möglichkeit ist brisant: „Im Notfall muss die Laufzeit des Kernkraftwerk Grafenrheinfeld eben um ein halbes Jahr oder ein Jahr verlängert werden, bis die Thüringer Strombrücke fertig ist“, so Gaffal.

Was sagt die Politik dazu? „Jetzt ist die Katze aus dem Sack“, poltert Martin Stümpfig, energiepolitischer Sprecher der Landtags-Grünen. Seine SPD-Kollegin Natascha Kohnen wittert gar ein Spiel über Bande: „Herr Seehofer schießt die Windenergie in Bayern zusammen und Herr Gaffal fordert wegen der dadurch entstehenden Verzögerungen bei der Energiewende nun die Rückkehr zur Kernkraft.“ Gaffal wehrt sich: „Die vbw hat bereits vor dem Unglück von Fukushima und dem daraus resultierenden Ausstieg aus der Kernenergie eigene Ausstiegsmodelle berechnen lassen.“ Er vermisse aber den gesellschaftlichen Konsens, die ehrgeizigen Ziele der Energiewende umzusetzen und dafür die politischen Grundentscheidungen zu treffen.

Mk

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